S. Richter, U. Schemmann
GFEB medizinale Schulen, München (Ärztliche Leitung der PT-Schule: Prof. Dr. B. Stübinger)
Zusammenfassung
Ziel unserer Schule ist es, einen transparenten und vergleichbaren Beurteilungsbogen für die praktische physiotherapeutische Ausbildung zu entwickeln. Dadurch können individuelle Ressourcen und Defizite der Lernenden verdeutlicht werden. Eine kurz-, mittel- und langfristige Lernplanung wird somit für den Einzelnen möglich. Das physiotherapeutische Handeln (Handlungskompetenz) kann durch diese Art der Beurteilung innerhalb der praktischen Ausbildung geschult und gefördert werden. Der Beurteilungsbogen ist unter Berücksichtigung von Kompetenzbereichen erstellt und anhand von Schlüsselqualifikationen unterteilt worden.
Schlüsselwörter:
Handlungskompetenz, Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz, Schlüsselqualifikationen
Ein neuer Beurteilungsbogen
Die pädagogische Grundidee unserer Schule ist es, ein hohes Maß an selbstgesteuertem Lernen zu ermöglichen. Selbstgesteuert Lernen bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Lernende ihren Lernprozess zu immer größeren Anteilen selbst gestalten, d. h. planen, durchführen und evaluieren. Lehrende haben hier die Aufgabe, die Lernprozesse individuell zu fördern, besonders mittels Reflexion. Die Reflexion bezieht sich auf das fachliche Können, das Sozialverhalten und die persönlichen Fähigkeiten der Schülerin (Zur Vereinfachung wird abwechselnd die weibliche und männliche Form verwendet). Die Bereiche Sozialverhalten und persönliche Fähigkeiten wurden aus unserer Sicht innerhalb der Beurteilung bisher zu wenig berücksichtigt. Der neue Beurteilungsbogen umfasst alle drei Bereiche. Neben der Möglichkeit zur Reflexion durch Lernende selbst und durch Lehrende, bietet er soweit gewünscht eine Form der Bewertung an.
Die Konzeption des neuen Beurteilungsbogen
Die Konzeption des neuen Beurteilungsbogens bezieht sich auf das Modell der Handlungskompetenz nach Roth [1971].
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Das gesamte Spektrum des professionellen Handelns (dies schließt den Aspekt der Bewusstheit, der Plan- und Begründbarkeit und der Verantwortung ein) wird als berufliche Handlungskompetenz verstanden [Schewior-Popp 1998, S. 8ff].
In der Ausbildung geht es darum, physiotherapeutische Handlungskompetenz möglichst effektiv zu schulen. Roth unterteilt die Handlungskompetenz in Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz (Abb. 1).
Was dies für die praktische physiotherapeutische Ausbildung bedeutet, wird im Folgenden dargestellt (Die Anregung zur Verwendung des Kompetenzmodells verdanken wir Regula Bircher und ihrem Lehrteam von der Physiotherapieschule des Universitätsspitals in Zürich).
Fachkompetenz:
Mit Fachkompetenz bezeichnet man die berufspraktische Qualifizierung im Sinne des „physiotherapeutischen Handwerks“. Die Fachkompetenz bezieht sich auf Behandlungssituationen in unterschiedlichen Kontexten im Sinne von Urteils- und Handlungsfähigkeit unter Einsatz von fundiertem Fachwissen.
Sozialkompetenz:
Unter Sozialkompetenz versteht man die Fähigkeit zur verbalen und nonverbalen Verständigung in allen sozialen Situationen und die Fähigkeit der Einfühlung in die Sprache und deren Anwendung [Keller/Novak 1988, 198]. Des Weiteren geht es um soziales Handeln und Denken unter Berücksichtigung ethischer Grundsätze und Normen. Wie schon eingangs erwähnt, ist es wichtig, Sozialkompetenz innerhalb der Beurteilung stärker zu berücksichtigen. Defizite in der Sozialkompetenz lassen sich auch durch gutes Fachwissen nicht kompensieren. Beispielhaft sei hier auf den Umgang mit Schmerzkranken verwiesen.
