Funktionsanalyse

Strategieentwicklung in der Funktionsanalyse*

S. Kubalek-Schröder

Forschungs- und Schulungszentrum für Brügger-Therapie im Murnauer Konzept
(Schulleitung: Frauke Dehler, Ilse Just, ärztliche Leiter: Dr. Ralf Dehler, Dr. Eberhard Just)

Zusammenfassung

Die effiziente Behandlung funktionsabhängiger Beschwerden am Bewegungssystem hängt in erster Linie davon ab, dass der behandelnde Physiotherapeut in kurzer Zeit Kenntnis von Art und Ort der zugrunde liegenden Störfaktoren erhält und diese adäquat behandelt.
Die Funktionsanalyse stellt in diesem Zusammenhang ein diagnostisches Verfahren dar, welches sowohl der Ermittlung der Beschwerdeursache dient als auch der steten Überprüfung von Wirksamkeit und Dosierung therapeutischer Maßnahmen.

Schlüsselwörter:
Funktionsanalyse, Brüggertherapie, Befundaufnahme, Arbeitshypothese, Probebehandlung


* Vortrag beim Kongress „Brügger-Therapie Murnauer Konzept“ im Mai 2001 in St. Peter-Ording


Befundaufnahme - Arbeitshypothese - Probebehandlung, ein wichtiger Dreiklang

Zahlreiche funktionsabhängige Beschwerden am Bewegungssystem sind Ausdruck zentralnervös organisierter Schonprogramme zum Schutz anderweitiger Störfaktoren. Daher ist in der Diagnostik nach dem Brüggerkonzept ein methodisches Vorgehen unabdingbar. Es gilt, Art und Ort der ursächlichen Störfaktoren, die auch als „Afferenz“ bezeichnet werden, in möglichst kurzer Zeit herauszufinden. Daran anschließend müssen geeignete Maßnahmen in angemessener Dosierung gewählt werden, um diese Störfaktoren adäquat zu behandeln. Sodann muss der Patient zur Behandlung der topographisch häufig von seinen Beschwerden entfernten Störfaktoren motiviert werden. Diese Aspekte fließen in die Strategieentwicklung bei der Funktionsanalyse ein. Die Befundaufnahme dient der Sammlung von Informationen über potentielle Störfaktoren. Im Anschluss daran fasst der Therapeut seine Vermutungen bezüglich Art und Ort der Störfaktoren, die sich aus der Befundaufnahme ergeben haben, in der Arbeitshypothese zusammen. Sie muss im weiteren Verlauf der Funktionsanalyse verifiziert werden. In der Probebehandlung werden die vermuteten Störfaktoren behandelt und die Wirksamkeit dieser diagnostischen Maßnahmen anhand von Kontrollbefunden überprüft. Die Motivation des Patienten für die weitere Behandlung kann durch die Art der Probebehandlung beeinflusst werden. Die drei häufigsten Arten von Afferenzen sind

Die diagnostischen Maßnahmen erfassen also schwerpunktmäßig diese Störfaktoren.

Abb. 1: Ablaufdiagramm der Funktionsanalyse

Diagnostische und therapeutische Maßnahmen sind miteinander verknüpft

Funktionsstörungen, wie beispielsweise schmerzhafte Bewegungseinschränkungen, werden in der Brüggertherapie als Kontrollbefunde verwandt, die vor einer diagnostischen Maßnahme erhoben und in deren Anschluss überprüft werden. Sie reagieren nur dann mit einer Verbesserung, wenn die Maßnahme einen therapeutischen Effekt auf den Störfaktor hatte, also seine Nozizeption verringert werden konnte.

Über diesen Weg erhält der Therapeut mit der Funktionsanalyse einen hervorragenden Indikator, ob seine Behandlung am richtigen Ort mit der geeigneten Maßnahme in angemessener Dosierung stattfindet. Dies gilt nicht nur zu Beginn der Therapie, sondern gleichermaßen im weiteren Verlauf der Behandlung. Da die im Vordergrund stehenden Störfaktoren wechseln können, werden immer wieder diagnostische Elemente der Funktionsanalyse in die Behandlung integriert. Auf diese Weise bestimmt die Funktionsanalyse das gesamte therapeutische Vorgehen (Abb. 1).

