_Evidenzbasierte Therapie

Aktive Rehabilitation von Hüft-Leisten-Pathologien bei Basketballern

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Basketball gehört zu den situativen Sportarten und beinhaltet unter anderem schnelle Richtungswechsel und Sprünge. Die koordinativen Anforderungen sind hoch und die Spieler müssen ein hohes Maß an Wahrnehmungs- und Antizipationsfähigkeit aufweisen. Den Ball müssen die Sportler auch bei schnellem Tempo sicher führen und gleichzeitig den Gegner abwehren. Neben Verletzungen an der unteren Extremität leiden Basketballer nicht selten an Hüftproblemen. Dann ist eine aktive Rehabilitation wichtig, um den Sportler wieder zurück ins Spiel zu bringen.

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Foto: Alex Kravtsov / Shutterstock.com

In der Saison 2015 / 2016 wurden in den ersten beiden deutschen Basketball-Profiligen der Männer rund 520 Spieler in einem Club-Pflichtspiel eingesetzt. 67,2 Prozent aller eingesetzten Spieler verletzten sich in dieser Saison einmal. Im Durchschnitt erlitt jeder eingesetzte Basketballspieler 1,9 Verletzungen.

Das Sprunggelenk ist mit deutlichem Abstand die am häufigsten verletzte Körperregion im Basketball, gefolgt von Verletzungen an Kniegelenk und Oberschenkel. Hüftverletzungen liegen mit einem Anteil von 3,7 Prozent aller erfassten Verletzungen auf Platz neun von 17 und somit im Mittelfeld (1).

In der stärksten Liga der Welt, der National Basketball Association (NBA), wurden von 1988 bis 2012 insgesamt 2.852 Fälle einer Hüftverletzung gezählt; das entspricht einem Anteil von 14,6 Prozent aller erfassten Verletzungen (2).

Lukas Lai im Interview über seine Arbeit als Athletiktrainer im Basketball


Krankheitsbilder

Erfahrungsgemäß können verschiedene Krankheitsbilder Ursache für Hüftpathologien im professionellen Basketball sein. Die häufigste Verletzung der Hüft-Leisten-Region sind Zerrungen, wobei insbesondere die Hamstrings und Adduktoren vielfach betroffen sind (2).

Auch intraartikuläre Pathologien können Beschwerden hervorrufen, werden aber oftmals übersehen. Dabei sind in der Praxis gerade diese teils chronischen Verletzungen nicht einfach zu behandeln. Daher tritt eine Arthrose bei Ex-Profisportlern häufiger auf als bei gleichaltrigen Personen, die keinen professionellen Sport betrieben haben (3).

Auch Vigdorchik et al. (4) bestätigen, dass professionelle Athleten in Kontaktsportarten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Hüftarthrose aufweisen.

Für das femoroacetabuläre Impingement (FAI) sehen Siebenrock und Kollegen (5) im leistungsorientierten Basketball sogar einen Risikofaktor für die Entwicklung einer solchen Pathologie. Eine Veränderung der Wachstumsfuge durch die hohe Belastung in jungem Alter ist nach Ansicht der Autoren ausschlaggebend.

Labrumverletzungen, Schambeinentzündungen aufgrund einer Instabilität, Bursitiden, Tendinosen, Stressfrakturen oder Leistenhernien sind weitere Pathologien, die in Betracht gezogen werden sollten, wenn es um Hüftpathologien im Basketball geht.


Aktive Rehabilitation

In der Literatur gibt es grobe, zeitbasierte konservative Vorschläge für die Rehabilitation. So empfehlen beispielsweise Wall und Kollegen (6) in der Reha eines FAIs eine Modifikation der Aktivität von vier bis acht Wochen, keine endgradige Gelenkmobilisation sowie die Durchführung von Stabilisationsübungen.

Die Problematik im Aufbau eines konservativen Reha-Modells bei Hüftpathologien, besonders bei intraartikulären Pathologien, basiert auf zwei Faktoren:

  • Der Beginn ist oft schleichend und somit gibt es keine einfache Handhabe für die Modifikation der Aktivität. Das heißt für die Praxis: Es ist schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem ein Athlet aus dem Trainings- und Spielbetrieb herausgenommen werden sollte.
  • Die Möglichkeiten für die Verlaufskontrolle der Wundheilung sind begrenzt. Während der Verlauf der Wundheilung beim Inversionstrauma des oberen Sprunggelenkes durch Schwellung, Rötung und Temperaturerhöhung gut nachvollziehbar ist, sind die Symptome bei Hüftpathologien oft nicht sichtbar.

 

Das hier vorgestellte aktive Reha-Modell für Hüft- und Leistenpathologien im Basketball soll der Rehabilitation einen Rahmen geben. Mobilisation, Stabilisation, Feedback- und Feedforward-Übungen werden progressiv angeleitet, sobald der Sportler einzelne Tests bestanden hat (Abb. 1).

Zwischen der Verletzung und der Rückkehr zur Spielbelastung muss der Athlet vier Tests erfolgreich absolvieren. Sobald ein Test bestanden ist, darf der Sportler höher belastet werden.