Selbstkompetenz:
Die Selbstkompetenz wird oft mit Persönlichkeitskompetenz gleichgesetzt. Dies bedeutet, ein realistisches Selbstbild zu haben, den eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln und zur sozialen Verantwortung bereit zu sein [Saldern 1999, 40].
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Die Kompetenzbereiche sind mit einander verwoben
Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz stehen in einem ständigen Wechselverhältnis. Zum Beispiel kann die Sozialkompetenz ohne Kenntnis von Fachkompetenz innerhalb einer Behandlungssituation nur bedingt genutzt werden (eine gute Kommunikationsfähigkeit innerhalb einer Behandlungssituation kann ohne detaillierte Behandlungsplanung und technisches Können nicht zum Behandlungserfolg führen). Das gleiche gilt für die beiden anderen Kompetenzen. Innerhalb einer physiotherapeutischen Behandlung lassen sich die drei Kompetenzen teilweise nicht klar von einander abgrenzen. Beispielsweise kann Entscheidungsunfähigkeit von Seiten der Schülerin aufgrund wenig ausgeprägter Selbstständigkeit im professionellen Handeln (Selbstkompetenz) entstehen, jedoch könnte auch fehlendes Fachwissen (Fachkompetenz) hierfür die Ursache sein. Es sind also immer alle drei Kompetenzbereiche handlungsrelevant, jedoch je nach Situation unterschiedlich ausgeprägt. Die genannten Aspekte müssen bei der Rückmeldung anhand des Beurteilungsbogens reflektiert werden.
Während der Konzeption des Beurteilungsbogens wurde deutlich, dass der Aspekt der Methodenkompetenz ebenfalls zu berücksichtigen ist.
Methodenkompetenz:
„Methodenkompetenz bedeutet zu wissen, welcher Weg einzuschlagen ist, diesen Weg gehen können und bereit sein, diesen Weg zu gehen. Es ist erforderlich für Gestaltung, Steuerung, Untersuchung und Absicherung von Vorgängen, Prozessen, und Abläufen“ [Von Saldern 1999, S. 39]. Der Aspekt des „Lernen Lernens“ wird dabei besonders betont.
In dem vorliegenden Probeentwurf ist auf die selektive Aufschlüsselung im Sinne einer weiteren Kompetenz verzichtet worden. Teilaspekte der Methodenkompetenz wurden in die anderen Bereiche vorwiegend in den Bereich der Fachkompetenz integriert (Abb. 2).
Aufbau des Beurteilungsbogens
Der neue Beurteilungsbogen für die praktische physiotherapeutische Ausbildung wird anhand des vorgestellten Handlungskompetenzmodells in die drei Bereiche Fach-, Sozial-, und Selbstkompetenz unterteilt. Mit einem Expertenteam haben wir die drei Kompetenzbereiche in Teilkompetenzen untergliedert. Die Fachkompetenz ist in sechs Teilkompetenzen untergliedert. Diese Teilkompetenzen sind anhand des Clinical Reasoning Prozesses (Unter dem Clinical Reasoning Prozess versteht man das bewusste, zielorientierte Denken, das im klinischen Kontext während Untersuchung und Behandlung von Patienten eingesetzt wird [vgl. Marhauer, 2004].) differenziert worden.
