_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane Update 5 2019

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 3 / 2019 (1. bis 31. März)

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Ein Beitrag von Cordula Braunund Tanja Boßmann2

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

 

 


PLS-Übersetzung

Karjalainen TV, et al. 2019. Subacromial decompression surgery for rotator cuff disease

Link zum CR: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD005619.pub3/full

 


Operative Behandlung des Rotatorenmanschettensyndroms

Hintergrund

Die Rotatorenmanschette ist eine Gruppe von Muskeln (mit ihren Sehnen), die das Schultergelenk in seiner normalen Stellung halten und darüber das Anheben des Armes und das Über-Kopf-Greifen ermöglichen. Manche Menschen bekommen Schulterschmerzen, die auf den Verschleiß der Rotatorenmanschette zurückgeführt werden.

Foto: Peter Porrini / shutterstock.com

Möglich ist auch eine Entzündung der Schultersehnen oder des Schleimbeutels (einem weiteren Anteil der Schulter, der zu ihrer Bewegung beiträgt) sowie Druck auf die Sehnen bei der Armhebung durch den darüber liegenden Knochen („Impingement“). Die Schmerzen verstärken sich häufig beim Schlafen auf der betroffenen Schulter und bei Schulterbewegungen in bestimmte Richtungen. Operationen an der Rotatorenmanschette können verschiedene Verfahren beinhalten, darunter die Entfernung eines Knochenteils zur Druckentlastung der Rotatorenmanschettensehnen (Akromioplastie), die Entfernung des geschwollenen oder entzündeten Schleimbeutels (des kleinen flüssigkeitsgefüllten Beutels, der das Schultergelenk im Sinne eines Polsters schützt) sowie die Entfernung von geschädigtem Gewebe oder Knochen zur Erweiterung des Raumes, durch den die Sehnen laufen (subakromiale Dekompression).

Die meisten Rotatorenmanschetten-Operationen werden heutzutage arthroskopisch durchgeführt: Dabei werden für die Operation chirurgische Instrumente durch einen kleinen Einschnitt beiziehungsweise ein „Schlüsselloch“ in die Schulter eingeführt.

Studienmerkmale

Dieser Cochrane Review ist auf dem Stand vom 22. Oktober 2018. Die eingeschlossenen Studien wurden in Kliniken in Dänemark, Finnland, Deutschland, Norwegen, Schweden und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien durchgeführt. Wir schlossen acht Studien (1.062 Teilnehmer) ein, die eine Operation mit einer Placebo-Operation (einer Scheinoperation) oder einer anderen nichtoperativen Behandlung, zum Beispiel einer Übungstherapie, bei Menschen mit einem Impingement der Rotatorenmanschettensehnen an der Schulter verglichen. Die Anzahl der Studienteilnehmer reichte von 42 bis 313, das durchschnittliche Alter von 42 bis 65 Jahre und die Dauer der Nachbeobachtung von einem Jahr bis 12 beziehungsweise 13 Jahre.

Fünf Studienberichte enthielten keine Angaben zu ihren Finanzierungsquellen, drei hatten eine Förderung von nichtkommerziellen Stiftungen erhalten und ein Studienautor war von einer Herstellerfirma von chirurgischen Instrumenten bezahlt worden.

Hauptergebnisse

Zwei Studien (506 Teilnehmer) erfüllten unsere Einschlusskriterien für unseren Hauptvergleich: Operation versus Placebo-Operation. Die subakromiale Dekompression erbrachte für die Teilnehmer lediglich einen geringen Nutzen bei der Nachbeobachtung nach einem Jahr.

Schmerzen (niedrigere Werte bedeuten geringere Schmerzen):

  • Verbesserten sich um 3 Prozent (3 Prozent schlechter bis 8 Prozent besser) beziehungsweise um 0,26 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10.
  • Teilnehmer, bei denen eine Placebo-Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Schmerzen mit 2,9 Punkten.
  • Teilnehmer, bei denen eine Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Schmerzen mit 2,6 Punkten.

 

Funktion (0 bis 100; höhere Werte bedeuten eine bessere Funktion):

  • Verbesserte sich um 3  Prozent (1  Prozent schlechter bis 7 Prozent besser) beziehungsweise um 3 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100.
  • Teilnehmer, bei denen eine Placebo-Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Funktion mit 69 Punkten.
  • Teilnehmer, bei denen eine Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Funktion mit 72 Punkten.

 

Behandlungserfolg (deutliche Verbesserung oder überhaupt keine Beschwerden):

  • 5  Prozent mehr Teilnehmer bewerteten ihre Behandlung als erfolgreich (5 Prozent weniger bis 16 Prozent mehr) beziehungsweise 5 mehr von 100 Teilnehmern.
  • 66 von 100 Teilnehmern betrachteten die Behandlung nach einer Placebo-Operation als erfolgreich.
  • 71 von 100 Teilnehmern betrachteten die Behandlung nach einer Operation als erfolgreich. Gesundheitsbezogene Lebensqualität (höhere Werte bedeuten eine bessere Lebensqualität):
  • Verschlechterte sich um 2 Prozent (8 Prozent schlechter bis 4 Prozent besser) beziehungsweise 0,02 Punkte auf einer Skala von −0,59 bis 1. • Teilnehmer, bei denen eine Placebo-Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Lebensqualität mit 0,73 Punkten.
  • Teilnehmer, bei denen eine Operation durchgeführt wurde, bewerteten ihre Lebensqualität mit 0,71 Punkten.

 

Unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen):

  • Bei 1 Prozent weniger Teilnehmern (4 Prozent weniger bis 3  Prozent mehr), die eine Operation erhalten hatten, traten unerwünschte Wirkungen auf.
  • 4 von 100 Teilnehmern, bei denen eine PlaceboOperation durchgeführt wurde, berichteten von unerwünschten Wirkungen.
  • 3 von 100 Teilnehmern, bei denen eine Operation durchgeführt wurde, berichteten von unerwünschten Wirkungen.

 

Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen:

  • In den Studien wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse (nachteilige Wirkungen) berichtet. In Beobachtungsstudien betrug der Anteil schwerwiegender Ereignisse (nach Schulteroperationen) zwischen 0,5 und 0,6 Prozent.
  • Bei 5 bis 6 von 1.000 Teilnehmern, die eine Operation erhalten hatten, traten schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf.

 

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz (des wissenschaftlichen Belegs)

Sehr zuverlässige Evidenz zeigt, dass eine subakromiale Dekompressions-Operation verglichen mit einer Placebo-Operation bei Menschen mit einem schmerzhaften Schulterimpingement keine Verbesserung von Schmerzen, Funktion oder gesundheitsbezogener Lebensqualität bewirkt. Moderat zuverlässige Evidenz (heruntergestuft wegen mangelnder Präzision der Ergebnisse) zeigt keine Verbesserung der Anzahl von Personen, die ihre Behandlung als erfolgreich bewerten. Es ist unklar, ob eine Operation verglichen mit keiner Operation zu mehr unerwünschten Ereignissen führt. Zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen nach Schulteroperationen zählen tiefe Infektionen, Lungenembolien, Nervenverletzungen und Tod. Obwohl präzise Schätzungen nicht bekannt sind, liegt das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wahrscheinlich unter 1 Prozent (moderat zuverlässige Evidenz, herabgestuft wegen mangelnder Präzision der Ergebnisse).

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkungen

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten

Heft 5-2019


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