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„Ich bin Feuer und Flamme für meine Kollegen“

Über die emotionalen Nachwirkungen der „Tour de Spahn“

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Ein Ruck ist in den ersten Juniwochen durch die therapeutischen Berufe gegangen, ein Aufatmen – endlich ist da einer, der was tut! Er hat ein modernes Ritual gefunden, das eine einende Wirkung auf alle hat: eine Radtour von Frankfurt nach Berlin, fast eine Pilgerreise. Mit Schweiß und ohne Tränen brachte der Kollege Heiko Schneider Protestbriefe bis vor das Bundesgesundheitsministerium. Er ist dabei fast ein Popstar geworden. Über „Therapeuten am Limit“.

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Grafik: Shtonado / shutterstock.com

Wir haben die Aktion „Therapeuten am Limit“ (TAL) auf Facebook begleitet und ausführlich über ihre Entstehung und Ziele berichtet (1). Deshalb wollte ich einige Tage nach der Radtour von Heiko wissen, wie es ihm jetzt eigentlich so geht. Wir telefonierten am 13. Juni, also gut eine Woche nach der Briefübergabe an den Gesundheitsausschuss in Berlin.

Heiko wollte mich kurz nach 13 Uhr anrufen, jetzt ist es schon fast halb zwei. Da ist noch ein Patient dazwischengekommen. Doch, doch, jetzt habe er Zeit, müsse nur noch zum Hausbesuch, später. Gegessen habe er schon, „zwischendurch“. Klingt so, als sei da jemand wieder im ganz normalen Praxisalltag angekommen. In der letzten Woche sind noch einmal gut 300 Briefe angekommen, „die Inhalte sind grandios, vor allem aber traurig, sie zeigen alle in eine Richtung: Die Kollegen wollen aussteigen.“

Heiko, wie geht es dir?

Die Tour hat vor der Tour begonnen und die Tour geht auch noch weiter. Ich fühle mich immer noch „on tour“, das hört auch nicht mehr auf. Ich werde „on tour“ bleiben, solange sich nicht grundsätzlich etwas für uns ändert. Der Zuspruch für unsere Aktion hat mir klar gezeigt, dass das der richtige Weg ist und wir dranbleiben müssen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich: Ich bin selbst erstaunt gewesen, dass ich das körperlich so weggesteckt habe. Ich hatte keinen Muskelkater. Ich hätte auch noch zurückfahren können (lacht).

Welche Eindrücke sind am stärksten hängen geblieben?

Wenn es mal schwierig wurde, hatte ich die Inhalte der Briefe im Kopf, die haben mich immer dazu motiviert, weiterzumachen.

Was mich unterwegs sehr gefreut hat: Die Kollegen waren irgendwann nicht mehr Physios, Ergos oder Logos, sondern Therapeuten; der Gedanke war sehr präsent, dass wir gemeinsam nach vorne gehen müssen. Wir Therapeuten haben lange unsere Emotionen gegen uns selbst gerichtet – die Richtung hat sich jetzt um 180 Grad gedreht! Viele Kollegen haben zu mir gesagt: „Hey, ich fühle mich befreit, ich weiß jetzt, dass ich nicht alleine bin.“ Die Erkenntnis: Man kriegt das unter den Rahmenbedingungen alles nicht mehr hin, es ist nicht unsere Schuld. Dadurch ist neuer Mut entstanden.

Auf der Fahrt durch einen Ort im Harz schaute ich nach rechts rüber, sah eine große Praxis mit Reha-Zentrum, der Chef fuhr just auf seinen Parkplatz, grinste. Er wusste von TAL gar nichts. Wir haben uns vor die Praxis gesetzt und geschwätzt. Er hat mir dann die Praxis gezeigt. Drin hing eine Galerie von 20 Therapeuten, eine „Ahnengalerie“. Jetzt gab es dort nur noch zwei Therapeuten und den Chef. Das hat mir die Dramatik deutlich gemacht: In der Therapie sind viele leise vor sich hin gestorben. Jetzt sind wir im Stadium des massiven Kammerflimmerns. Wenn man uns nicht wiederbelebt, ist es vorbei.

Sind „nur“ die Umstände schuld?

