_Magazin

Denkfabrik Physiotherapie

Im Gespräch mit Sabine Kanzler-Soiné

.

Der gedankliche Austausch ist ein wichtiges Instrument in der Demokratie. Neue Ideen und Lösungen werden häufig in einem offenen Diskurs gefunden. Welche Veränderungen sind nötig, damit wir als Profession zukunftsfähig bleiben? Was hat sich bewährt und sollte erhalten werden? Wir möchten mit diesem Format einen Raum für neue Impulse geben.

.

Foto: Apple’s Eyes Studio/ shutterstock.com

Warum bist du Physiotherapeutin geworden?

Ursprünglich wollte ich Medizin studieren. Meine Interessensgebiete galten schon damals den Bereichen Sport, Sportwissenschaften, Medizin und Biologie. Da ich trotz guten Abis wegen Test- und Losverfahren nicht gleich einen Studienplatz bekam, entschloss ich mich zunächst interimsmäßig für die Physiotherapieausbildung und kam so nach Freiburg.

Nach der Ausbildung bekam ich noch immer keinen positiven Bescheid. Obwohl ich schließlich dreimal hintereinander für den „Medizinertest“ paukte, wurde ich nicht dafür ausgelost. Im Nachhinein bin ich nicht unglücklich, da ich trotz der schlechten Bezahlung und teils sehr unbefriedigenden Bedingungen meinen Beruf bis heute mit Herzblut ausübe. Ich bin glücklich in meinem Beruf, aber die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung nervt mich.

Bist du (berufs-)politisch aktiv? Engagierst du dich irgendwo?

Ja, schon meine damalige (1982) zunächst Chefin, später Praxispartnerin Ursula Schauer-Klatt war im Vorstand unseres baden-württembergischen Landesverbandes im ZVK; somit habe ich Verbandsarbeit quasi „mit der Muttermilch“ aufgenommen und war schon damals in viele Verbandsaktivitäten involviert.

Seit 2010, nachdem mir meine drei Jungs wieder mehr Zeit neben der Selbstständigkeit ließen, habe ich von meiner Vorgängerin Kerstin Mahel das Amt der Regionalsprecherin von Physio-Deutschland für den Freiburger und Lörracher Raum übernommen. Zusammen mit einem tollen, engagierten Team von Kollegen haben wir 2014 erstmals den „Talk am See – Frühjahrsempfang der Physiotherapeuten“ ins Leben gerufen, der dieses Jahr zum fünften Mal stattfand. Auch ein Mitglied des VPT ist in unserem Organisationsteam.

In Baden-Württemberg rücken Physio-Deutschland und VPT immer enger zusammen. Wir denken hier: „Gemeinsam sind wir stärker.“ Inzwischen haben wir zwischen 180 bis 230 Teilnehmer bei „Talk am See“: überwiegend Kollegen, aber auch Ärzte und Interessierte aus anderen Berufsgruppen, von den Krankenkassen und aus der Bevölkerung.

Erst einmal ganz allgemein, wie empfindest du das momentane gesellschaftliche Klima?

Mir macht einerseits der „Rechtsruck“ Angst; die zunehmende Intoleranz gegenüber anderen Kulturen, wobei gleichzeitig mit immer billiger werdenden Flügen immer mehr Menschen die ganze Welt bereisen und dort anscheinend andere Kulturen interessant finden.

Außerdem macht mir die oft sehr unqualifizierte Stimmungsmache über die neuen Medien große Sorge, wo richtig polemisch und oft ohne Background Unwahrheiten verbreitet werden. Auch für Physiotherapeuten gibt es leider solche Portale.

Viele Menschen schimpfen unqualifiziert über etwas, mit dem sie sich gar nicht wirklich befasst haben. Statt wenigstens ehrlich zu sagen: „Ich weiß zu wenig über die Problematik“, wird oft einer populären Meinung hinterhergerufen und schlechte Stimmung verbreitet, statt selbst aktiv zu werden und zu versuchen, Missstände zu verbessern.

Auch Bewertungsportale sehe ich ähnlich gefährlich. Physiotherapeuten sind dort glücklicherweise noch selten vertreten. Aber bei manchen Plattformen braucht man zum Beispiel nur ein paar Freunde zu mobilisieren, die eine Bewertung abgeben, und schon ist eine gerade eröffnete Praxis nach zwei Monaten unter den „Stadtbesten“. Also zusammengefasst: Die abnehmende Seriosität der Informationsverbreitung und die unkritische Haltung vieler Menschen zu Informationen macht mir Sorge.

Auch in der Politik werden den lauten und polemisch schreienden Selbstdarstellern oft mehr Stimmen gegeben als den leiseren, reflektierenden, klügeren Köpfen. Die Oberflächlichkeit nimmt auch hier leider zu!

Und wie nimmst du die Stimmung innerhalb der Physiotherapie wahr?

Hier gilt Ähnliches: Es gibt viele tolle, engagierte Leute innerhalb unseres Berufsstandes, die gerade in den letzten Jahren viel erreicht haben. Und dann gibt es viele, die immer noch laut über diese Engagierten schimpfen, weil sie sich gar nicht darüber informieren, welche Meilensteine schon in Bewegung gekommen sind.

Ich gebe dir einige Stichworte. Was denkst du über …

… Direktzugang (DA) und / oder Blankoverordnung (BV)?

Ist mehr als an der Zeit. Wer kann besser beurteilen, welche Therapie heute gerade sinnvoll ist, wenn nicht der Therapeut zusammen mit dem sich ihm anvertrauenden Patienten? Die Umsetzung allerdings ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten! In Baden-Württemberg sollte schon seit Anfang des Jahres ein Modellvorhaben zur BV laufen. Eine engagierte Verhandlungsführerin der AOK hat jetzt das Handtuch geworfen, das hat uns wieder sehr zurückgeworfen.

