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​Ausbildung: Wurden wir belogen? ​

Kritischer Umgang mit überholtem Wissen in der Physiotherapie ​

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​Zugegeben: Was in so mancher physiotherapeutischen Unterrichtsstunde vor vielen Jahren vermittelt wurde, ist heutzutage nicht mehr tragbar. Das Wissen hat sich verändert, die Evidenzlage ist neu und besser untersucht. Aber wie werden die Erkenntnisse von damals bewertet? Haben die Lehrer „gelogen“? Ein provokanter Blogpost eines US-Kollegen vor einigen Wochen führte zu angeregten Diskussionen auf mehreren Physio-Portalen im Netz.

​Hintergrund ​

Foto: patpitchaya / Shutterstock.com

Anfang des Jahres sorgte das Posting eines Physio-Blogs international für Diskussion (siehe Surftipp). Der Titel wies auf „Acht Lügen“ hin, die der Autor während seiner Ausbildung als Physiotherapeut gelernt hatte. Seiner Meinung nach sind folgende Aussagen Betrug:

  • Ultraschall ist hilfreich bei muskuloskelettalen Beschwerden.
  • Palpationsfähigkeiten werden mit der Zeit besser.
  • Manualtherapeutische Interventionen haben biomechanische und spezifische Effekte.
  • Das Iliosakralgelenk kann verrutschen und nach Befund mit Muscle-Energy-Techniken wieder korrigiert werden.
  • Eine Frozen Shoulder verläuft in drei Phasen und erholt sich danach wieder vollständig.
  • Kinesio-Tape ist ein nützliches Zusatztool in der Therapie.
  • Das Kapselmuster ist ein Hinweis auf eine artikuläre Bewegungseinschränkung.
  • Der Arteria-vertebralis-Test ist essenziell im Screening für Risikopatienten in der Manuellen Therapie.

Auf Facebook wurde der Text vielfach geteilt; teilweise wurden die Leser aufgefordert, zu berichten, ob auch sie diese Lügen in der Schule gelernt hätten.

Blogpost „8 Lies I Learned In Physical Therapy School“: newgradphysicaltherapy.com/lies-physical-therapy-school

​Mein Lehrer hat mich angelogen ​

Einige Facebook-User stimmten in den Chor gegen Falschinformation mit ein. „Nur acht????“, fragte ein Kollege. „Ich kann mich definitiv daran erinnern, wie sie uns diese […] LÜGEN erzählten!“, so eine andere Physiotherapeutin. Eine weitere Meinung lautete: „Ich stimme allem zu. Zum Glück sind wir ein Beruf, der gerne etwas tiefer gräbt und sein Denken an neue Evidenz und Verständnis anpasst, sobald sie erscheinen.“ Verschiedene Kommentare griffen den Text ironisch auf, wie zum Beispiel: „Du kannst ja versuchen, mit dem Ultraschall über das Kinesio-Tape zu fahren, sodass das Tape die Ultraschallwellen festhält“; „Für ISG-Probleme also zuerst Ultraschall, dann Kinesio-Tape, oder? Verstanden.“

​Keine Einstimmigkeit ​

Allerdings gaben nicht alle Leser dem Autor uneingeschränkt Recht. Unter den Kommentaren waren etliche Gegenargumente zu den Aussagen zu finden. „Es gibt Studien in beide Richtungen, was diese Themen angeht“, gab ein Physiotherapeut zu bedenken. Vor allem die Behauptung, dass Palpation mit der Zeit nicht besser werde, bekam viel Gegenwind. „Meinen Sie, dass ein Berufsanfänger genau dieselben Fähigkeiten hat wie jemand, der schon über 20 Jahre im Beruf ist?! Ich weiß, dass manche alten Hasen schlecht in Palpation sind, aber Ihre Behauptung ist schon sehr verallgemeinernd“, meldete sich ein Diskussionsteilnehmer. „Das ist einfach nur falsch! So klingt es, als gelte es für jedes Gelenk, jeden Muskel und jede Sehne.“ Eine Physiotherapeutin wandte sich an den Autor: „Sie wissen schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind? Ob ich Struktur XY überhaupt palpieren kann oder ob ich Struktur XY mit der Zeit besser palpieren kann. Heutzutage finde ich recht zügig einen Karotispuls beim Patienten, aber die meisten Anfänger können es nicht.“ Ein Kollege bemängelte die Verallgemeinerung: „Das geht in Richtung Schwarz-Weiß-Malerei, wir brauchen mehr Grautöne.“

