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20 Minuten – Supertakt

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Grafik: Helen Stebakov / shutterstock.com

Frühjahr 2009: Meine Ausbildung zur Physiotherapeutin war abgeschlossen, das Superwoman-Outfit in Weiß angelegt – mit dieser enormen Menge an Wissen vollkommen berechtigt, da war ich mir absolut sicher. Jetzt war ich bereit, die Welt zu retten.

Erster Arbeitstag, mein erster „echter“ Patient. Diagnose: WS-Syndrom. Spontan schossen mir das erlernte Prozedere des Erstkontaktes mit Anamnese, Inspektion, Palpation, sämtliche Tests sowie mögliche Ursachen und eventuelle Behandlungsansätze durch den Kopf. Ich war vorbereitet. Oder doch nicht? Top, die Wette gilt! Während ich auf meine damalige Chefin zuging, um mir letzte Instruktionen einzuholen, lief es mir plötzlich heiß-kalt den Rücken hinunter. Wie viel Zeit hatte ich noch mal für meinen Patienten? Während der Ausbildung konnten wir uns für den Befund 45 Minuten Zeit lassen. Und jetzt? 20 Minuten?

Ich hoffte auf motivierende Worte. Doch bevor der Startschuss endgültig fiel, gab mir meine Chefin noch mit auf den Weg, wie wichtig es sei, dem Patienten beim ersten Termin das Gefühl zu geben, nicht nur befragt und beäugt, sondern auch behandelt worden zu sein. Ich schaute sie ungläubig an. Mein Puls raste und ich hatte keine Ahnung, wie ich all das innerhalb der vorgegebenen Zeit schaffen sollte.

„Willkommen in der Realität, Superwoman“

Also, Superwoman-Outfit zurechtgezupft, und los ging’s. Ich begrüßte den Patienten mit schweißnassen Händen und setzte ein möglichst lässiges Lächeln auf. Bloß nichts anmerken lassen. Schließlich übertrug er mir mit dem ersten Händeschütteln die Verantwortung für seinen weiteren Genesungsprozess. Nach 20 Minuten verließ ich schweißgebadet und mit hochrotem Kopf den Behandlungsraum. Im Examen wäre ich mit dieser Performance wohl gnadenlos durchgerasselt. Niederschmetternd.

Zeit für Verzweiflung oder Frustration blieb nicht, denn es wartete ja bereits der nächste Patient auf mich. Acht Stunden und 24 Patientenkontakte später war mein erster Arbeitstag geschafft. Ich krabbelte auf allen vieren die Treppe zu meiner Wohnung hinauf, ließ mich aufs Sofa fallen und dachte: Willkommen in der Realität, Superwoman.

Frühjahr 2019: Weißes Superwoman-Outfit endgültig eingemottet und gegen eine dunkle Trainingshose und ein türkisfarbenes Praxisshirt eingetauscht. Andere Praxis, selber Zeittakt.Montagmorgen, 9:05 Uhr: Zweiter Patient, abgehakt auf der Liste. Frau S. ist die Nächste. Sie blickt mich mit einem hilfesuchenden und erwartungsvollen Gesichtsausdruck an. Mein Terminplan ist voll, keine Lücken, neun weitere Begegnungen dieser Art werden an diesem Vormittag noch folgen.

9:06 Uhr: Der Countdown läuft. Ich begrüße Frau S. und folge ihr in den Behandlungsraum. Kurze Lagebesprechung. Während Frau S. mir detailliert von der Konfirmation ihres Neffen am Wochenende erzählt, geleite ich sie geschickt in die erste Ausgangsstellung, während ich gedanklich meine Behandlungsziele für die heutige Therapie festlege. 9:07 Uhr: Therapiebeginn. Ich blicke auf die Uhr. Meine Behandlungziele schießen mir erneut durch den Kopf. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Wieder einmal? 9:12 Uhr: Eigentlich wollte ich nun mit der Mobilisation beginnen, aber die Muskulatur will sich heute einfach nicht meinem Zeitplan fügen. 9:17 Uhr: Frau S. erinnert mich daran, dass ich ihr Knie heute erneut tapen wollte. Okay, noch acht Minuten. Ich beginne mit der Mobilisation. Das Telefon klingelt. Der Anrufbeantworter ertönt – heute ist die Anmeldung nicht besetzt. Mir fällt ein, dass die Patientin noch neue Termine braucht. Machen wir im Anschluss. Durch die geschlossene Tür höre ich die Herren W. und T. Ach ja, Herr W. muss zwischen den Terminen von Frau S. und Herrn T. noch schnell vor den Seilzug gesetzt werden.

9:22 Uhr: Ich muss die Mobi beenden. Eigentlich vorzeitig. Und die neuen Übungen für zu Hause? Schaffe ich nicht mehr. Muss ja noch blitzschnell tapen. Rausgerannt, Tape geholt, getapt. 9:25 Uhr: Therapieende. Die Übungen für zu Hause sind klar, Frau S.? (Sag jetzt bitte „Ja“ …) Termine kann ich nun nicht mehr machen. Zuzahlung kassieren? Äh, auch nächstes Mal? Eigentlich muss ich ganz dringend zur Toilette, aber Herr W. will noch ein Kinesio-Tape und Herrn Ts Uhr tickt. Also einhalten und weitermachen …

Befriedigung? Fehlanzeige

Um 12:00 Uhr verlasse ich die Praxis, setze mich in mein Auto und atme zum ersten Mal an diesem Tag tief durch. Ich lasse die letzten Stunden Revue passieren. Befriedigung? Fehlanzeige.

Können wir so die Erwartungen unserer Patienten, der Ärzte und Krankenkassen und insbesondere auch die eigenen Erwartungen an unsere tägliche Arbeit überhaupt erfüllen? Wir könnten. Wir könnten unsere Superman- und Superwoman-Outfits wieder mit Stolz tragen. Aber haben Sie / habt ihr (hat irgendjemand??) schon mal einen Akkordarbeiter im Superman-Outfit gesehen?

Wie lange wollen wir unsere Arbeit noch von den Lex Luthors der Gesundheitspolitik bestimmen lassen? Es muss sich für unsere Praxen wieder wirtschaftlich lohnen, den 20-Minuten-Supertakt gegen eine adäquate Behandlungszeit auszutauschen. Nur dann können wir Physiotherapeuten wieder zielführend und effizient mit unseren Patienten arbeiten, Gesundheit fördern und langfristig eine drastische Kostensenkung erwirken.

 

Heft 08-2019

Autor

Franziska Stelljes

Jahrgang 1986; seit 2009 Physiotherapeutin; danach in Berlin und Hamburg tätig, vor allem im Bereich Orthopädie; 2012 Abschluss des Bachelorstudiengangs an der Hogeschool Thim van der Laan (NL); seit 2016 Mitarbeiterin in einer Physiotherapiepraxis in Jork.

franziska@stelljes.com

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