_Magazin

Die Professionalisierung der Physiotherapie im Spiegel der Bundestagswahl 2017

Argumentationen, Perspektiven und offene Fragen

.

Deutschland hat gewählt. Hat Deutschland damit auch – zumindest ein stückweit – über die Zukunft der Therapieberufe und insbesondere über die der Physiotherapie entschieden? Die Parteien sind in dieser Hinsicht mit unterschiedlichen Forderungen in den Wahlkampf gezogen. Entschieden ist noch nichts, dennoch ist es mehr als nur interessant, diese Forderungen genauer anzuschauen.

.

Es ist wichtig, die Forderungen der Parteien zu kennen, denn nicht nur die wissenschaftlichen Vereinigungen und die Berufsverbände, auch jeder Einzelne hat über seine Abgeordneten sowie über die Verbände, in denen er Mitglied ist, die Möglichkeit, auf die Umsetzung wichtiger Forderungen und die Beantwortung drängender Fragen zum Beispiel in Koalitionsverhandlungen oder in den folgenden Gesetzgebungsverfahren Einfluss zu nehmen.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Physiotherapie ein professionalisierungsbedürftiger und professionalisierbarer Beruf (1). Folgt man dieser Einschätzung, so stellen sich mehrere Aufgaben: Zum einen ist eine dem aktuellen Stand der Professionalisierung entsprechende beziehungsweise mit weiteren Professionalisierungsschritten jeweils im Einklang stehende Handlungsautonomie einzuführen und rechtlich abzusichern. Zum anderen sollte eine schrittweise, sich am jeweiligen Stand der Professionalisierung orientierende Akademisierung erfolgen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Regierungsbildung für die kommende Legislaturperiode drängt sich somit die Frage auf, ob und in welchem Maße die Professionalisierung der Physiotherapie durch politische Strategien der im Bundestag vertretenen Parteien befördert werden könnte.

Wahlkampfaussagen

Dargestellt und analysiert werden in diesem Beitrag ausschließlich die Wahlkampfaussagen der im deutschen Bundestag seit September 2017 vertretenen Fraktionen zur Entwicklung der therapeutischen Gesundheitsfachberufe allgemein sowie der Physiotherapie im Besonderen. Weitere oder ergänzende Materialien der einzelnen Parteien wurden hier bewusst nicht integriert. Betrachtet werden ausdrücklich nur die Wahl- / Regierungsprogramme als solche. Denn sie sind ein Ausdruck dessen, was im Hinblick auf die Gesundheitsberufe für wichtig erachtet wird. Die Reihenfolge der dargestellten und diskutierten Aussagen orientiert sich an den jeweiligen Fraktionsstärken im Bundestag.

CDU/CSU

„Durch eine bessere Vernetzung aller an der Versorgung Beteiligten werden wir dafür sorgen, dass aus vielen guten medizinischen und pflegerischen Einzelleistungen stets auch eine gute Mannschaftsleistung wird. Gerade die Versorgung älterer, oft mehrfach und chronisch erkrankter Menschen, schwer erkrankter Kinder und psychisch Kranker erfordert dies“ (CDU/CSU, 2017, S. 38f) (2).

„Wir werden das Schulgeld für die Ausbildung der Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden und den weiteren Heilberufen abschaffen. Das Schulgeld in der Altenpflege haben wir bereits abgeschafft“ (CDU/CSU, 2017, S. 39) (2).

 

Mit dem ersten Absatz werden weder die Angehörigen der Therapieberufe allgemein, noch die der Physiotherapie explizit angesprochen. Dennoch lässt der Kontext der Aussagen vermuten, dass die Leistungen der Angehörigen der drei Berufe im Rahmen der oben genannten „Einzelleistungen“ mit gemeint sind, da alle drei Berufe in dem zweiten, kurz darauf folgenden Absatz des Regierungsprogramms direkt angesprochen werden.