1. Fachkompetenz
1.1 Wissenstand
1.2 Methodisches Vorgehen bei der Untersuchung
1.3 Behandlungsplanung
1.4 Behandlungsdurchführung
- Technisches Können
- Struktur/methodischer Aufbau1.5 Behandlungsauswertung
1.6 Informationsweitergabe
Die Teilkompetenzen der Sozial- und Selbstkompetenz sind an Schlüsselqualifikationen4 angelehnt [Köhler 1997, 1999, 2001, Schewior-Popp 1998]. Die Sozialkompetenz ist in zwei, die Selbstkompetenz in fünf Teilkompetenzen (im Beurteilungsbogen persönlichkeitsbezogene Faktoren genannt) unterteilt:
2. Sozialkompetenz
2.1 Interaktion zwischen Schüler und Patient
- Interaktion
- Kommunikationsfähigkeit
- Umgang mit Feedback2.2 Interaktion innerhalb des Teams
- Kommunikationsfähigkeit
- Umgang mit Feedback
- Kooperationsfähigkeit
3. Selbstkompetenz
3.1 Selbstreflexion/Fremdreflexion
3.2 Ressourcenmanagement
3.3 Selbstständigkeit im professionellen Handeln
3.4 Verantwortungsbewusstsein für die Ausbildung
3.5 Vielseitigkeit
Innerhalb der Sozial- und Selbstkompetenz gestaltete sich die Zuordnung der Teilkompetenzen in einzelnen Punkten als schwieriger (z. B. Selbstständigkeit im professionellen Handeln als Sozial- und/oder als Selbstkompetenz). Die Zuordnung hat somit einen vorläufigen Charakter und ein Probedurchlauf innerhalb der praktischen Ausbildung wird zeigen, ob sich die Einteilung bewährt.
Im Bereich der Sozialkompetenz wurde die Kommunikation als (non)- verbales Mittel verstanden. Mit Hilfe der Kommunikation wird Beziehung hergestellt, aufrechterhalten und beendet. Damit ist die Beziehung zu dem Patienten sowie zum gesamten Arbeitsumfeld gemeint. Kommunikation ist Mittel und Medium der Interaktion. Die Interaktion bezieht sich vor allem auf ihren sozialen Aspekt innerhalb einer Behandlungssituation mit Patienten [Keller & Novak 1988, 169]. Die Interaktion umfasst damit deutlich mehr als die Kommunikation.
Ausgewählte Aspekte der jeweiligen Teilkompetenzen sind in Klammern ausgeführt. Anhand dieser Aspekte kann die Teilkompetenz beurteilt und/oder beschrieben werden. Diese Beurteilung und Beschreibung erfolgt hinsichtlich der Stärken und Schwächen des Schülers. Zum Beispiel kann bei dem Punkt Interaktion zwischen Schüler und Patient beschrieben werden, in welcher Form der Schüler die Bedürfnisse der Patientin berücksichtigt hat. Werden zum Beispiel fachliche Schwächen durch ein hohes Maß an Selbstkompetenz kompensiert, kann das ebenso anhand des Beurteilungsbogens transparent dargestellt werden.
Wie der neue Beurteilungsbogen mit der Einteilung in die drei Kompetenzbereiche und der Unterteilung in die Teilkompetenzen aussieht, zeigt die folgende Abbildung 3.
Die Handhabung des Bogens
Auf dem Beurteilungsbogen werden Fach- und Sozialkompetenz bewertet, die Selbstkompetenz wird lediglich beschrieben. Hinter jeder Teilkompetenz ist Platz für Bemerkungen. Dies gibt die Möglichkeit Bewertungen zu begründen und zu differenzieren. Somit können Schwächen wie auch Stärken der Lernenden anhand von beispielhaften Behandlungssituationen dokumentiert werden. Diese Art der Dokumentation schafft Transparenz bei der Reflexion mit den Schülern.
Generell ist voraus zu schicken, dass über eine Benotung der praktischen Ausbildung diskutiert werden muss. Es gibt unterschiedliche Modelle der Bewertung. In dem vorgestellten Beurteilungsbogen ist die Bewertung anhand des offiziellen Notenschlüssels 1-6 berücksichtigt worden. Bei der Bewertung der Fachkompetenz werden die Punkte „Behandlungsplanung“ (1.3) und „Behandlungsdurchführung“ (1.4) hervor gehoben. In diesen Punkten kristallisiert sich die Handlungskernkompetenz des Physiotherapeuten heraus. Deshalb werden diese beiden Punkte innerhalb der fachlichen Kompetenz doppelt gewertet und müssen mindestens mit ausreichend bestanden werden. Für die Gesamtnote des praktischen Ausbildungsabschnitts zählt die Fachkompetenz im Verhältnis zur Sozialkompetenz 2 : 1.
