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Neuroathletik

Reine Nervensache

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Neuroathletiktraining – immer häufiger stolpert man in letzter Zeit über diese Trainingsmethode. Aber was steckt dahinter? Lars Lienhard und Ulla Schmid-Fetzer, Autoren des Buchs „Neuroathletiktraining: Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings“, stellen im Interview die Grundzüge dieses neuen Ansatzes vor.

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Neuroathletiktraining basiert auf den neuronalen Grundlagen und dem individuellen Zustand jedes einzelnen Athleten. Was genau ist damit gemeint?

Lars Lienhard: Zum Beispiel wird die willkürliche Bewegung der linken Körperhälfte vom rechten Kortex entworfen und initiiert. Im Zusammenspiel mit dem rechten Stammhirn bewirkt der rechte Kortex zusätzlich die Stabilität der rechten Seite. Die rechte Hirnhälfte übernimmt also zwei Funktionen: Bewegung auf der linken und Stabilisierung auf der rechten Seite – dies geschieht über unterschiedliche Kommunikationswege. Hier liegt meist großes Optimierungspotenzial. Im Neuroathletiktraining adressieren wir nun zusammen mit den Athleten gezielt jene Wege und Areale, die es braucht, um den Informationsfluss und die Informationsverarbeitung individuell zu verbessern. Ein und dasselbe Areal kann und muss oft von Athlet zu Athlet oder innerhalb einer bestimmten Position über unterschiedliche Kommunikationswege angesteuert werden, um den bestmöglichen Effekt zu erzielen. Das Ziel ist dabei immer, die Bewegungsqualität und Leistungsfähigkeit des Athleten zu verbessern.

Auf welchen Forschungsergebnissen – zum Beispiel aus den Neurowissenschaften – basiert der Ansatz?

Ulla Schmid-Fetzer: Neuroathletik bedient sich der Erkenntnisse aus der Evolutionsbiologie, der funktionellen Neurologie, der Sportwissenschaft und vielem mehr. In Zeiten der fortschreitenden Technologisierung und der Möglichkeiten der bildgebenden Verfahren ist es zum Beispiel möglich, mehr und mehr darüber zu erfahren, welches Hirnareal für welche Funktionen innerhalb der Bewegungssteuerung zuständig ist. Diese Forschungsergebnisse können wir nutzen, um über die gezielte Aktivierung der Hirnareale Einfluss auf die bewegungssteuernden Systeme zu nehmen. Zum Beispiel hat sich im fMRT gezeigt, dass ein Vibrationsreiz an den Zähnen sowie auch die Schluckbewegung das supplementär-motorische Areal aktiviert. Von dem wissen wir wiederum, dass es starken Einfluss auf die bilaterale Rumpfstabilisation hat. Diese Informationen können wir zum Beispiel gezielt im Training bei bilateralen Übungen wie Kreuzheben oder beidbeinigen Sprüngen nutzen.

Heißt das, man setzt einen solchen Vibrationsreiz während des Kreuzhebens ein, um das supplementär-motorische Areal zu stimulieren und dadurch die Bewegungsausführung beim Kreuzheben zu verbessern?

Ulla Schmid-Fetzer: Ja, so ungefähr. Eigentlich geht es hierbei auch nicht direkt um die Bewegungsausführung, sondern darum, die Stabilität des Rumpfes zu erhöhen, wodurch jede Bewegung besser ausgeführt wird. In der Praxis erweist es sich auch als deutlich leichter, den Vibrationsreiz vor der Übung durchzuführen, damit der Athlet während der Übungsausführung nicht abgelenkt ist. Hier hat man eine Zeitspanne von etwa 20 Sekunden zwischen Reizsetzung und Bewegungsausführung.

Welche Testverfahren beziehungsweise Assessments setzen Sie ein?

Lars Lienhard: In einer neurozentrierten Herangehensweise brauchen wir ein Feedbacksystem (Assessment und Re-Assessment), das uns sofort Rückmeldung über die neuronale Auswirkung der Trainingsintervention gibt. Die Ganganalyse ist hier unser Mittel der Wahl, um Einblick in die aktuelle, reale Bewegungssteuerung einer automatisierten Bewegung zu bekommen. Hier zählen zum einen qualitative Kriterien wie unter anderem Bewegungsfluss und Bewegungseffizienz; zum anderen nutzen wir die Ganganalyse aber auch, um Informationen über die bewegungssteuernden Systeme selbst zu bekommen. Zum Beispiel können Defizite im Kleinhirn oder vestibulären System sich durch einen instabilen Kopf während des Gangs zeigen („Wackelkopf“), während eine deutliche Pronation der Hand während des Armschwungs bei gleichzeitiger und gleichseitiger Außenrotation des Fußes auf eine funktionelle Störung im Stammhirn schließen lässt.

Ulla Schmid-Fetzer: Zusätzlich gibt es dann noch weitere Tests, wie Kleinhirn-Tests – Indikator ist hier die Koordinationsfähigkeit –, den Test der Größe des peripheren Sichtfelds als Indikator für die allgemeine „Bedrohungs-“ beziehungsweise Stresssituation durch das Training oder den Balance-Test / Romberg-Versuch als Referenzpunkt für die Integration der Systeme.

