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Begutachtung: Physiotherapie

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Ein aktuelles Gutachten zur bedarfsgerechten Steuerung der Gesundheitsversorgung beschäftigt sich unter anderem mit der Physiotherapie. Das Dokument zeigt sich kritisch und spricht beispielsweise von einem „bunten Strauß möglicher physiotherapeutischer Maßnahmen“. Die pt-Redaktion hat das Gutachten gesichtet und die relevanten Punkte zusammengefasst.

Aufbau

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat ein Gutachten mit dem Titel „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ veröffentlicht. Darin wird auch die Physiotherapie thematisiert. Das gesamte Dokument umfasst 784 Seiten und ist nach Kapiteln gegliedert; die Kapitel 1 bis 17 sind wiederum je Abschnitt aufsteigend durchnummeriert. In diesem Beitrag wird auf die Punkte eingegangen, welche die Physiotherapie betreffen.

Wer ist der Sachverständigenrat und warum ist er so wichtig?

Die sieben Ratsmitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen werden vom Bundesgesundheitsminister für eine Dauer von vier Jahren berufen. In der Regel erstellt der Rat alle zwei Jahre Gutachten zur gesundheitlichen Versorgung im Hinblick auf medizinische und wirtschaftliche Auswirkungen.

Die Gutachten des Sachverständigenrates werden dem Bundesministerium für Gesundheit übergeben und im Bundestag, sowie Bundesrat vorgelegt. Das bedeutet, diese Gutachten haben einen starken Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung.

Studienlage

In Kapitel 15 „Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze bei Rückenschmerzen“ wird unter Punkt 1065 auf zwei Reviews zur Rückenschule und zur Manipulation verwiesen. Im darauffolgenden Punkt 1066 wird das Ergebnis für die Rückenschule als „trivial“ bezeichnet und im Ergebnis zur Manipulation der Wirbelsäule ausdrücklich auf „vorübergehende negative Effekte“ hingewiesen. Warum ausgerechnet diese beiden Reviews für das Gutachten ausgewählt wurden, erschließt sich nicht. In Punkt 1068 stellt das Gutachten „ein[en] Mangel hochwertiger Studien“ fest, kommt aber gleichzeitig zu dem Schluss, dass „Physiotherapie bei Rückenschmerzen verordnet werden kann“.

shutterstock.com/Pavlo S

Wer verordnet Physiotherapie?

Die Punkte 1073 bis 1082 beschäftigen sich mit der Verordnung von Physiotherapie. In Punkt 1082 wird die Rolle der verordnenden Arztgruppen hervorgehoben. „Etwa 45 % der physiotherapeutischen Patienten wurde die Therapie von Allgemeinmedizinern bzw. praktischen Ärzten verordnet. Sie veranlassten für diese über 2 Millionen Patienten damit fast 40 % aller physiotherapeutischen Leistungen. Die vergleichsweise kleine Facharztgruppe der Orthopäden […] veranlasste etwa 28 % der Physiotherapie und versorgte damit 36,5 % der Patienten […].“ Warum andere Arztgruppen nicht aufgeführt sind, ist nicht erläutert.

Eventuell wird dies damit begründet, dass sich der Punkt im Kontext des Kapitels 15 „Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze bei Rückenschmerzen“ befindet. Es bleibt zu bedenken – und wird in Punkt 1040 des Gutachtens auch erwähnt –, dass Rückenschmerzen nicht nur in einem orthopädischen Kontext auftreten. In Punkt 1040 wird die „hohe Konsultationsrate beim Hausarzt“ mit dem Erhalt einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in Zusammenhang gebracht. Als weiterer möglicher Grund wird die regelmäßige Konsultation des Hausarztes von Patienten mit chronischen Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes oder Herzinsuffizienz, genannt. Doch gerade in diesem Kontext wäre die ärztliche Zuweisungsrate durch Diabetologen oder Kardiologen ebenfalls interessant.

Blankoverordnung und Direktzugang

Das Kapitel 15.2.6.1 bezieht sich auf die Blankoverordnung. Gleich zu Beginn heißt es: „Die ärztlichen Verordnungen werden jedoch von den Physiotherapeuten und -therapeutinnen oftmals als unangemessen beurteilt. Änderungen und Anordnungen werden initiiert oder es kommt gar jenseits der Anordnung zur Anwendung einer anderen therapeutischen Maßnahme.“ Ein Verweis, wie das Gutachten zu dieser Annahme kommt, ist in diesem Abschnitt nicht aufgeführt.

Im weiteren Verlauf wird das Modellprojekt Blankoverordnung erläutert.