Auf den ersten Blick scheint sich eine detaillierte Analyse des Sachgehalts der Prämissen der Argumentation zur Vernetzung und interprofessionellen Kooperation im deutschen Gesundheitswesen zu erübrigen. Die Prämissen befinden sich im Einklang mit den einschlägigen Sachverständigengutachten (z.B. 3). Allerdings ist die Argumentation als solche zu unkonkret. Es wird in der Umsetzung darauf ankommen, wie die folgenden Fragen im Detail beantwortet werden:

  1. Was genau ist eigentlich mit einer „Mannschaftsleistung“ gemeint? Die Arbeit eines stationären Versorgungsteams, die Kooperation innerhalb der ambulanten Versorgung oder gar die sektorenübergreifende Zusammenarbeit? Eine Kooperation von Berufen auf ‚Augenhöhe‘ oder unter der exklusiven Leitung und Verantwortung der behandelnden Ärztinnen und Ärzte?
  2. Was ist mit Vernetzung gemeint? Was genau kann/soll verbessert werden? Stehen geeignete Konzepte und Maßnahmen zur Verfügung?
  3. Die Vernetzung aller an der Versorgung Beteiligten ist sicher eine notwendige Bedingung für eine „Mannschaftsleistung“. Aber: Reicht eine bessere Vernetzung aus, um eine „stets gute Mannschaftsleistung“ zu erzeugen? Ist sie insbesondere im Hinblick auf die Beteiligung der Physiotherapie an einer funktionierenden interprofessionellen Kooperation auch die hinreichende Bedingung?
  4. Welche Bedeutung wird einer akademischen Ausbildung der Physiotherapeuten für gemeinsame klinische Entscheidungen im interprofessionellen Team beigemessen? Der Wissenschaftsrat (4) zumindest stellt diesen Aspekt in den Vordergrund seiner Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen.
  5. Welche Bedeutung wird der Stärkung der Autonomie der Physiotherapie (zum Beispiel durch Blankoverordnung oder Direktzugang) beigemessen, das heißt den fachlichen und rechtlichen Voraussetzungen einer klinischen Argumentation auf Augenhöhe ohne formale Abhängigkeit von ärztlicher Verordnung?

 

Die in dem zweiten Zitat geforderte Abschaffung von Schulgeld als einzige Aussage zum Thema Ausbildung von Physiotherapeuten lässt befürchten, dass einer akademischen Ausbildung und einer damit auch verbundenen Stärkung der Autonomie in der kommenden Legislaturperiode keine besondere Bedeutung beigemessen wird. Ansonsten kann diese Forderung schon fast als Konsens gelten – so viel kann an dieser Stelle bereits vorweggenommen werden. Eine irgendwie geartete Argumentation wird mit dieser Ankündigung nicht verbunden. Die (möglichen) Begründungen und Wirkungen werden entweder für offensichtlich und damit nicht erwähnenswert gehalten, oder sie sollen im Verborgenen bleiben. Ob damit mehr als eine finanzielle Entlastung der Schüler erreicht werden soll, bleibt somit offen. Eine nachhaltige Verbesserung der finanziellen Situation der in der Versorgung tätigen Physiotherapeuten ist damit jedenfalls nicht verbunden.

 

SPD

„… [Wir] wollen die sozialen Berufe aufwerten. Künftig soll aus der vollschulischen Ausbildung eine echte duale Ausbildung werden. Dadurch machen wir sie nicht nur gebührenfrei, sondern schaffen zudem eine Ausbildungsvergütung! Ein Anreiz, der dazu führen wird, dass auch Männer diese Berufe verstärkt ergreifen. Für die Gesundheitsfachberufe schaffen wir einen bundeseinheitlichen Rahmen“ (SPD, 2017, S. 25) (5).

„… [Wir] werden gemeinsam mit den Tarifpartnern die sozialen Berufe aufwerten, in denen vor allem Frauen arbeiten. Dazu zählen die Berufsfelder Gesundheit, Pflege, Betreuung und frühkindliche Bildung. Wir wollen die verschulten Berufe möglichst bald in das duale System mit Ausbildungsvergütung und Schulgeldfreiheit beziehungsweise in duale Studiengänge überführen“ (SPD, 2017, S. 81f) (5).