Ich würde dafür plädieren, die BV zu überspringen und direkt zum DA überzugehen.

Beim DA muss der Therapeut unbedingt die Red Flags erkennen können und Berufserfahrung haben! Ansonsten ist er für mich wünschenswerterweise ein Schritt in die Richtung „mündiger Patient“, der dann alleine darüber entscheidet, ob er direkt zum Physiotherapeuten geht oder zuerst einen Arzt aufsucht.

… die Idee zur Therapeutenkammer?

Der Heilmittelkatalog (HMK) muss von Physiotherapeuten gestaltet werden und nicht vom G-BA. Der HMK sollte ähnlich wie der der Logopäden auf wenige Positionen reduziert werden; innerhalb dieser sollte man individuell und tagesaktuell therapieren können.

Tragisch finde ich, dass die Qualität der Ausbildung und der Berufsausübung extrem stark variiert.

Bei beiden Szenarien könnte eine Therapeutenkammer vielleicht die Lösung sein! Diese Thematik wurde auch bei unserem diesjährigen „Talk am See“ in großer Expertenrunde diskutiert. Am Ende ist das Votum des Publikums über Pro und Kontra zur Gründung einer Therapeutenkammer – außer ein paar Enthaltungen – einstimmig pro Verkammerung ausgefallen.

Welche Parameter und Inhalte gute Ausbildungs- und Behandlungsqualität erfordert, soll bei unserem nächsten „Talk am See“ im Mai 2019 beleuchtet und diskutiert werden.

… die Akademisierung von Physiotherapeuten?

Ist unbedingt die Zukunft. Das eigene Tun reflektieren, Studien lesen und einschätzen können, das finde ich wichtig für die Entwicklung unseres Berufsstandes hin zur Profession. Eventuell könnte man für einige Aufgaben auch über eine Art Physioassistenten nachdenken. Wir brauchen in der Ausbildung ein durchlässiges System. Es muss Aufstiegsmöglichkeiten geben.

Und natürlich sollten sich die jetzt tätigen Physiotherapeuten mit zumutbarem zeitlichen und finanziellen Aufwand so nachqualifizieren können, dass sie mit dem Vorteil ihrer Berufserfahrung eine ähnliche Qualität der Behandlung wie die von Beginn an akademisch Ausgebildeten abgeben können. Es wird sicherlich eine längere Übergangszeit benötigen.

… interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Sehr wichtig und zukunftsträchtig! Man sollte unbedingt vernetzter arbeiten!

Ich erlebe es selbst in der monatlich stattfindenden interdisziplinären Schmerzkonferenz, an der ich schon seit Jahren regelmäßig teilnehme: Es ist höchst interessant und weitet extrem den eigenen Horizont, zu erleben, wie jeder Berufsstand (Fachärzte verschiedener Richtungen, Psychotherapeuten, Schmerztherapeuten …) einen anderen Blick auf denselben Patienten wirft.

Worüber sollte offen gesprochen werden?

Über den Stand der Ausbildungs- und Behandlungsqualität! Wenn wir fordern, müssen wir auch bieten! Auch wenn mir klar ist, dass die Qualität auch von den Rahmenbedingungen (beispielsweise Kontaktzeit mit dem Patienten, Honorierung von Befund und Therapiebericht et cetera) abhängt.

Du kannst morgen ein aus deiner Sicht wichtiges Projekt den Verantwortlichen bei den Krankenkassen / in der Politik zur sofortigen Bearbeitung vorlegen. Welches Thema wäre das?

Die Gestaltung des HMK in die Hände von Physiotherapeuten mit Berufserfahrung, aber auch Background bezüglich Reflexion / Evidenz et cetera; gegebenenfalls mithilfe einer Institution wie einer Therapeutenkammer, die auch die Ausbildung und Ausübung überwacht und betreut.

Denn Qualität empfinde ich als das Effektivste und Nachhaltigste für alle Beteiligten. Und qualitätsvoll therapieren macht zufriedener!

Wagst du mit uns einen Blick in die Zukunft? Wie sieht die deutsche Physiotherapie in 20 Jahren aus?

Es gibt nur noch einen gemeinsamen Physiotherapeutenverband und eine Therapeutenkammer. Physiotherapeuten gehören einer Profession an. Sie sind nicht nur „Handarbeiter“ und Trainer, sondern auch Analysierende, Berater, Begleiter, Experten für Bewegung und funktionelle Zusammenhänge und einige auch Wissenschaftler im Bereich Therapiewissenschaften.

Sie arbeiten eng vernetzt mit allen anderen Berufsgruppen, die für den jeweiligen Patienten nützlich sein könnten. Sie werden für ihre Arbeit je nach Ausbildungs- und Leistungsgrad honoriert und haben in einem Stufenmodell durch entsprechende Weiterbildung und Berufserfahrung Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Berufsgruppe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sehr gerne!

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

Gesprächspartnerin Sabine Kanzler-Soiné

Foto: H. Loeffler

Seit 1980 Physiotherapeutin; 1984–1998 in eigener Gemeinschaftspraxis tätig; 1999–2016 in eigener Einzelpraxis niedergelassen, seit 2017 dort als freie Mitarbeiterin; Interessenschwerpunkte: Tänzermedizin, chronische Schmerzpatienten; seit 2010 Regionalsprecherin von Physio-Deutschland für Freiburg und Lörrach. Kontakt: smkanzler@web.de

Heft 09-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

Teilen & Feedback