In Punkt 1086 ist das Modellprojekt zur Blankoverordnung des VPT und der IKK Brandenburg und Berlin bei Patienten mit chronischen Schmerzen sowie Muskel- und Skeletterkrankungen erwähnt. Die Rede ist von „positiven Effekten“ und einer von den „Patienten als höher eingeschätzte[n] Wirksamkeit der Behandlung“. Es wird jedoch auch auf eine Steigerung der Behandlungsmenge und -dauer hingewiesen. Ebenfalls heißt es: „Es gebe jedoch auch Hinweise auf eine bessere Nachhaltigkeit der Behandlung in der Interventionsgruppe, die den erhöhten Kosten einen größeren Nutzen gegenüberstelle.“

Das Modellprojekt zum Direktzugang der Krankenkasse BIG und des IFK ist unter Punkt 1087 aufgeführt. Das Ergebnis scheint durchaus positiv: Die Modellgruppe hatte eine verkürzte Behandlungsdauer und eine signifikant höhere Verbesserung im Hinblick auf Schmerzentwicklung, Lebensqualität und Funktionsfähigkeit. Das Gutachten weist allerdings auch auf die gleichbleibenden Kosten (in Bezug auf sechs und zwölf Monate) hin, und auch die Tage der Arbeitsunfähigkeit blieben konstant.

Dass die Blankoverordnung selbst innerhalb der Branche der Heilmittelerbringer umstritten ist, wird in einem eigenen Abschnitt (Punkt 1088) aufgeführt. Hier nimmt das Gutachten Bezug auf ein Thesenpapier von Ute Repschläger (1).

Das Kapitel 15.2.6.2 thematisiert explizit den Direktzugang. Punkt 1091 befasst sich mit den Voraussetzungen in Ländern mit vollständigem Direktzugang: Dort wird unter anderem dem Fach Diagnostik und der evidenzbasierten Physiotherapie ein hoher Stellenwert beigemessen. Weiter heißt es: „Der Vergleich mit den deutschen Curricula ließ die Schlussfolgerung zu, dass zumindest die primärqualifizierenden Studiengänge hierzulande ähnliche Inhalte und Gewichtungen haben.“

Ein langer Weg

Das Gutachten spricht sich in Kapitel 15.4.3 für eine Stärkung der evidenzbasierten Physiotherapie aus. Allerdings sind auch einige kritische Punkte aufgeführt. So heißt es unter Nummer 1172: „Die empirische Fundierung zur Wirksamkeit von Physiotherapie muss verbessert werden […] [,] da es einen bunten Strauß möglicher physiotherapeutischer Maßnahmen gibt […].“ Und weiter: „Wenn […] Physiotherapeuten z. B. im Rahmen von Blankoverordnungen oder sogar im Rahmen eines Direktzugangs mehr Verantwortung im Behandlungsprozess übernehmen sollen, muss […] stärker als bisher akademisiert und leitliniengerecht gestaltet werden.“

Des Weiteren empfiehlt der Sachverständigenrat die verstärkte Durchführung von Modellvorhaben.

Und nun?

Das Gutachten nennt in Bezug auf die Physiotherapie einige Kritikpunkte. Im Hinblick auf die Blankoverordnung und den Direktzugang sei aktuell keine endgültige Umsetzung möglich. Allerdings stellt sich auch die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Umsetzung erreicht und ist es dann zu spät? Die derzeitige Lage der Heilmittelbranche erfordert eine strukturelle Veränderung – dazu sind politische Entscheidungen und eine vereinheitlichte Vermittlung von Lerninhalten nötig. Neben der Neuschaffung von Rahmenbedingungen muss zudem ein Anreiz für bereits ausgebildete Physiotherapeuten gesetzt werden. Denn ein Grund für den Fachkräftemangel ist auch die hohe Fluktuationsrate des Berufstandes.

Surftipp:
Das komplette Gutachten „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ ist hier abrufbar:

www.svr-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/Gutachten/2018/SVR-Gutachten_2018_WEBSEITE.pdf

 

 

pt_online 07.2018

Literatur

1. Repschläger U. 2015. Thesenpapier „Direktzugang – mehr Autonomie für Physiotherapeuten“. www.ifk.de/fileadmin/News/2015/Verlinkungen/Thesenpapier_Mehr_Autonomie_f%C3%BCr_Physiotherapeuten.pdf; Zugriff am 5.7.2018

Autor

Sabrina Harper

​ Seit 2007 Gesundheits- und Krankenpflegerin; bis 2012 in der Schweiz tätig und Studentin der ZHAW im Studiengang Journalismus und Organisationskommunikation. Redaktionsvolontariat im Hörfunk; 2014-2017 Programm-Managerin und Redakteurin für Instoremedien und Kampagnenmanagement; seit 2017 pt-Redakteurin. ​

sabrina.harper@pflaum.de

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