_Praxis

​​Musik zur Motivations- und Leistungssteigerung ​

​Im Sport gängig – eine Idee für die Rehabilitation?

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​Körperliche Aktivität mit Musik unterstützen – dieses Ziel verfolgten bereits in den 80er-Jahren animierende Fernsehsendungen mit sportlichen Vorturnern. Aerobic kam damals ganz groß in Mode. Heutzutage gibt es neue Kombinationen von Bewegung und Musik, Zumba und Capoeira sind nur einige davon. Was in der Gruppe begann, nutzen nun zunehmend mehr Freizeitsportler. Verwenden Sie Musik schon gezielt für deren Rehabilitation?

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Foto: Maridav / shutterstock.com

Heutzutage hören viele Amateursportler während ihres Trainings Musik, beispielsweise beim Joggen oder im Fitness. Im Fernsehen fallen Spitzensportler auf, die vor einem wichtigen Wettkampf sehr fokussiert und mit Kopfhörern zu sehen sind. Bekannt sind die legendären Erfolge von Haile Gebrselassie und Iwan Thomas durch den Einfluss von Musik (siehe Kasten).


​Erfolgreich durch Motivation ​

Motivation und der emotionale Zustand sind grundlegend für Leistungen im Sport. Im Spitzensport spielen sie sogar eine entscheidende Rolle bei wichtigen Wettkämpfen. Motivation ist eng verbunden mit Gefühlen und damit verschiedenen Emotionen und Körperempfindungen. Sie wird in intrinsische und extrinsische Motivation unterschieden: Entsteht der Antrieb aus einem selbst heraus, ist dies intrinsische Motivation. Wird die Motivation durch äußere Anreize und Belohnungen aktiviert, spricht man von extrinsischer Motivation. Musik, die vor und während des Sports eingesetzt wird, schreibt Dr. Dan Bishop der intrinsischen Motivation zu (2) (Tab. 1).


​Musik lenkt die Aufmerksamkeit beim Sport ​

Die Art und Qualität der Musik kann aber auch dem assoziativen oder dissoziativen Denken zugeordnet und entsprechend ausgewählt und eingesetzt werden. Beim assoziativen Denken werden Eindrücke mit Bekanntem verknüpft (assoziiert). Auf den Sport bezogen heißt dies, dass der Athlet sich auf Leistungsaspekte wie Schrittkadenz, Atmung, Anstrengung oder den Gegner konzentriert. Beim dissoziativen Denken achtet der Sportler nicht auf Leistungsaspekte, sondern auf Dinge, die von der Aktivität ablenken. Je nach Zielsetzung können Musikstücke so ausgewählt und eingesetzt werden, dass sie eher das assoziative oder das dissoziative Denken fördern.


​Marathon in Bestzeit durch gezielte Musikauswahl ​

Ein bekanntes Beispiel dafür ist, wie der Marathonläufer, er wird Joe genannt, mit der Veränderung seiner Trackliste seine Laufzeit deutlich verbesserte (2, 3). Als Erstes wurden die Zwischenzeiten seines Marathons analysiert: Dabei zeigte sich, dass er den Marathon zu schnell begann. Anschließend bewertete Joe die 26 Stücke seiner Trackliste mit dem Affect Grid (siehe Kasten).

Die Stücke wurden nun neu zusammengestellt, sodass kurz vor und am Anfang des Marathons zwei Lieder mit geringer Erregung zu hören waren (assoziatives Denken). Zudem wurde Joe angewiesen, vor dem Lauf möglichst viel die Augen zu schließen, um sich auf kinästhetische Reize des Körpers zu konzentrieren. Im Anschluss folgten Stücke mit höherer Erregung (dissoziatives Denken). Danach wechselten sich Stücke mit assoziativem beziehungsweise dissoziativem Denken ab.

Musik kann also vor oder während des Sports zur Motivations- und Leistungssteigerung eingesetzt werden. Laut Schweizer Anti-Doping-Behörde ist Musik zur Leistungssteigerung grundsätzlich erlaubt; bei bestimmten Wettkämpfen – je nach Sportart – ist das Mittragen von elektronischen Geräten jedoch verboten (4).