​Lüge oder alter Stand der Evidenz? ​

Die größte Kritik erntete der Autor jedoch mit der Wortwahl im Titel. Viele User wollten es nicht hinnehmen, dass ihre ehemaligen Lehrer als „Lügner“ dargestellt wurden. „Ich würde dies nicht als ‚Lügen‘ bezeichnen“, so eine Physiotherapeutin. Ein weiterer Kollege erklärte: „Ich habe den Unterschied zwischen Lügen, Wahrheit und der gegenwärtig besten Evidenz gelernt und bin mittlerweile lange genug hier, um zu sehen, wie Lüge und Wahrheit oftmals Plätze tauschen. Die Physiotherapieschule hat mir nie Lügen beigebracht. Sie lehrten die zu der Zeit beste Evidenz.“ Eine ähnliche Meinung hatte auch ein anderer Therapeut: „Das Problem damit, dies als ‚Lügen‘ zu bezeichnen, ist, dass Sie den Vorsatz zur Täuschung andeuten. Aber das Unwissen über die aktuelle Evidenz führt nicht dazu, dass das Lehren einer Information auf einmal zur Lüge wird.“ Eine Userin ergänzte: „Das bezeichnet doch die Natur von Wissenschaft.“

Ein weiterer Physiotherapeut kommentierte: „Ich mache mir Sorgen, dass Therapeuten ‚evidenzbasierte Praxis‘ mit ‚nur-Evidenz-Grad-1-basierte Praxis‘ verwechseln. Letztendlich haben die meisten Klienten / Patienten in unserem Alltag etwas, was sie aus einem hochkarätigen RCT ausschließt. Wären unsere täglichen Patienten alle Bilderbuchfälle, dann hätte kein Physiotherapeut einen Job.“

​Erkenntnisse im Wandel der Zeit ​

Viele Fragen sind offen

Was tun, wenn durch neue Fakten das, was wir gelernt haben, auf einmal als obsolet oder falsch betrachtet wird? Wenn klar wird, dass beispielsweise Ultraschall tatsächlich kaum mehr als Placebo kann oder sich unser Verständnis von Schmerz und Entzündung ändert? Kann ich selbst nach 15 Jahren von dem in meiner Ausbildung vermittelten Wissen profitieren? Oder ist es dringend nötig, Missverständnisse und Fehlinformationen so schnell und radikal wie möglich auszumerzen? Haben mich meine Lehrer damals angelogen? Habe ich womöglich meine Patienten jahrelang angelogen? Wie groß ist der Unterschied zwischen dem, was ich heute weitergebe, und dem, was ich als Berufsanfänger erzählte?

Neue Erkenntnisse – alte Wahrheit

In einer sich rasch verändernden Wissenschaft wie der Gesundheit kommen und gehen Informationen und Hypothesen immer zügiger. Manche Aussagen sind in einem Teil der Welt schon überholt, während sie an einem anderen Ort noch als Goldstandard gelten. Wie gehen wir Physiotherapeuten mit dieser Veränderung um und wie harsch sollen wir Kritik an denjenigen äußern, die mit diesem Wandel nicht Schritt halten – oder gar nicht die Mittel und Fähigkeiten haben, um ihn zu verfolgen?

Heft 4-2018

Autor

Annemarie Frank

Physiotherapeutin mit doppelter Staatsbürgerschaft Deutsch / Brasilianisch; geboren in Porto Alegre, Brasilien; Ausbildung 1998 bis 2001 Berufsfachschule in Ingolstadt; bis Februar 2013 Klinikum Ingolstadt; aktuell selbstständige Tätigkeit in einer Physiotherapiepraxis in Porto Alegre, Schwerpunkte: Orthopädie, Musikermedizin.

afrankbrasil@hotmail.com

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