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​... und wieder locker lassen! ​

​Die Lymphdrainage-Dauerpatientin ​

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Grafik: bilha golan / shutterstock.com

Es gibt Stürme, die den halben Waldbestand von Bundesländern verwüsten, und Unwetter, die für Überschwemmungen in weiten Landesteilen sorgen – Kräfte also, die wir gar nicht oder nur schwer kontrollieren können. Aber eine Naturgewalt kann wirklich niemand bändigen: die Lymphdrainage-Dauerpatientin.

Sie war da, lange bevor es überhaupt Praxen gab. Fachleute äußerten neulich die Vermutung, dass sie bereits zum Zeitpunkt des Urknalls existiert habe; vielleicht auch schon davor, das könne man nicht ausschließen. Andere Experten möchten den Katalog der sieben Plagen um eine achte erweitern, die der … Sie wissen schon. Aber das finde ich nicht richtig. Das ist gemein. Das sollte man nicht tun.

Egal ob man in Urlaub fahren möchte, die Praxis renoviert wird, ein Brückentag ein langes Wochenende begünstigt oder die Queen in der Stadt ist, die man gerne mit fröhlichem Fähnchenschwenken begrüßen würde – die Dauerpatientin besteht auf der Einhaltung ihres Termins, freitags von 16 bis 17 Uhr. „Das war doch schon immer so.” Der passt einfach vorzüglich, man kann vorher und nachher einkaufen, zum Friedhof, Zahnarzt oder Frisör, das Altpapier entsorgen oder einfach die Mitmenschen mit freundlicher Weitschweifigkeit beglücken.

Aufgrund welcher Diagnose die Patientin eigentlich kommt, haben alle Beteiligten schon lange vergessen, einschließlich des verordnenden Arztes. Aber einmal pro Woche Lymphdrainage hält jung, frisch und fit. Das ist bestes Anti-Aging und erfordert eine exakte Choreografie:

Ab 13:15 Uhr: langsames Anrollen der Patientin mit Rollator.

Ab 13:30 Uhr: Schwätzchen mit der Dame an der Rezeption.

Ab 16:45 Uhr: Behandlungsbank belegen und umziehen. Cave: Hier ist unbedingt darauf zu achten, dass kein anderer Patient zu dieser Uhrzeit auf „ihrer” Bank liegt. Das kann sonst unter Umständen die Menschheit an den Rand des Dritten Weltkriegs führen.

17:01 Uhr: Begrüßung des Therapeuten mit den Worten: „Sie sind heute aber spät, die Minute hängen wir hintendran.”

17:02 bis 17:06 Uhr: Plausch über das Wetter.

17:07 bis 17.09 Uhr: Durchgabe der aktuellen Lottozahlen (von Mittwoch).

17:10 bis 17:20 Uhr: Erörterung der allgemeinen politischen Lage.

17:21 bis 18:01 Uhr: ständige Wiederholung der Erzählung „Meine Krankengeschichte, die Krankengeschichte meiner Nachbarn und die Krankengeschichten meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern, und was Sie noch gar nicht wussten”.

Gegen 19:05 Uhr: Patientin verlässt winkend und scherzend die Praxis.

Gegen 19:06 Uhr: Die Sektkorken knallen.

Die beschriebene Dame ist natürlich frei erfunden. Aber ich hatte mal eine Patientin, die war der erfundenen fast überhaupt nicht ähnlich. Sie ist neulich verstorben. Ich vermisse sie.

Tipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

Heft 07-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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