​Musik vor der Aktivität ​

Zum Einsatz von Musik vor dem Sport oder Wettkampf gibt es nur wenige Untersuchungen. Lieder mit höherem Tempo bewirken eine stärkere Erregung und positivere Emotionslage als Lieder mit niedrigem Tempo (2). In Interviews mit 14 jungen Elite-Tennisspielern zeigte sich, dass die Sportler die Musik so auswählten, dass verschiedene emotionale Zustände hervorgerufen wurden (5). Die Folgen waren unter anderem eine bessere Stimmung und eine erhöhte Erregung. Die Auswahl erfolgte nach unterschiedlichen Gesichtspunkten wie inspirierender Text, bevorzugte Musik und erwünschter emotionaler Status.


​Musik während der Aktivität ​

Die meisten Untersuchungen zu Musik während der Aktivität wurden für den Laufsport durchgeführt. Die Schrittkadenz passte sich bei einem 800-Meter-Lauf dem Tempo der Musik an (nur drei Prozent schneller / langsamer als die sonst übliche Schrittkadenz). Dieser Effekt war bei Frauen größer als bei Männern (6). Synchron zur Schrittkadenz eingesetzte Musik wirkte beim 400-Meter-Sprint leistungssteigernd, motivierende Aspekte spielten hingegen keine Rolle (7). Beim 500-Meter-Sprint-Rudern hatte schnellere Musik einen erregenden und damit leistungssteigernden Einfluss (8).

In einer weiteren Untersuchung spielten dagegen motivierende Qualitäten der Musik beim Joggen eine größere Rolle, als wenn das Stück zur Schrittkadenz passte (9). Anregende Musik und Videos während 30-minütiger hochintensiver Laufbandübungen führten zudem zu einer Leistungssteigerung (10). Während hochintensivem Fahrradtraining hatte die bevorzugte Musik Einfluss auf die Leistung und senkte sogar die wahrgenommene Anstrengung; motivierende Qualitäten hatten keinen Einfluss (11).


​Die richtige Musikauswahl ​

Zur Auswahl von Musikstücken existieren mindestens zwei Hilfsmittel. Mit dem Affect Grid (12) wird ein Musikstück bezüglich der Komponenten “Freude” und “Erregung” auf einer Neun-mal-neun-Matrix beurteilt (siehe Kasten). Je nach Zielsetzung (assoziatives oder dissoziatives Denken, emotionaler Status) werden damit die geeigneten Musikstücke ausgewählt.

Das Brunel Music Rating Inventory-2 (BMRI-2) wurde speziell entwickelt (13, 14) , um Musikstücke nach verschiedenen Aspekten zu bewerten und auszuwählen. Wurde Musik mit dem BMRI-2 ausgewählt, wirkte sie leistungssteigernder als zufällig gewählte Musik (9).

 


​Tipp: Wie soll die Musik ausgewählt und eingesetzt werden? ​

Musik, die vor dem Sport oder Wettkampf angewendet wird:

  • Musik kann ausgewählt werden, um einen bestimmten emotionalen Zustand (zum Beispiel Freude, Erregung, Entspannung, angenehmes Gefühl) zu erreichen. Aspekte wie inspirierender Text, bevorzugte Musik und erwünschter emotionaler Status spielen dabei eine Rolle (5).
  • Musik mit schnellerem Tempo wirkt erregender und sorgt für eine bessere emotionale Stimmung als langsamere Musik (2).

 

Musik, die während der Aktivität angewendet wird:

  • Motivierende Musik und Videos während der Aktivität führen zu einer Leistungssteigerung (9–11) und senken die eigene Empfindung für Anstrengung (11).
  • Schnellere (8) und lautere Musik wirkt leistungssteigernd.
  • Bei schnelleren Läufen (zum Beispiel 400 oder 800 Meter) wird in einem Testlauf erst die Schrittkadenz gemessen. Das Musikstück sollte dann so ausgewählt werden, dass die Schläge pro Minute (Beats pro Minute – BPM) gleich hoch oder etwas schneller als die Schrittkadenz sind.
  • Bei kürzeren Läufen spielen die BPM synchron zur Schrittkadenz eine größere Rolle als motivierende Aspekte.
  • Bei längeren Läufen sind bevorzugte Musik oder motivierende Aspekte wichtiger.
  • Je nach Zielsetzung können bewusst eher leistungsorientierte (assoziative) oder ablenkende (dissoziative) Musikstücke ausgewählt werden.
  • Zur optimalen Gestaltung einer längeren Aktivität (zum Beispiel Halbmarathon, Marathon) kann die Trackliste je nach Zielsetzung in den verschiedenen Abschnitten mit ablenkenden oder leistungsorientierten Stücken zusammengestellt werden.
  • Wenn man Musikstücke bewerten möchte, um sie besser auszuwählen, kann der Affect Grid (siehe Kasten) oder das Brunel Music Rating Inventory-2 (BMRI-2) (siehe Kasten) verwendet werden.