Wir sind „Optimisten“, haben uns lange viel schöngeredet. Wir sind mit viel Leid und Krankheit konfrontiert und merken nicht mehr, wie es uns selbst geht, das ist eine Therapeutenkrankheit.

Hast du die Erlebnisse der Tour eigentlich schon verarbeitet?

Ich bin dabei. Viel Zeit habe ich seitdem nicht. Ich beantworte Briefe … zwischendurch kommt wieder vieles in mir hoch. Die Gespräche mit den Politikern waren durch die Bank weg erfolgreich. Es wird auch erkannt: Wenn man Pflege vermeiden will, in Zeiten von Pflegemangel, muss in Therapeuten investiert werden. Selbst wenn man bei uns 30 bis 60 Prozent draufhaut, kann man durch uns im Endeffekt noch sparen. Das muss in die Köpfe der Leute rein.

Ich hatte lange das Gefühl, dass ich angekettet war. Aus den Ketten wollte ich raus, die habe ich gesprengt. Das Gefühl ist gewichen. Ich arbeite auch an Tour-Tagebüchern …

Gibt es Reaktionen aus dem Bundesgesundheitsministerium?

Wir haben ja einen Satz Briefe im Gesundheitsausschuss abgegeben. Den zweiten Satz für den Gesundheitsminister konnten wir ja nicht abgeben. Ich habe die Briefe jetzt doch postalisch versendet und werde darauf achten, dass die in sechs Wochen beantwortet werden. Darauf hat man einen Rechtsanspruch.

Das Bundesgesundheitsministerium hat mir bis heute auch nicht auf meinen Brandbrief (2) geantwortet. Im Zweifelsfall werde ich mit Anwalt um Akteneinsicht bitten, dann wird man sehen, ob die damit überhaupt was gemacht haben.

Wie sieht die Zukunft von TAL aus?

Wir werden zunächst eine gemeinnützige GmbH gründen. Wir werden Versorgungsforschung selbst betreiben und auch in Auftrag geben. Und uns weiterhin um die Förderung der Heilmittelberufe kümmern und politische Arbeit machen.

Wir haben das Gefühl, wir tun das schon seit 20 Jahren gemeinsam, das ist eine überragende Erfahrung mit dem Fünferteam: dass etwas so funktioniert und so positiv sein kann, ohne dass wir uns totdiskutieren müssen. Wir haben uns gegenseitig sehr gestützt und unglaublich vertraut.

Die Briefe werden von verschiedenen Hochschulen wissenschaftlich aus der Sicht der Therapeuten und auch aus der von Patienten betrachtet werden.

Wie sieht deine persönliche berufliche Zukunft aus?

Letztendlich werde ich auch immer zum Teil Therapeut bleiben, will aber auch weiter berufspolitisch arbeiten. Es gibt noch viel zu tun. Es muss sich für uns alle nachhaltig etwas verändern und viel Zeit bleibt nicht. Die Therapeutenwelt will endlich Ergebnisse sehen, die sie stützt, und dafür wollen wir uns einsetzen.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Danke!

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

Heiko Schneider

Foto: Heiko Schneider

Seit 2005 Physiotherapeut (B. Sc.); seit 2010 niedergelassen in eigener Praxis; Fortbildungen in Manueller Therapie und Manueller Lymphdrainage; Schwerpunkte: Orthopädie, Traumatologie, Lymphologie; Initiator von „Therapeuten am Limit“. Kontakt: Heiko.schneider@therapeuten-am-limit.de

Literatur

1. Stanko J. 2018. „Tour de Spahn – von einem, der auszog, weil ihn sein Therapeutenjob in die Insolvenz führt“. physiotherapeuten.de/tour-de-spahn-von-einem-der-auszog-weil-ihn-sein-therapeutenjob-in-die-insolvenz-fuehrt; Zugriff am 19.6.2018

2. Schneider H. 2018. Brandbrief: Existenz und Gesundheit der freiberuflichen Physiotherapeuten in höchster Gefahr. therapeuten-am-limit.de/wp-content/uploads/2018/04/Brandbrief-Heiko-Schneider.pdf; Zugriff am 19.6.2018

Heft 08-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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