Direkt nach der Verletzung stehen die Akutversorgung sowie die Kontrolle der Entzündung im Fokus der Reha. Sobald kein Ruheschmerz mehr vorliegt (erster Test), kann der Therapeut mit leichten Übungen beginnen. Wichtig ist, auf eine endgradige Mobilisation zu verzichten, solange spezifische Provokationstests positiv sind.

Sobald diese Tests negativ ausfallen (zweiter Test), kann mit Mobilisation (auch endgradig) und Stabilisation des gesamten Hüft-Becken-Bereiches begonnen werden.

Nach bestandenem Y-Balance-Test oder modifiziertem Star-Excursion-Balance-Test (dritter Test) kann der Sportler mit dem Krafttraining für die untere Extremität in Form von Feedback- und Feedforward-Übungen beginnen. Die letzten Tests vor der Eingliederung ins Teamtraining sind der Landing Error Scoring System-Real Time (LESS-RT) sowie der Single Leg Hop (vierter Test). Tabelle 1 stellt die verschiedenen Progressionsstufen sowie die Belastungsparameter dar.

Mobilisation und Stabilisation

In Bezug auf die Mobilisation soll der Sportler sämtliche Bewegungsrichtungen trainieren. Im Fokus der Stabilisation stehen besonders die Adduktoren, Abduktoren, Flexoren und Außenrotatoren, die bei Hüftpathologien schwach sein können (7). Stabilisationsübungen sollten in verschiedenen Ausgangspositionen trainiert werden. Die Rückenlage, der Vierfüßlerstand, die Seitlage sowie der Stand eignen sich hervorragend, um die Hüfte zu stabilisieren (Tab. 1). Die Abbildungen 2 und 3 zeigen Übungsbeispiele für die Bereiche Mobilisation und Stabilisation.

Krafttraining: Feedback- und Feedforward-Übungen

Feedback steht hier für Übungen ohne Sprungbelastung. Besonders einbeinige Übungen haben sich in der Praxis als sehr nützlich erwiesen, da Ausweichbewegungen leicht zu erkennen und zu korrigieren sind. Ein Beispiel dafür zeigt Abbildung 4.

Bei Feedforward-Übungen werden auch Sprünge trainiert. Das dynamische Dehnen ist besonders im modernen Mannschaftssport ein gerne genutztes Mittel für das Aufwärmprogramm. Beim sogenannten Dynamic Stretching 2.0 (Abb. 5a) führt der Sportler spezifische Bewegungsmuster durch und dehnt dadurch dynamisch in der Bewegung, gefolgt von einer aktiven basketballspezifischen Übung. Das Einbeziehen des Basketballs spezifiziert die Bewegungen für den Sport (Abb. 5b, c). Bei den Sprüngen auf Markierungen am Boden werden die zwei basketballspezifischen Bewegungsmuster „Cut“ und „Crossover Step“ im Detail geübt.

Im pt-Fachvideo zeigt Lukas Lai ausgewählte Übungen


Eingesetzte Testverfahren

Star-Excursion-Balance-Test

Beim Star-Excursion-Balance-Test steht der Sportler auf einem Bein, während er mit dem anderen Fuß versucht, maximal entfernte Punkte in acht verschiedenen Richtungen zu erreichen (8). Eine modifizierte Variante des Tests beschränkt sich auf die Überprüfung von nur drei Bewegungsrichtungen. Physiotherapeut Phillip Plisky und Kollegen (9) haben diese modifizierte Variante instrumentalisiert und so den Y-Balance-Test entwickelt.

Maximal fünf Prozent Seitendifferenz sind erlaubt (10). Weiterhin sollte der Sportler Ergebnisse erreichen, die seiner individuellen Beinlänge entsprechen (11).

Landing Error Scoring System-Real Time (LESS-RT)

Der LESS-RT wurde entwickelt, um in Echtzeit Informationen über individuelle Bewegungsabläufe beim Sprung zu erheben. Der Therapeut erfasst und bewertet dabei zehn verschiedene Befunde innerhalb von vier Sprüngen. Ein zusätzlicher Sprung erlaubt dem Beobachter, alle zehn Befunde nochmals zu evaluieren (12).

Single Leg Hop

Getestet wird ein horizontaler Sprung mit hinter dem Körper verschränkten Armen. Absprung und Landung erfolgen vom gleichen Fuß. Der Therapeut wertet dabei nur stabil gelandete Versuche. Der Sportler führt zum Aufwärmen vier Sprünge mit 25, 50, 75 und 100 Prozent der subjektiven maximalen Leistungsfähigkeit durch.

Der Durchschnitt von drei maximalen Sprüngen pro Seite wird dann ins Verhältnis zur Körpergröße und Gegenseite gesetzt. Der Sportler muss mit der verletzten Seite mindestens 85 Prozent im Seitenvergleich erreichen, um den Test zu bestehen. Männer müssen 80 bis 90 Prozent ihrer Körperhöhe springen, um zu bestehen; bei Frauen sind es 70 bis 80 Prozent (13).