Beide Absätze scheinen zunächst relativ ähnlich, da sie die gleichen Maßnahmen ansprechen: die Überführung der schulischen Ausbildung in den sozialen und damit auch den Therapieberufen in eine duale Ausbildung beziehungsweise in duale Studiengänge. Analysiert man jedoch etwas genauer, so werden zwei unterschiedliche Argumentationen deutlich.

Im ersten Absatz wird angekündigt, dass aus der vollschulischen Ausbildung eine „echte duale Ausbildung“ werden soll. Nimmt man die folgende Argumentation ernst, so liegt der Hauptgrund darin, dass finanzielle Anreize geschaffen werden sollen, den Beruf zu ergreifen – und zwar explizit für Männer. Im zweiten Absatz geht es darum, Berufe aufzuwerten, in denen vor allem Frauen arbeiten. Auch hier wird der monetäre Aspekt betont: Die Aufwertung erfolgt durch die Einführung von Schulgeldfreiheit und Ausbildungsvergütung im Rahmen einer dualen Ausbildung. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Überführung in duale Studiengänge möglich wäre, allerdings wird nicht geklärt, für welche der in dem Zitat genannten Berufsfelder das gelten könnte oder sollte.

Schon die Geschlechterbilder sind diskussionswürdig, die hinter der Vermutung stehen, dass für Männer Berufe finanziell aufgewertet werden müssen, damit sie sie auch ergreifen, während bei der Aufwertung für Frauen auch ein tertiäres Ausbildungsangebot ins Spiel gebracht wird. Darüber hinaus drängen sich aber noch einige weitere Fragen auf:

  1. Die Hauptfragen stellen sich im Hinblick auf eine Überführung der schulischen in eine duale Ausbildung. Es müssten viele Voraussetzungen geschaffen werden, von denen einige nicht ganz einfach umzusetzen sein dürften. Nur zwei Fragen sollen hier stellvertretend erwähnt werden: Wie können stationäre und ambulante Gesundheitsversorgungseinrichtungen, die bisher im Rahmen der schulischen Ausbildung Praktika anbieten, in personeller und finanzieller Hinsicht zu Ausbildungsinstitutionen im Rahmen einer dualen Ausbildung weiterentwickelt werden? Und: Welche Ausbildungsmöglichkeiten müssen geschaffen beziehungsweise weiterentwickelt werden, um die entsprechenden Berufsschullehrer (Theorie- und Fachpraxislehrkräfte) zu qualifizieren?
  2. Ist eine Verbesserung der finanziellen Situation während der Ausbildung ein hinreichendes Ziel, um die Physiotherapie attraktiver zu machen? Sicher wäre es ein Schritt in die Richtung, aber wichtiger wäre es doch, die finanzielle Situation in der auf die Ausbildung folgenden und deutlich länger andauernden Lebenssituation der beruflichen Tätigkeit als Therapeut zu verbessern. Eine finanzielle Durststrecke während der Ausbildung erscheint weniger abschreckend, als eine finanzielle Dauerdurststrecke während der Berufstätigkeit.
  3. Reichen finanzielle Anreize überhaupt aus, die Berufe attraktiver zu machen? Möglicherweise wären andere Gratifikationen wie Respekt, Wertschätzung und mehr Handlungsautonomie (Stichworte Blankoverordnung, Direktzugang) zielführender, um die Berufe attraktiver zu machen – zumal, wenn diese mit einer qualitativ verbesserten und/oder akademischen Ausbildung einhergingen. Erstaunlich ist, dass eine mögliche Qualitätsverbesserung durch die duale Ausbildung gar nicht erwähnt wird und der Aspekt einer akademischen Ausbildung nur ganz am Rande.

 

AfD

„12.7 Ärzte und Therapeuten überwiegend in Deutschland ausbilden

Gesundheit ist immer auch eine Frage des Vertrauens. Bei Ärzten, Therapeuten oder Pflegekräften, die sprachliche Defizite aufweisen, kann keine Vertrauensbasis entstehen. Die Beschäftigung von ausländischem Personal, das oftmals sprachliche Defizite aufweist, kann somit keine Lösung zur Behebung des Personalmangels im Gesundheitswesen sein.
(…)

Ärzte und Therapeuten, die in Gesundheitsberufen arbeiten, sollen nach Möglichkeit in Deutschland ausgebildet sein oder über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. “ (AfD 2017, S. 61) (6).