Wichtig ist, seit wann der Patient Beschwerden hat

Die Anamnese bezieht sich zunächst auf die akuten Beschwerden des Patienten: Die Beschwerdelokalisation bezeichnet in vielen Fällen lediglich den Ort, der einen wirkungsvollen Schutz für die ursächlichen Störfaktoren bildet, die so genannte „Efferenz“, und ist daher meist nicht der Ort, an dem die Behandlung ansetzt. Auch die Qualität der Beschwerden lässt in der Regel keine Rückschlüsse auf die Störfaktoren zu. Scheinbar neuralgische, muskuläre oder auch arthrogene und andere Beschwerden können Teil reflektorischer Schmerzphänomene sein.

Weitere anamnestische Angaben zeigen, welche Bewegungsmuster im Alltag des Patienten vorherrschen

Während der Anamnese bietet sich außerdem die Gelegenheit, den Patienten bereits unauffällig zu beobachten und sich so einen Eindruck von den vorherrschenden, für den Patienten typischen Bewegungsmustern sowie seiner Körperhaltung zu verschaffen.

Die Inspektion nimmt vor allem die Muskulatur, d. h. den Körperstatus in den Blick

Da der Muskulatur sowohl bei der Entstehung von Afferenzen als auch bei der Realisierung der efferenten Schonprogramme eine herausragende Bedeutung zukommt, konzentriert sich der Inspektionsbefund auf die Rolle der Muskulatur bei Auffälligkeiten des Körperstatus.

Über die Beurteilung der Bewegungsmuster hinaus, gibt es zahlreiche weitere Inspektionsbefunde, die Hinweise auf Störfaktoren enthalten können:

Abb. 2: Bestandteile einer tragfähigen Arbeitshypothese

Eine tragfähige Arbeitshypothese hat mehrere Bestandteile (Abb. 2)

a. Spezifizierung der Art der Störfaktoren

Der Therapeut überprüft, ob die Informationen aus Anamnese und Inspektion für eine Fehlbelastung des Skelettsystems sprechen, Hinweise auf eine muskuläre Kontraktur, ein mechanisches Überlastungsödem oder andere Störfaktoren geben.

b. Spezifizierung des Ortes der Störfaktoren

Da die aus der krummen Körperhaltung resultierende Fehlbelastung des Skelettsystems mit einer einzigen diagnostischen Maßnahme erfasst wird, erübrigt sich bei diesem Verdacht die Frage nach dem Ort. Lediglich bei Verdacht auf muskuläre Kontrakturen und mechanische Überlastungsödeme müssen Überlegungen bezüglich ihrer Lokalisation angestellt werden, um die diagnostische Maßnahme am richtigen Ort platzieren zu können.

1. Haltungsmonotonie mit Annäherung bestimmter Muskeln
=> Verdacht auf eine muskuläre Kontraktur an diesem Ort.

2. Bewegungsmonotonie mit der wiederholt gleichförmigen Beanspruchung
bestimmter Muskeln aber auch deren einmalige ungewohnte Überlastung
=> Verdacht auf ein mechanisches Überlastungsödem an diesem Ort.

3. Trauma mit Zerrung muskulärer oder gelenkiger Strukturen
=> Verdacht auf ein mechanisches Überlastungsödem an diesem Ort.



Abb. 5: Diagnostische Korrektur der aufrechten Körperhaltung
Abb. 3: Prinzip der Funktionsanalyse
Abb. 4: Th 5-Wippen

Der Vermutung bezüglich Art und Ort der Afferenzen muss im weiteren Verlauf der Funktionsanalyse verifiziert werden (Abb. 3)

a. Kontrollbefunde

Kontrollbefunde sollten eindeutig feststellbar und möglichst objektivierbar sein.

Der Therapeut sollte drei bis fünf Kontrollbefunde auswählen, um einerseits aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, sich jedoch andererseits nicht in der Überprüfung unzähliger Kontrollbefunde zu verlieren.

b. Diagnostische Maßnahmen

Hat der Therapeut drei bis fünf deutliche Kontrollbefunde erhoben, so wird er nun am vermutlichen Ort des Störfaktors geeignete diagnostische Maßnahmen durchführen.
Er hat hierbei die Wahl unter verschiedenen Anwendungen, die einen therapeutischen Effekt auf die unterschiedlichen Arten von Afferenzen haben.

