_Evidenzbasierte Therapie

Diagnostik gängiger Knieerkrankungen: Sind Physiotherapeuten und Orthopäden gleich kompetent?

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Foto: Atstok Productions / shutterstock.com

Bildgebende Verfahren sind teuer und treiben die Gesundheitskosten in die Höhe. Muss ein Patient lange auf einen Termin für ein MRT warten, verzögert dies den Beginn der konservativen Therapie und verkleinert gegebenenfalls den Behandlungserfolg. International betrachtet müssen Physiotherapeuten, die im „First Contact“ arbeiten, mithilfe ihrer klinischen Fertigkeiten rasch in der Lage sein, das richtige therapeutische Prozedere für ihren Patienten zu identifizieren. Eine Forschergruppe aus Montreal prüfte in ihrer Untersuchung nun, ob die klinische Ersteinschätzung, die ein Physiotherapeut nach der körperlichen Untersuchung trifft, valide ist und mit einer vom Arzt gestellten Diagnose übereinstimmt. Die Daten von 179 Personen (49,9 ± 16,1 Jahre alt, 114 Frauen), die aufgrund von Kniebeschwerden vorstellig geworden waren, gingen in die Auswertung ein. Ausgeschlossen wurden Personen, die jünger als 18 Jahre waren, an einer systemischen entzündlichen Erkrankung litten, über mehr als zwei zusätzliche Symptombereiche an der unteren Extremität berichteten oder in den letzten sechs Monaten Operationen dort erhalten hatten, zum Beispiel Gelenkersatz. Die Studienteilnehmer wurden unabhängig von zwei Untersuchern eingeschätzt: einmal durch einen von insgesamt vier Ärzten (Sportmediziner oder orthopädische Chirurgen), die zur Sicherung ihrer Diagnose auch Bildgebung einsetzen konnten (Röntgen, MRT), und dann durch einen Physiotherapeuten, der ausschließlich eine muskuloskelettale Untersuchung durchführen konnte. Analysiert wurden Interrater-Reliabilität und Validität der physiotherapeutischen im Vergleich zur ärztlichen Diagnose. Zu den häufigsten in dieser Untersuchung gestellten Diagnosen zählten Gonarthrose (n = 79), patellofemoraler Schmerz (n = 45), Meniskusläsionen (n = 36) und Verletzungen des vorderen Kreuzbandes (n = 8). Im Hinblick auf die Diagnose war die 89-prozentige Übereinstimmung zwischen Arzt und Physiotherapeut hoch (Kappa) und für die adäquate Identifizierung von OP-Kandidaten gut (Kappa: 0,73). Auch die Sensitivität der physiotherapeutischen Untersuchung war mit einer Spannweite zwischen 82 und 100 Prozent hoch, ebenso die Spezifität (96 bis 100 Prozent), bei beachtenswerter Likelihood-Ratio (LR+/− 23,2 bis 30,5 / 0,03 bis 0,09), demzufolge die Testqualität sehr hilfreich war, da ein klinisch wichtiger Unterschied festgestellt wurde. Die muskuloskelettale Untersuchung scheint ausreichend für die Mehrzahl der gängigen Knieerkrankungen zu sein.

Quelle: Décary S, et al. 2017. Diagnostic validity and triage concordance of a physiotherapist compared to physicians’ diagnoses for common knee disorders. BMC Musculoskelet. Disord. 18, 1:445 Volltext frei

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29137611

Heft 02-2018


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pt_Redaktion

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