Die AfD stellt nicht nur Forderungen, sondern baut auch eine Argumentation auf, die die in der Überschrift enthaltene Forderung begründen soll. Um zu zeigen, dass auch alternative Schlussfolgerungen zu der von der AfD gezogenen möglich sind, insbesondere wenn man Fakten und notwendige Argumentationsschritte ergänzt, ist eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung mit deren Wahlkampfaussagen nötig.

Der Aussage, dass Gesundheit immer auch eine Frage des Vertrauens ist, kann man sicher zustimmen. Ob dagegen bei Ärzten, Therapeuten oder Pflegekräften, die sprachliche Defizite aufweisen, keine Vertrauensbasis entstehen kann, ist als Aussage in dieser apodiktischen Form bereits zu hinterfragen. Sicher, auch Sprache ist in der Physiotherapie wichtig, dennoch scheint diese Aussage etwas überzogen. Wichtiger ist festzuhalten, dass individuelles Vertrauen auch von anderen Einflussfaktoren abhängt, zum Beispiel von fachlicher Kompetenz, Empathie und Wertschätzung durch die Physiotherapeuten sowie von dem Vertrauen in Institutionen, also zum Beispiel in bestimmte Krankenhäuser, ambulante Praxen oder andere Versorgungseinrichtungen. Und es hängt nicht zuletzt vom Faktor Zeit ab: Zeit für Behandlung und Zeit für Kommunikation.

Die Aussage, dass die Beschäftigung von ausländischem Personal, das oftmals sprachliche Defizite aufweist, keine Lösung zur Behebung des Personalmangels im Gesundheitswesen sein kann, bedarf einer noch eingehenderen Betrachtung. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es tatsächlich viele Anzeichen für einen Fachkräftemangel auch im Bereich der Physiotherapie gibt. Dass allerdings als Lösung des Problems die Beschäftigung von ausländischem Personal angestrebt wird, ist – auf jeden Fall im Bereich der Physiotherapie – eine Chimäre. Aktuelle Zahlen zum Anteil der ausländischen Beschäftigten in der Physiotherapie gibt es nicht, die aktuellsten verfügbaren Zahlen des Statistischen Bundesamts von 2015 stellen eine Annäherung dar: 2015 betrug der Anteil an Ausländerinnen und Ausländern in den medizinischen Gesundheitsberufen insgesamt 5,5 Prozent (7). Die Beschäftigung von ausländischem Personal ist also nicht so hoch, dass ihre Begrenzung einen relevanten Einfluss auf die in Frage stehenden Sprachdefizite in der Physiotherapie haben könnte. Auch sind bislang keine Strategien oder Initiativen bekannt geworden, Physiotherapeuten gezielt aus dem Ausland anzuwerben, um den Fachkräftemangel zu beheben. Sofern hier überhaupt Aktivitäten oder Planungen zu verzeichnen sind, so zielen diese darauf, die Therapieberufe für Praktiker und an der Berufsausbildung und -ausübung Interessierte attraktiver zu machen.

Dass schließlich Ärzte und Therapeuten – und damit auch Physiotherapeuten – über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen sollten, ist sicher ein sinnvolles Anliegen. Dass, um dies zu erreichen, diese aber nach Möglichkeit in Deutschland ausgebildet sein sollten, ist zumindest eine ambivalente Forderung. Sicher ist es wünschenswert, dass der physiotherapeutische Fachkräftebedarf in Deutschland auch durch eine fachlich (und sprachlich) adäquate Ausbildung in Deutschland gewährleistet wird. Die fachliche Qualität der Ausbildung in Deutschland ist jedoch sehr umstritten und sicherlich sehr heterogen. Die überwiegende Verortung der Ausbildung im Privatschulbereich und die über lange Jahre in pädagogisch-didaktischer Hinsicht weitgehend voraussetzungsarme Einstellung von Lehrkräften verhindert eine gleichmäßig hochwertige Ausbildung von Therapeuten, die das der Physiotherapie innewohnende Potenzial voll umfänglich allen Patienten verfügbar machen können. Insbesondere im Hinblick auf die akademische Ausbildung von Physiotherapeuten ist Deutschland ein Entwicklungsland.

