_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane-Update 9 2017

​PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 7 / 2017 (1. bis 31. Juli)

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Ein Beitrag von Cordula Braun1, Tanja Boßmann2 und Jutta Heinisch3

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

 


CR mit fachübergreifender Relevanz


Übersetzung eines zuvor publizierten PLS


PLS-Übersetzung

Ryan JM, et al. 2017. Exercise interventions for cerebral palsy.

Link zum CR: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD011660.pub2/full


Training zur Verbesserung von Aktivitäten, Teilhabe und Lebensqualität bei Menschen mit Cerebralparese

Foto: sweetmonster / Shutterstock.com

Reviewfrage

Verbessert Training bei Menschen mit CP Aktivitäten, die Teilhabe am täglichen Leben und die Lebensqualität?

Hintergrund

CP wird durch eine Verletzung des kindlichen Gehirns verursacht, die die normale Entwicklung stört. Menschen mit CP leiden unter verminderter Muskelkraft und verminderter aerober Fitness (Fitness bei niedrigeren Trainingsbelastungen), was ihre Fähigkeit zur Durchführung von Aktivitäten wie dem Stehen, Gehen, Laufen und der Teilhabe am täglichen Leben beeinträchtigen kann. Training ist definiert als eine geplante, strukturierte und wiederholte Aktivität mit dem Ziel der Verbesserung der Fitness. Ziel eines aeroben Trainings ist die Verbesserung der aeroben Fitness, während das Ziel eines Krafttrainings die Verbesserung der Muskelkraft ist. Obwohl Menschen mit CP häufig Training verordnet bekommen, vorrangig zur Verbesserung der Funktionsfähigkeit, gibt es noch keine umfassende Bewertung der Evidenz (des wissenschaftlichen Belegs) für Trainingsmaßnahmen für Menschen mit CP.

Studienmerkmale

Im Juni 2016 suchten wir nach allen Studien, die die Wirksamkeit von Training für Menschen mit CP untersuchten. Wir schlossen 29 Studien mit insgesamt 926 Teilnehmern mit CP ein, von denen 53 Prozent männlich waren. Fünf Studien wurden in den USA durchgeführt, vier in Australien, je zwei in Ägypten, Korea, Saudi-Arabien, Taiwan, den Niederlanden und England, drei in Griechenland und jeweils eine in Indien, Italien, Norwegen und Südafrika.

In einer Studie wurden ausschließlich Erwachsene mit CP untersucht und in drei Studien wurden Jugendliche und junge Erwachsene untersucht. Die meisten Studien untersuchten Kinder mit CP, die mit oder ohne Hilfsmittel selbstständig gehen konnten. Vier Studien untersuchten zudem Personen, die überwiegend bereifte (mit Rädern versehene) Fortbewegungshilfen (zum Beispiel Rollstühle) benutzten, und eine Studie untersuchte Personen, die ausschließlich bereifte Fortbewegungshilfen benutzten. Drei Studien beschrieben die funktionellen Fähigkeiten der Teilnehmer nicht eindeutig und nur zwei beschrieben ihre manuellen Fertigkeiten (die Verwendung der Hände beim Hantieren mit Gegenständen). Acht Studien verglichen ein aerobes Training mit der üblichen Versorgung (das heißt der Versorgung, die ein Patient in der Praxis normalerweise erhält), 15 Studien verglichen ein Widerstandstraining (eine Form von Training zur Verbesserung der Muskelkraft) entweder mit der üblichen Versorgung oder mit keiner Behandlung, vier Studien verglichen ein gemischtes Training (aerobes Training und Widerstandstraining) mit der üblichen Versorgung oder keiner Behandlung, und zwei Studien verglichen ein aerobes Training mit einem Widerstandstraining.

Hauptergebnisse

Ein aerobes Training kann möglicherweise Aktivitäten, beurteilt anhand der motorischen Funktionsfähigkeit, verbessern, scheint aber kurz- und mittelfristig keine Auswirkungen auf die Gehgeschwindigkeit, Gangausdauer, Teilhabe oder aerobe Fitness bei Kindern mit CP zu haben. Es gibt bislang keine Studien über die Wirkung von aerobem Training auf die Teilhabe oder Lebensqualität. Ein Widerstandstraining scheint die motorische Funktionsfähigkeit, Gehgeschwindigkeit oder Teilhabe kurz- und mittelfristig sowie die Lebensqualität kurzfristig bei Kindern und Jugendlichen mit CP nicht zu verbessern, kann jedoch möglicherweise die Muskelkraft verbessern. Ein gemischtes Training verbessert kurzfristig die Teilhabe, nicht aber die motorische Funktion oder die Gehgeschwindigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit CP. Wir fanden keinen Unterschied zwischen aerobem Training und Widerstandstraining bezogen auf die motorische Funktionsfähigkeit, aber einen kurzfristigen Unterschied in der Muskelkraft.

Obwohl die Evidenz darauf hindeutet, dass Training für Menschen mit CP vermutlich sicher ist, berichteten nur 16 Studien (55 Prozent) über unerwünschte Ereignisse; die berichteten Ereignisse waren jedoch nicht schwerwiegend. Alle Studien hatten kleine Teilnehmerzahlen, weshalb die Genauigkeit der Ergebnisse ungewiss ist.

Qualität der Evidenz

Wir bewerteten die Qualität der Evidenz für alle Vergleiche als niedrig oder sehr niedrig. Alle Studien hatten kleine Teilnehmerzahlen. Es gab nur sehr wenige Studien, die Erwachsene oder Personen mit CP untersuchten, die nicht gehen konnten; daher treffen unsere Ergebnisse möglicherweise auf diese Gruppen nicht zu. Nur wenige Studien machten klare Angaben zur Frequenz, Intensität oder Dauer des verordneten Trainings. Weitere Studien zur Untersuchung der Wirksamkeit von Training auf Aktivitäten und die Teilhabe sind notwendig. In diesen sollte ermittelt werden, ob der Umfang und die Intensität eines für Menschen mit CP verordneten Trainings einen Einfluss auf seine Wirksamkeit hat und ob Richtlinien zu Training und körperlicher Aktivität für die Allgemeinbevölkerung auch auf Menschen mit CP anwendbar sind.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkung

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Technische Universität München, Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften

3 Landesklinikum / Klinik für physikalische Therapie und Rehabiliation, Wiener Neustadt

Heft 9-2017


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