 

Motivierende Musik:

Eine Auswahl an Musikstücken mit Angaben zu BPM finden Sie unter: sportsmedicine-open.springeropen.com/articles/10.1186/s40798-015-0025-9

Gefahren:

Laute Musik kann das Gehör schädigen. Bei ablenkender und / oder lauter Musik können körperliche Leistungsgrenzen oder Gefahren (zum Beispiel Straßenverkehr) übersehen werden.

Heft 7-2017


Literatur

1) Karageorghis C. 1998. It don’t mean a thing if it ain’t got that swing: music for sport and exercise. Ultra-fit Mag. 8, 5:30–2

2) Napolski N. 2011. Sportliche Musik. www.trainingsworld.com/sportmedizin/motivation/sportliche-musik-1279101; Zugriff am 16.5.2017

3) Heibel M. 2009. Welchen Einfluss hat Musik auf die sportliche Leistungsfähigkeit? www.netzathleten.de/fitness/richtig-trainieren/item/479-welchen-einfluss-hat-musik-auf-die-sportliche-leistungsfaehigkeit; Zugriff am 16.5.2017

4) Stiftung Antidoping Schweiz. 2017. www.antidoping.ch/de; Zugriff am 16.5.2017

5) Bishop DT, Karageorghis CI, Loizou G. 2007. A grounded theory of young tennis players use of music to manipulate emotional state. J. Sport Exerc. Psychol. 29, 5:584–607

6) Van Dyck E, Moens B, Buhmann J, Demey M, Coorevits E, et al. 2015. Spontaneous entrainment of running cadence to music tempo. Sports Med. Open 1, 1:15

7) Simpson SD, Karageorghis CI. 2006. The effects of synchronous music on 400-m sprint performance. J. Sports Sci. 24, 10:1095–102

8) Rendi M, Szabo A, Szabó T. 2008. Performance enhancement with music in rowing sprint. Sport Psychol. 22, 2:175–82

9) Lane AM, Davis PA, Devonport TJ. 2011. Effects of music interventions on emotional states and running performance. J. Sports Sci. Med. 10, 2:400–7

10) Barwood MJ, Weston NJ, Thelwell R, Page J. 2009. A motivational music and video intervention improves high-intensity exercise performance. J. Sports Sci. Med. 8, 3:435–42

11) Lin JH, Lu FJ. 2013. Interactive effects of visual and auditory intervention on physical performance and perceived effort. J. Sports Sci. Med. 12, 3:388-93

12) Russel JA, Weiss A, Mendelsohn GA. 1989. Affect grid: a single-item scale of pleasure and arousal. J. Personal. Soc. Psychol. 57, 3:493–502

13) Karageorghis CI, Priest DL, Terry PC, Chatzisarantis NL, Lane AM. 2006. Redesign and initial validation of an instrument to assess the motivational qualities of music in exercise: the Brunel Music Rating Inventory-2. J. Sports Sci. 24, 8:899–909

14) Karageorghis CI, Terry PC, Lane AM. 1999. Development and initial validation of an instrument to assess the motivational qualities of music in exercise and sport: the Brunel Music Rating Inventory. J. Sports Sci. 17, 9:713–24

Autor 1

Stefan Schädler

Physiotherapeut; selbstständig tätig in physiotherapeutischer Praxis, Schwerpunkte: Neurologie, Schwindel / Gleichgewicht, Geriatrie und Assessments; Autor, Referent und Kursleiter. ​

​mail@stefan-schaedler.ch ​

Autor 2

Florin Schädler

Untersuchte die Wirkung von Musik auf die Leistung im Sport (Maturaarbeit); leidenschaftlicher Sportler, strebt ein Sportstudium an; zweifacher Preisträger als bester Torhüter des Fußballturniers Copa Santa in Barcelona. ​

florin.schaedler11@gmail.com ​

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