Fazit

Gerade bei chronischen Beschwerden ist eine zielgerichtete Analyse des Problems wichtig. Die Progression muss auf der Basis von Tests geplant werden und alle genannten Bereiche berücksichtigen. Die Übungsauswahl sollte sportartspezifisch sein – hier also basketballtypische Situationen und Bewegungsabläufe beinhalten –, damit die Sportler motiviert und wieder optimal für den Einsatz auf dem Spielfeld vorbereitet sind.

Heft 07-2019


Literatur

1. VBG. 2017. VBG-Sportreport 2017 – Analyse des Unfallgeschehens in den zwei höchsten Ligen der Männer: Basketball, Eishockey, Fußball und Handball. www.vbg.de/SharedDocs/Medien-Center/DE/ Broschuere/Branchen/Sport/VBG-Sportreport%202017.pdf?__ blob=publicationFile&v=8; Zugriff am 27.5.2019

2. Jackson TJ, Starkey C, McElhiney D, Domb BG. 2013. Epidemiology of hip injuries in the National Basketball Association – a 24-year overview. Orthop. J. Sports Med. 1, 3:2325967113499130

3. Iosifidis MI, Tsarouhas A, Fylaktou A. 2015. lower limb clinical and radiographic osteoarthritis in former elite male athletes. Knee Surg. Sports Traumatol. Arthrosc. 23, 9:2528–35

4. Vigdorchik JM, Nepple JJ, Eftekhary N, Leunig M, Clohisy JC. 2017. What is the association of elite sporting activities with the development of hip osteoarthritis? Am. J. Sports Med. 45, 4:961–4

5. Siebenrock KA, Behning A, Mamisch CT, Schwab JM. 2013. Growth plate alteration precedes cam-type deformity in elite basketball players. Clin. Orthop. Relat. Res. 441, 4:1084–91

6. Wall PD, Fernandez M, Griffin DR, Foster NE. 2013. nonoperative treatment for femoroacetabular impingement: a systematic review of the literature. PM R 5, 5:418–26

7. Casartelli NC, Maffiuletti NA, Item-Glatthorn JF, Staehli S, Bizzini M, et al. 2011. Hip muscle weakness in patients with symptomatic femoroacetabular impingement. Osteoarthritis Cartilage 19, 7:816–21

8. Gribble PA, Hertel J. 2003. Consideration for normalizing measures of the star excursion balance test. Measurement Phys. Educ. Exerc. Sci. 7, 2:89–100

9. Plisky P, Gorman P, Butler R, Kiesel K, Underwood F, et al. 2009. The reliability of an instrumented device for measuring components of the star excursion balance test. Am. J. Sports Phys. Ther. 4, 2:92–9

10.Diemer F, Sutor V. 2011. Praxis der Medizinischen Trainingstherapie 1. Stuttgart: Georg Thieme Verlag

11. VGB. 2015. Präventivdiagnostik für den bezahlten Sport – Testmanual zur Präventivdiagnostik im Rahmen des VBG-Prämienverfahrens. www.vbg.de/SharedDocs/Medien-Center/DE/Broschuere/Branchen/Sport/Praeventivdiagnostik_fuer_den_ bezahlten_Sport.pdf?__blob=publicationFile&v=8; Zugriff am 27.5.2019

12.Padua DA, Boling MC, DiStefano LJ, Onate JA, Beutler AI. 2011. Reliability of the Landing Error Scoring System-Real Time, a clinical assessment tool of jump-landing biomechanics. J. Sports Rehab. 20:145–56

13.Davies GJ, Zillmer DA. 2011. Functional progression of exercise during rehabilitation. In Praxis der medizinischen Trainingstherapie 1, eds. F Diemer, V Sutor. Stuttgart: Georg Thieme Verlag

14.Bolgla LA, Uhl TL. 2005. Electromyographic analysis of hip rehabilitation exercises in a group of healthy subjects. J. Orthop. Sports Phys. Ther. 35, 8:487–97

15.Lubahn AJ, Kernozek TW, Tyson TL, Merkitch KW, Reutemann P. 2011. Hip muscle activation and knee frontal plane motion during weight bearing therapeutic exercise. Int. J. Sports Phys. Ther. 6, 2:92–103

16.Ayotte NW, Stetts DM, Keennan G, Greenway EH. 2007. Electromyographical analysis of selected lower extremity muscles during 5 unilateral weight-bearing exercises. J. Orthop. Sports Phys. Ther. 37, 2:48–55

Autor

Lukas Lai

B. Sc.; seit 2009 Physiotherapeut; seit 2011 PT und Athletiktrainer der Giessen 46ers (easyCredit BBL) und beim Deutschen Basketball Bund (U15–U18); Weiterbildungen in MT, Sportphysiotherapie, Athletiktraining; seit 2015 eigene Praxis in Gießen, Schwerpunkte: orthopädisch-traumatologische Erkrankungen, Athletiktraining, Personal Training.

info@lukaslai.de

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