Wie brauchbar eine diagnostische Maßnahme ist, zeigt die Überprüfung der Kontrollbefunde

Jeder Kontrollbefund wird gesondert beurteilt. Eine diagnostische Maßnahme wird positiv bewertet, wenn sich der Kontrollbefund verbessert hat, das zentralnervös organisierte Schonprogramm also geringer ausgeprägt ist. Sie wird negativ bewertet, wenn sich der Kontrollbefund verschlechtert hat, das Schonprogramm also verstärkt auftritt. Eine diagnostische Maßnahme erweist sich als indifferent, wenn sich der Kontrollbefund weder verbessert noch verschlechtert hat. Erst die Summe der Veränderungen aller Kontrollbefunde bestimmt den weiteren Verlauf der Funktionsanalyse.

Das Ziel der Funktionsanalyse ist zunächst, mindestens einen Störfaktor aufzufinden, um damit in die Therapie einzusteigen

Das sollte bereits in der ersten Behandlungseinheit erreicht sein, was in der knapp bemessenen Behandlungszeit keine leichte Aufgabe ist. Abhängig von Art und Ort der Störfaktoren werden in der Therapie unterschiedlichste Maßnahmen angewandt. Deren Wirksamkeit und Dosierung werden auch in weiteren Behandlungseinheiten anhand diagnostischer Elemente der Funktionsanalyse überprüft. Das bedeutet, dass der Therapeut stets mit Kontroll- befunden arbeitet und bei deren Stagnation oder Verschlechterung mit Hilfe diagnostischer Maßnahmen auf die Suche nach weiteren Afferenzen geht. Mit der Funktionsanalyse erhält der Therapeut ein methodisch aufgebautes Verfahren, welches durch seine flexible Ausgestaltung eine individuell auf den Patienten abgestimmte Behandlung gewährleistet.

Literatur:
1. Brügger, A.: Die Erkrankungen des Bewegungsapparates und seines Nervensystems, Stuttgart, New York 1980
2. Brügger, A.: Lehrbuch der funktionellen Störungen des Bewegungssystems, Zollikon und Benglen 2000
3. Claussen, C.-F., Dehler, R., Montazem, A., Volle, E. et al.: Das HWS-Schleudertrauma – moderne medizinische Erkenntnisse, Bremen 1999
4. Dehler, F., Dehler, R.: „Kompetitiv-kinästhetische Interaktionstherapie – Ein klinisch rehabilitationswissenschaftliches Projekt“ in Krankengymnastik – Zeitschrift für Physiotherapeuten, München 2000
5. Käser, L.: „Physiologische Grundlagen der Funktionskrankheiten“ und „Zur Pathophysiologie der Funktionskrankheiten“ in Funktionskrankheiten des Bewegungsapparates, Stuttgart, Jena, New York 1991
6. Kubalek-Schröder, S., Dehler, F.: Funktionsabhängige Beschwerdebilder des Bewegungssystems, Berlin, Heidelberg, New York, in Druck
7. Rohen, J. W.: Funktionelle Anatomie des Nervensystems, 5. Aufl., Stuttgart, New York 1994
8. Schmidt, R.F.: Neuro- und Sinnesphysiologie, 3. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York 1998

Weitere Literaturangaben bei der Autorin.

Korrespondenzadresse:
Sabine Kubalek-Schröder
Physiotherapeutin
FSZ für Brügger-Therapie
Wohldweg 7
25826 St. Peter-Ording

  • Ausbildung zur Physiotherapeutin in Aachen

  • Langjährige Tätigkeit als Physiotherapeutin in der Orthopädie sowie der Erwachsenen- und Kinderneurologie in verschiedenen Rehabilitationseinrichtungen und in freier Praxis
  • Weiterbildung in Manueller Therapie, im Bobath-Konzept und zur Brügger-Therapeutin
  • Ausbildung zur Brügger-Instruktorin bei Dr. Brügger im Forschungs- und Schulungszentrum in Zürich
  • seit 1989 Instruktorin im FSZ für Brügger-Therapie in Murnau
  • seit 1997 Instruktorin im FSZ für Brügger-Therapie Murnauer Konzept in St. Peter-Ording, neben Lehrtätigkeit auch an der inhaltlichen Ausbildungsplanung und -organisation beiteiligt


Sabine
Kubalek-Schröder

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Krankengymnastik - Zeitschrift für Physiotherapeuten 12/2001

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