_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane-Update 4 2018

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 2 / 2018 (1. bis 28. Februar)

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Ein Beitrag von Cordula Braun1 und Tanja Boßmann2 

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

 


PLS-Übersetzung

Hassett L, et al. 2017. Fitness training for cardiorespiratory conditioning after traumatic brain injury.

Link zum CR: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006123.pub3/full

 


Fitnesstraining zur Unterstützung der Genesung nach Schädel-Hirn-Verletzungen

Hintergrund

Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen haben häufig ein körperliches (Herz-Kreislauf-)Fitnessniveau, das deutlich unter dem niedrigsten Fitnessniveau Erwachsener gleichen Alters und Geschlechts liegt. Eine verminderte Fitness verursacht verstärkt Müdigkeit, was die Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens erschwert. Dieses Problem wird von Therapeuten durch Fitnesstraining (Herz-Kreislauf-Training) angegangen. Dies ist die Aktualisierung eines erstmals 2008 veröffentlichten Reviews, dessen Ziel es war, zu ermitteln, wie wirksam ein Fitnesstraining zur Verbesserung der Kondition und anderer Endpunkte (Zielgrößen) wie Depression, Kognition (Fähigkeiten des Wahrnehmens und Erkennens, zum Beispiel Erinnerung, Aufmerksamkeit und Problemlösung) und der Wiederaufnahme von Alltagsaktivitäten ist.

Foto: kzenon / Shutterstock.com

Studienmerkmale

Wir suchten bis August 2017 nach Studien. Wir schlossen acht Studien mit insgesamt 399 Erwachsenen mit Schädel-Hirn-Verletzungen in den Review ein. Die meisten Studienteilnehmer waren Männer in ihren Mittdreißigern mit schwerwiegenden Hirnverletzungen. Wir fanden keine Studien, die Kinder einschlossen. Die Fitnesstrainingsprogramme wurden an unterschiedlichen Orten durchgeführt: im Krankenhaus, im wohnortnahen Umfeld oder zu Hause.

In sechs der acht Studien wurden alle Fitnesstrainingseinheiten professionell angeleitet. Die Art des Fitnesstrainings variierte und umfasste das Trainieren auf einem feststehenden Fahrradergometer, im Wasser, auf Fitnessgeräten wie beispielsweise einem Laufband, die Durchführung von Heimübungen sowie eine Fitnessgruppe beim Militär. In sechs der acht Studien entsprachen die verordnete Intensität, Dauer und Häufigkeit des Trainings den Leitlinien des American College of Sports Medicine.

Hauptergebnisse

Drei der acht Studien, mit 67 Teilnehmern, untersuchten die Veränderung der körperlichen Fitness am Ende des Behandlungsprogramms. In zwei Studien wurde das Training auf einem feststehenden Fahrradergometer durchgeführt, in einer dritten im Wasser; alle Trainingseinheiten wurden professionell angeleitet. In zwei dieser Studien wurde das Fitnesstraining mit Behandlungen verglichen, die keine körperliche Aktivität beinhalteten, in der dritten mit keiner Behandlung. Wir fassten die Ergebnisse der drei Studien statistisch (rechnerisch) zusammen; es zeigte sich eine durchschnittliche (mittlere) Verbesserung von 35 Watt in einem Belastungstest in den Fitnesstrainingsgruppen im Vergleich zu den Gruppen, die eine Behandlung ohne körperliche Aktivität oder keine Behandlung erhielten. Diese Verbesserung entspricht einer Verbesserung von ungefähr 36 Prozent seit Studienbeginn, was ein großer Effekt ist. Diese Schätzung ist jedoch unsicher; wahrscheinlich liegt der Unterschied zwischen drei und 68 Watt, was klinisch bedeutsam oder klinisch nicht bedeutsam sein kann.

Mehrere Studien berichteten über sechs weitere Endpunkte: Körperzusammensetzung, Kraft, Müdigkeit, Depression, Lebensqualität und Gehen. Es war unklar, ob ein Fitnesstraining in Bezug auf diese Endpunkte besser oder schlechter war als Behandlungen ohne körperliche Aktivität oder keine Behandlung. Kognition, Aktivitäten des täglichen Lebens und die Rückkehr in den Alltag wurden nur in einer Studie erfasst, und keine Studie ermittelte den Effekt eines Fitnesstrainings auf das körperliche Aktivitätsniveau und die Motivation. Nur drei Studien untersuchten die Wirkung eines Fitnesstrainings über das Ende des Programms hinaus; diese Studien konnten aber keine klare Antwort zu den langfristigen Wirkungen eines Fitnesstrainings liefern.

In den fünf Studien, in denen das Fitnesstraining unter professioneller Anleitung durchgeführt wurde, schlossen alle Teilnehmer in den Trainingsgruppen die Studien ab. Die Anwesenheit bei den Trainingseinheiten variierte zwischen den Studien und wurde mit Werten zwischen 59 und 100 Prozent angegeben, in zwei Studien wurden hierzu keine Angaben gemacht. Keine Studie erbrachte Evidenz (einen wissenschaftlichen Beleg) für schädliche Wirkungen eines Fitnesstrainings.

Qualität der Evidenz

Aufgrund der niedrigen Qualität der Evidenz, verursacht durch eine geringe Anzahl an Studienteilnehmern, eine mangelhafte Berichterstattung von Studiendetails und mögliche Fehler bei der Studiendurchführung, ist unser Vertrauen in diese Ergebnisse vermindert.

Schlussfolgerungen der Autoren

Es ist unklar, ob ein Fitnesstraining nach Schädel-Hirn-Verletzungen die körperliche Fitness verbessert. Es gibt nicht genügend Evidenz, um die Wirkungen eines Fitnesstrainings auf andere wichtige Endpunkte zu verstehen. Obwohl ein Fitnesstraining von Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen gut angenommen zu werden scheint – vor allem, wenn es professionell angeleitet wird und es keine Evidenz zu schädlichen Wirkungen gibt –, sind weitere sorgfältig geplante Studien notwendig, bevor eindeutige Schlüsse gezogen werden können. Solange es keine hochwertige Evidenz gibt, können sich Therapeuten anhand von Checklisten vorab orientieren, ob das Training für eine teilnehmende Person mit Schädel-Hirn-Verletzung unbedenklich ist, und die Trainingskriterien anhand der Leitlinien des American College of Sports Medicine für Menschen mit Hirnverletzungen festlegen.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkungen

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten

Heft 4-2018


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