_Evidenzbasierte Therapie

Chronischer Schmerz: Wie relevant sind Angst- und Depressionssymptome in der Rehabilitation?

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Sehr relevant, wie eine nationale Studie aus Schweden zeigt. Retrospektiv wurden die Daten der Rehabilitation von über 35.000 Patienten mit chronischem Schmerz ausgewertet. Die grundlegenden Fragen: Hatten die Patienten eine schwere Angst- oder Depressionssymptomatik? Stand diese im Zusammenhang mit dem aktuellen Schmerzzustand und soziodemografischen Daten? Wie beeinflussten Schmerz und psychologischer Distress die Schmerzbeeinträchtigung und Selbstwirksamkeit? Gab es eine bestimmte Patientengruppe, die langfristig am meisten von einer multimodalen Rehabilitation profitierte?

Die erwachsenen Patienten hatten seit mindestens drei Monaten Schmerzen und wurden zwischen 2008 und 2016 in einem von rund 30 spezialisierten Reha-Zentren behandelt. Sie hatten eine multimodale Therapie oder die herkömmliche Rehabilitation erhalten. Die multimodale Therapie basierte auf dem bio-psycho-sozialen Modell und wurde von verschiedenen Berufsgruppen (Allgemeinarzt, Psychologe, Ergo- und Physiotherapeut, Sozialdienst) durchgeführt. Sie umfasste sowohl Gruppen- als auch individuelle Einzeltherapie mit Verhaltenstherapie, aktiven Übungen, Hausübungen, Ergonomieberatung und Edukation zur Schmerzphysiologie und Schmerzbewältigung. Das Programm dauerte zwischen vier und acht Wochen, mit 20 bis 30 Stunden Therapie pro Woche.

Von den über 35.000 chronischen Schmerz-Patienten, die eine Rehabilitation erhalten hatten, waren 72 Prozent Frauen, etwa 24 Prozent Akademiker und rund 14 Prozent außerhalb Europas geboren. Rund 25 Prozent der Patienten hatten sowohl eine schwere Angst- als auch Depressionssymptomatik mit über elf Punkten in der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS). Fast 40 Prozent wiesen eine schwerwiegende Angstsymptomatik und 35 Prozent ernste Anzeichen einer Depression auf. Die Datenanalyse zeigte, dass die am stärksten davon betroffenen Patienten zugleich am meisten durch Schmerz in ihrem Leben beeinträchtigt waren. Unter schweren Depressionssymptomen litten mehr Männer als Frauen (rund 38 versus 34 Prozent). Außerdem waren in der Gruppe mit schwerster Angst- und / oder Depressionssymptomatik mehr Menschen, die außerhalb Europas geboren wurden. Auch der Bildungsstand war von Bedeutung: Akademiker waren prozentual seltener in den schwer betroffenen Subgruppen vertreten.

Aufgrund folgender Variablen erfolgte eine Gruppierung der Patienten: Schmerzintensität in der letzten Woche (NRS), Schmerzstärke (Multidimensional Pain Inventory – MPI), Angst- und Depressionssymptomatik (HADS), Schmerzbeeinträchtigung und Selbstwirksamkeit (MPI). Es zeigte sich, dass gerade die Gruppe mit schwer betroffenen Patienten (mit höherem Ausländeranteil und niedrigerem Bildungsstand) seltener eine multimodale Rehabilitation erhalten hatte. Nach einem Jahr hatten sich die Symptome aller Patienten verbessert, besonders deutlich profitierten die schwer betroffenen Patienten (HADS) von der multimodalen Rehabilitation. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, anfängliche Angst- und Depressionssymptome von chronischen Schmerz-Patienten zu erfassen und die Rehabilitation danach auszurichten.

Quelle: Gerdle B, et al. 2019. Who benefits from multimodal rehabilitation – an exploration of pain, psychological distress, and life impacts in over 35,000 chronic pain patients identified in the Swedish Quality Registry for Pain Rehabilitation. J. Pain Res. 12:891–908 Volltext frei

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30881099

 

Heft 06-2019


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pt_Redaktion

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