Wie unterscheidet sich Neuroathletiktraining von „normalem“ Athletiktraining?

Lars Lienhard: Athletiktraining ist nahezu immer outputzentriert: Es wird geschaut, welcher Output (Kraft, Beweglichkeit et cetera) verbessert werden soll, und dieser wird dann „trainiert“. Neuroathletik bietet stattdessen eine neurozentrierte Herangehensweise: Die Verbesserung der eingehenden Signale und deren Verarbeitung / Integration stehen bei uns zunächst im Mittelpunkt, bevor die motorischen Fähigkeiten individuell aufgearbeitet werden. Die Methoden und Herangehensweisen für das athletische Training werden immer individuell ausgewählt und orientieren sich immer an den neuronalen Gesetzen des zentralen Nervensystems. Im Neuroathletiktraining wird kein Soll-Ist-Vergleich im klassischen Sinne erstellt, wo im Anschluss die vermeidlichen Defizite auftrainiert werden. Stattdessen wird gefragt: Welcher Aspekt innerhalb des komplexen Systems der Bewegungssteuerung muss zunächst optimiert werden, damit das Gehirn und das Nervensystem den gewünschten Output erzeugen können? Die biomechanischen Parameter treten hier vermehrt in den Hintergrund.

Inwiefern ist Neuroathletik im Rahmen der Rehabilitation nutzbar?

Lars Lienhard: In der Rehabilitation ist es unserer Meinung nach absolut notwendig, dass die bewegungssteuernden Systeme immer mit in den Rehabilitationsprozess integriert werden! Es sind meist die im Hintergrund einer Verletzung oder eines strukturellen Problems liegenden Steuersysteme, die als ursächlich anzusehen sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass Schmerz, abnormale muskuläre Tonusmuster et cetera auch nur ein Endprodukt, ein Output-Ergebnis sind und die meisten Verletzungen durch eine situativ unzureichende Bewegungssteuerung passieren. Ein symptomorientiertes Rehabilitationsprogramm, wie es zurzeit meist üblich ist, lässt wichtige und grundlegende Aspekte und Komponenten unberührt. Hierdurch können wirklich nachhaltige Effekte im Prozess des Wiederaufbaus nur schwer erzielt werden.

Gibt es Kontraindikationen?

Ulla Schmid-Fetzer: Natürlich, die gibt es immer! So sind zum Beispiel schwerwiegende Erkrankungen wie Tumore, Knochenerkrankungen, akute Gelenkentzündungen, Erkrankungen der Augen, des Vestibularorgans oder des zentralen Nervensystems absolute Kontraindikationen. Bei anderen Bedingungen, wie künstlichen Gelenken oder in der ersten Phase nach Operationen, kann ein erfahrener Neuroathletiktrainer trotzdem mit dem Patienten arbeiten, wenn er die grundsätzliche Vorgehensweise – sofortige Überprüfung der Reaktion des Nervensystems auf die Trainingsintervention beziehungsweise den Stimulus – beachtet. Hier gilt selbstverständlich, dass alles immer in Rücksprache mit dem Arzt erfolgen sollte.

Welche Voraussetzungen muss ein Sportler oder Patient für das Neuroathletiktraining mitbringen?

Ulla Schmid-Fetzer: Interesse und Offenheit, etwas Neues auszuprobieren, und den Willen und die Motivation, auch außerhalb des Trainings die mitgegebenen Hausaufgaben in den Alltag zu integrieren. Das Nervensystem agiert 24 Stunden am Tag, nicht nur in der Therapie- oder Trainingssitzung. Daher ist es wichtig, kontinuierlich und in ausreichendem Maß zu trainieren, um die gewünschten Anpassungen zu erreichen.

Lars Lienhard: Wir empfehlen zu Beginn eine Mindesttrainingszeit von 20 bis 30 Minuten pro Tag, die individuell gestaltet werden kann (zum Beispiel vier- bis sechsmal fünf Minuten). Das heißt, es benötigt:

  • 25 bis 30 Stunden Gesamteinwirkzeit pro zu veränderndem System
  • 20 bis 40 Minuten pro Tag oder circa drei Stunden pro Woche
 
Gesprächspartner

 

 

 

Ulla Schmid-Fetzer

Tanzsporttrainerin und Bewegungsexpertin; seit einigen Jahren Neuroathletiktrainerin im Profisport; weltweit schnellster Abschluss des Z-Health-Ausbildungscurriculums bei Dr. Eric Cobb in den USA.

Kontakt: usf@neuro-athletic.com

Lars Lienhard

Studium der Sportwissenschaften, theoretischen Medizin und Erziehungswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; international anerkannter Experte im Bereich des Athletiktrainings; Pionier des neuronal gesteuerten Athletiktrainings in Deutschland; Ausbildung bei Dr. Eric Cobb (Z-Health) in den USA.

Das Gespräch führte Tanja Boßmann.

Heft 04-2018

Anmerkungen:

Fotos: Maik Kern

Autor

Dr. Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

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