Damit schließt sich der argumentative Kreis zu der ersten Aussage: Gesundheit ist eben nur auch eine Frage des Vertrauens. Sie ist auch eine Frage der physiotherapeutischen Fachkompetenz, klinischen Erfahrung, der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, der Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse und patientenseitiger Werte, Ziele und Präferenzen – um nur einige der Grundlagen zu nennen. Das Problem sprachlicher Defizite, soweit diese vorhanden sind, ließe sich wahrscheinlich noch am besten mit entsprechenden Sprachförderprogrammen lösen.

 

FDP

„[Es] bedarf einer flächendeckenden Förderung einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) in vernetzten Teams aus Ärzteschaft, Pflegekräften, Psychologinnen und Psychologen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Seelsorgenden, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und ehrenamtlich Helfenden, um den Sterbenden und ihren Angehörigen den Abschied vom Leben zu erleichtern“ (FDP 2017, S. 91) (8)

In dem Wahlprogramm der FDP findet sich nur diese eine Nennung der Physiotherapie. Hier bedarf es keiner Analyse im eigentlichen Sinne: es kann festgehalten werden, dass die FDP die Physiotherapie als Teil der ambulanten, stationären und rehabilitativen Versorgung in ihrem Wahlprogramm als nicht weiter bedeutsam erachtet – wenngleich es natürlich positiv zu vermerken ist, dass der Physiotherapie bei der Förderung eines spezialisierten Handlungsfelds in der Palliativversorgung eine eigene Rolle zugeschrieben wird.

 

DIE LINKE

„DIE LINKE setzt sich für eine Stärkung der Qualifizierung und für eine bessere Bezahlung der Gesundheits- und Heilberufe ein. Ausbildungen in Gesundheitsberufen müssen gebührenfrei sein und Arbeitsleistungen während der Ausbildung vergütet werden“ (DIE LINKE 2017, S. 32) (9).

Die Wahlaussagen der LINKEN zu den Gesundheitsberufen und damit auch zur Physiotherapie sind vergleichsweise allgemein gehalten, dafür aber auch umfassender als die Wahlforderungen der bisher betrachteten Parteien. Gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal in den Wahlprogrammen ist eine bessere Bezahlung der Gesundheitsberufe.

 

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

„Wir wollen eine bessere Vernetzung, Koordination und Zusammenarbeit aller im Gesundheitswesen (…).

(…) Unser Ziel ist eine Primärversorgung, in der insbesondere Haus- und Kinderärzt*innen sowie Angehörige weiterer Gesundheitsberufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Deshalb setzen wir uns auch für eine stärkere interdisziplinäre Ausbildung (…) ein.”

„Wir setzen uns ein für eine gute, zahlenmäßig ausreichende und kostenlose Ausbildung aller Gesundheitsberufe, beispielsweise in der Altenpflege, Physio- oder Ergotherapie, Logopädie und für Hebammen. (…) Außerdem fordern wir bessere Mitspracherechte für die Pflege und die anderen Gesundheitsberufe in den Gremien der Selbstverwaltung, damit sie mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen zu einer guten Weiterentwicklung des Pflege- und Gesundheitssystems beitragen können.

Es bedarf zusätzlicher Ausbildungsplätze für die Gesundheitsberufe an Hochschulen und Universitäten, auch für Ärztinnen und Ärzte. Zur Finanzierung müssen Bund und Länder zusammenarbeiten.“ (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 2017, S. 201ff) (10).