Die Selbstkompetenz wird lediglich beschrieben
Durch die Beschreibung der Selbstkompetenz haben die Schüler die Möglichkeit, sich mit einem den Kontext übergreifenden Feedback auseinanderzusetzen. Interdisziplinäre Teilkompetenzen und persönlichkeitsbezogene Faktoren können damit reflektiert und individuell gefördert werden. Dieses Feedback ist der subjektiv wahrgenommene Eindruck des Lehrenden von einem Schüler für den praktischen Ausbildungsabschnitt.
Nach jedem praktischen Ausbildungsabschnitt wird jeweils ein Beurteilungsbogen von den Lehrenden und/oder Praxisanleiterinnen ausgefüllt. Des Weiteren ist daran gedacht, dass die Schüler ebenso einen Beurteilungsbogen ausfüllen. Anhand dieses Beurteilungsbogens wird die praktische Ausbildung mit dem Schüler reflektiert und gemeinsam ein Ziel für den nächsten praktischen Ausbildungsabschnitt vereinbart.
Ausblick / Zukunftsvisionen
Der hier vorgestellte Bogen befindet sich zurzeit in einem Probedurchlauf. Gemeinsam mit den Praktikumsstellen, Schülern und Lehrkräften wird untersucht, ob sich die Einteilung der Handlungskompetenz in die drei Kompetenzaspekte und die Unterteilung in die jeweiligen Teilkompetenzen bewähren. Anhand der Rückmeldungen soll der Beurteilungsbogen für die praktische Ausbildung weiter entwickelt werden. Mit Hilfe des Beurteilungsbogens hoffen wir, neben dem praktischen Ausbildungsstand auch den bisherigen Lernweg beurteilen und beschreiben zu können. Die Leistung wird somit nicht zum Endprodukt, sondern zu einem Prozess, der begleitet und individuell gefördert wird.
Literatur:
1. Becker G. E.: Durchführung von Unterricht. Handlungsorientierte Didaktik. Band I, II, III. Weinheim, Basel 1990.
2. Feiks, D.; Kraus, E.: Schulleistung Neubestimmung eines Begriffs. In: Lehren und Lernen, Jg. 1992, H.11, S. 1 24.
3. Keller, J.A.; Novak, F.: Kleines Pädagogisches Wörterbuch. Freiburg, Basel, Wien 1988.
4. Kostrzewa, D. (Hrsg): Das physiotherapeutische Arbeitsbündnis Ein handlungsorientierter Professionalisierungsansatz für die Physiotherapie. Z. f. Physiotherapeuten 54 (2000) 1:1-12.
5. Köhler, B. (Hrsg): Berufsqualifikationen Physiotherapie. Z. f. Physiotherapeuten 53 (2001) 9: 17-21.
6. Köhler, B.: Zur Bedeutung von Schlüsselqualifikationen für die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Z. f. Physiotherapeuten 49 (1997) 3: 436-440.
7. Köhler, B.: Die Umsetzung von Schlüsselqualifikationen in der Ausbildung zum Physiotherapeuten. Z. f. Physiotherapeuten 51 (1999) 1: 1-9.
8. Kraus, E. (Hrsg): Leistung fördern, fordern, messen und beurteilen. Z. SchulVerwaltung BW Nr. 1/99.
9. Marhauer, S.: Anforderungen des Clinical Reasoning Prozesses an die Fähigkeiten von Physiotherapeuten Z. f. Physiotherapeuten 56 (2004) 8: 1438 1451.
10. Roth, H.: Pädagogische Anthropologie. Band I. Bildsamkeit und Bestimmung. Hannover 1971.
11. Roth, H.: Pädagogische Anthropologie. Band II. Entwicklung und Erziehung. Hannover 1971.
12. Schewior- Popp, S.: Handlungsorientiertes Lehren und Lernen in Pflege- und Rehabilitationsberufen, Stuttgart 1998.
13. Von Saldern, M.: Schulleistung in Diskussion. Hohengehren 1999.
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Ulrike Schemmann (E-Mail: schemman.koch@t-online.de)
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Sybille Richter |
Krankengymnastik - Zeitschrift für Physiotherapeuten 09/2005
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