Das Wahlprogramm von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN setzt ebenfalls auf eine kostenlose Ausbildung auch in der Physiotherapie und stellt wie die CDU/CSU die Notwendigkeit einer besseren Vernetzung, Koordination und Zusammenarbeit im Gesundheitswesen heraus – und es stellen sich auch hier im Prinzip die gleichen Fragen zur interprofessionellen Kooperation.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN thematisieren allerdings – wenn auch nicht mit Bezug auf Vernetzung und Kooperation – eindeutig einen Bedarf an akademischer Ausbildung, allerdings wohl nicht für alle, sondern im Sinne zum Beispiel des Wissenschaftsrats oder des Deutschen Ärztetags als Teil-Akademisierung (1).

So sehr es zu befürworten ist, dass wenigstens ein (künftig größerer) Teil der Therapieberufe akademisch ausgebildet wird, so problematisch können die Konsequenzen einer dauerhaft zweigeteilten physiotherapeutischen Ausbildung werden. Da BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ihre Forderung nicht weiter begründen, stellt sich die Frage, welches Zukunftsszenario hinter der Forderung steht. Im Prinzip kommen zwei Möglichkeiten in Frage, für die sich jedoch in dem Wahlprogramm keine Anhaltspunkte finden lassen:

  1. In einem mit gutem Willen noch positiv interpretierbaren Sinne könnte sich eine physiotherapeutische Elite ausbilden, die in interprofessionell geprägten Versorgungsbereichen wie etwa der Schlaganfallversorgung tätig sind und/oder Leitungsfunktionen in der Versorgung übernehmen.
  2. Denkbar wäre aber auch, dass eine Teil-Akademisierung zu der Etablierung physiotherapeutischer Assistenzberufe führen könnte und zu einer Vielzahl von Problemen, die mit einer entsprechenden Arbeitsteilung zwischen akademisch und berufsfachschulisch (oder dual) ausgebildeten Physiotherapeuten verbunden sein könnten.

 

Es besteht also ein dringender Klärungsbedarf, wie die so einfach erscheinende Forderung nach zusätzlichen Ausbildungsplätzen an Hochschulen und Universitäten zu verstehen ist und vor allem, welche Zukunftsvorstellung(en) einer interprofessionellen und/oder intradisziplinär-physiotherapeutischen Arbeitsteilung mit der Forderung verbunden sind.

Ein Schwerpunkt, den nur BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN setzen, besteht in der Stärkung der Mitspracherechte in den Gremien der Selbstverwaltung. Es spricht für eine Wertschätzung der Therapieberufe, dass ihnen zugetraut wird, mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen zu einer guten Weiterentwicklung des Gesundheitssystems beitragen zu können. Hier stellt sich die Frage, an welche Gremien gedacht wird und welche Anforderungen an die Selbstorganisation der Physiotherapie (Berufsverbände, Verkammerung) damit einhergehen würden.

Fazit

Betrachtet man die Positionen der Parteien im Wahlkampf im Überblick (Abb. 1), so wird deutlich, dass die Schulgeldfreiheit, die es in einigen Bundesländern aktuell auch schon gibt, wohl die am ehesten konsensfähige Forderung ist.

Abb. 1 Wahlkampfaussagen im Überblick
Grafik: Bernhard Borgetto

Das Thema Interprofessionalität wird von der CDU/CSU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN angesprochen, eine duale Ausbildung – ohne Bezug auf eine damit eventuell verbesserte Ausbildungsqualität – von der SPD, eine verbesserte Qualifikation und Bezahlung von der LINKEN und eine Teil-Akademisierung und stärkere Beteiligung an der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen nur von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Nun sind Aussagen in Wahlprogrammen natürlich immer verkürzte und um Prägnanz bemühte Darstellungen von häufig inhaltlich umfangreicheren und ausgearbeiteteren Positionen, die sich in anderen Dokumenten finden lassen. Sie geben aber den Stellenwert wieder, die den entsprechenden Positionen beigemessen werden und gegebenenfalls auch, welche Rolle sie für eine Partei in eventuellen Koalitionsverhandlungen spielen. So gesehen, sind Änderungen wie das Streichen des Schulgelds wohl in jeder der derzeit möglichen Koalitionen wahrscheinlich. Auch wenn die Folgewirkungen einer solchen Maßnahme noch nicht ganz abgeschätzt werden können – und sicher auch nicht unterschätzt werden sollten – handelt es sich doch eher um kosmetische Maßnahmen. Positionen, die tatsächliche Entwicklungsschritte im Sinne einer Professionalisierung der Physiotherapie bedeuten, wurden im Wahlkampf jedoch nur von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN vertreten und würden wohl nur im Falle einer Jamaika-Koalition in die Verhandlungen eingebracht.

Ob den Positionen, die für eine Weiterentwicklung der Physiotherapie stehen, in den Koalitionsverhandlungen und in der nächsten Legislaturperiode wirkliche Bedeutung zukommt, hängt aber nicht zuletzt von denen ab, die sich in die Politik der nächsten Jahre einmischen – auf welchem Weg auch immer.

Anmerkung

Ich danke meinen Kollegen an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK, insbesondere Holger Ahrens, und unseren Studierenden in unseren beiden interdisziplinären Studiengängen Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie für wertvolle Anregungen, Kommentare und Diskussionen.

Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in Publikationen der pt auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

pt online 8.11.2017

Literatur

1) Borgetto, B. 2017. Das Transtheoretische Professionalisierungsmodell (TraP). Grundlagen und Perspektiven für die therapeutischen Gesundheitsberufe. In S. Dangendorf & T. Sander (Hrsg.). Akademisierung der Pflege. Berufliche Identitäten und Professionalisierungspotenziale im Vergleich zu Sozialer Arbeit und Frühpädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, 144-207.

2) CDU/CSU. 2017. Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Regierungsprogramm 2017-2021. www.cdu.de/regierungsprogramm; Zugriff am 26.10.2017

3) SVR – Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. 2008. Gutachten 2007 – Kooperation und Verantwortung. Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung. Band I. Die Entwicklung der Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe als Beitrag zu einer effizienten und effektiven Gesundheitsversorgung. Integrierte Versorgung in der GKV: Entwicklung, Stand, Perspektiven. Finanzierung und Planung des Krankenhauswesens. Baden-Baden.

4) Wissenschaftsrat. 2012. Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen. https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf; Zugriff am 01.09.2014

5) SPD. 2017. Zeit für mehr Gerechtigkeit. Unser Regierungsprogramm für Deutschland. www.spd.de/standpunkte/regierungsprogramm/ Zugriff am 26.10.2017

6) AfD. 2017. Programm für Deutschland. Wahlprogramm der Alternative für Deutschland für die Wahl zum Deutschen Bundestag am 24. September 2017. www.afd.de/wahlprogramm/ Zugriff am 26.10.2017.

7) Statista. 2017. Ausländeranteil in verschiedenen Berufsgruppen in Deutschland am 30. Juni 2015. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167622/umfrage/auslaenderanteil-in-verschiedenen-berufsgruppen-in-deutschland/; Zugriff am 26.10.2017

8) FDP. 2017. Denken wir neu. Das Programm der Freien Demokraten zur Bundestagswahl 2017: „Schauen wir nicht länger zu.“ www.fdp.de/denkenwirneu; Zugriff am 26.10.2017

9) DIE LINKE. 2017. Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. Die Zukunft für die wir kämpfen! Langfassung des Wahlprogramms zur Bundestagswahl 2017. www.die-linke.de/wahlen/wahlprogramm/; Zugriff am 26.10.2017

10) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. 2017. Zukunft wird aus Mut gemacht. Bundestagswahlprogramm 2017. www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/BUENDNIS_90_DIE_GRUENEN_Bundestagswahlprogramm_2017_barrierefrei.pdf ; Zugriff am 26.10.2017

Autor

Prof. Dr. habil. Bernhard Borgetto

Studium der Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main; Promotion an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Habilitation an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld; Venia legendi in Gesundheitswissenschaften; Professur für Gesundheitsförderung & Prävention an der HAWK Hildesheim.

bernhard.borgetto@hawk-hhg.de

Teilen & Feedback