PRAXIS_ERFAHRUNG

Hygienegeschichte +++ Hygiene im Alltag +++ Infektionen +++ Hygiene in der Praxis

Hygiene in der physiotherapeutischen Praxis

Grundlagen und hygienische Maßnahmen

Petra Erdmann

Im folgenden Beitrag wird das Thema Hygiene, was für viele unter Ihnen selbstverständlich sein mag, aufgegriffen. Die Grundlagen der häufigsten Infektionsarten und -wege werden Ihnen hier vorgestellt. Auf welche Maßnahmen Sie in der physiotherapeutischen Praxis besonders zu achten haben und wie unnötige Infektionen vermieden werden können, wird aufgrund der aktuellen Grippe-Situation kurz erläutert.

Hygiene (siehe Glossar) steht für die Verhütung von Infektionskrankheiten und der diesbezüglichen Erhaltung und Festigung der Gesundheit und wird in der Alltagssprache auch synonym für das Wort Sauberkeit verwendet.

Geschichte

Die Hygiene im Römischen Reich war verhältnismäßig weit entwickelt. Schon der römische Arzt Marcus Terentus Varro wusste, dass Krankheiten durch Mikroorganismen hervorgerufen werden. Es war bekannt, dass Quarantäne die Verbreitung von Infektionskrankheiten verhindern konnte. Leider wurde dieses Wissen nicht genutzt.
Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Sauberkeit und Desinfektion in der Medizin nicht als notwendig angesehen. So wurden die Operationsschürzen der Chirurgen praktisch nie gewaschen und waren deshalb schwarz, damit die eingetrockneten Blutflecken nicht auffielen. Auch medizinische Instrumente und Schwämme zum Auswaschen von Wunden wurden ohne Reinigung bei mehreren Patienten verwendet.


Ignaz Semmelweis gelang in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erstmals der Beweis, dass Desinfektion die Übertragung von Krankheiten eindämmen kann. Er fand heraus, dass Infektionswege unterbrochen werden können, wenn sich die Behandler ihre Hände mit Chlorkalk reinigten.

Sir Joseph Lister, ein schottischer Chirurg, verwendete erfolgreich Karbol zur Wunddesinfektion vor der Operation. Er fand heraus, dass Infektionswege hauptsächlich über Hände und Gegenstände entstanden, die in Kontakt mit den Wunden kamen.

Erreger werden nach Herkunft unterschieden

Endogene oder exogene Infektion
Eine endogene Infektion ist eine Infektion bei einem geschwächten Immunsystem durch körpereigene, normalerweise völlig harmlose Flora in Form eines Erregereinbruches, beispielsweise auf der Haut oder aus dem Magen, dem Darm und der Lunge in den eigenen Körper.
Die exogene Infektion hingegen ist eine Infektion durch Infektionserreger aus der Umgebung. Die bekanntesten Erregerstämme sind Viren, Bakterien, Pilze und Protozoen (tierische Einzeller).

Infektionswege

Erreger verbreiten sich über bestimmte Infektionswege, die unterschiedliche Charakteristika aufweisen. Der beste Schutz vor einer Infektion ist, bestimmte Infektionswege zu meiden. Das ist besonders für medizinisches Fachpersonal wichtig, die mit vielen verschiedenen Menschen Umgang haben.
Eine nosokomiale Infektion ist eine Infektion, die im Krankenhaus, in einer Arztpraxis oder einer anderen medizinischen Einrichtung mit einem vergleichbaren Keimspektrum erworben wurde. Solche Erreger sind beispielsweise Pseudomonaden, die häufig eine hohe Resistenz gegenüber gebräuchlichen Antibiotika zeigen. Die Erreger werden
zumeist unbeabsichtigt bei der Durchführung medizinischer Eingriffe durch einen Arzt oder medizinisches Fachpersonal durch Katheter oder Intubation auf den Patienten übertragen.

Verletzt sich jemand des medizinischen Personals nach einer intravenösen Injektion bei einem HIV-Patienten hinterher selbst mit der kontaminierten Braunüle und infiziert sich mit dem HIV-Virus, so bezeichnet man diese Infektionsart allein als iatrogene Infektion.
Eine Erregerbesiedlung von Kunststoffoberflächen bei Kathetern, künstlichen Herzklappen oder künstlichen Gelenken nennt man eine polymer-assoziierte Infektion.
Weitere direkte Ansteckungswege stellen eine Tröpfcheninfektion, eine Kontakt- oder Schmierinfektion dar, eine Ansteckung kann aber auch über den Austausch von Körperflüssigkeiten oder blutsaugende Insekten passieren. Die indirekte Infektion erfolgt mittels eines Überträgers, der selbst nicht erkrankt ist, den Erreger aber an den Menschen überträgt und verbreitet.

Infektionsarten
Ein weiteres Differenzierungsmerkmal liegt in der Art der Infektion. Hier unterscheidet man zwischen einer Primär- und einer Sekundärinfektion. Bei der Primärinfektion liegt zum ersten Mal eine Infektion vor, das heißt, es kam zum ersten Kontakt eines Organismus mit einem Krankheitserreger.
Die Sekundärinfektion bezeichnet eine Erregerübertragung, die nach der Erstinfektion zusätzlich und mit anderen Erregern erfolgt. Eine solche zusätzliche Infektion kann das Immunsystem vor erhebliche Probleme stellen und die Therapie und Medikation erschweren. Der Verlauf einer solchen Erkrankung ist zumeist heftiger und zeigt vielfältige Symptome.
Der Virologe spricht von einer Superinfektion im engeren Sinn, wenn nach einer bereits bestehenden Primärinfektion eine erneute Infektion mit demselben Erreger auftritt. Möglicherweise ist ein viraler Infekt die Grundlage und auf diesen setzt sich nun ein bakterieller Infekt oben drauf. Eine solche erneute Infektion kann das Immunsystem vor erhebliche Probleme stellen, die die Therapie und Medikation besonders erschweren und die Krankheit heftiger verlaufen lassen.
Bei einer Doppelinfektion liegt eine gleichzeitige Infektion mit zwei verschiedenen Erregern vor.

Hygienemaßnahmen im Alltag
  • Hygienemaßnahmen im Alltag
  • Händewaschen mit Seife
  • Mundpflege mit Zahnbürste, Zahnseide, Zwischenraumbürsten, Mundwasser
  • Körperpflege mit Waschen des Körpers und Reinigung des Intimbereiches und des Afters nach dem Stuhlgang
  • Spülen von Geschirr und Essbesteck mit Spülmittel
  • Waschen von Kleidung mit Wasser und Waschpulver
  • Reinigung der Gebrauchsflächen einer Wohnung
  • Schlafhygiene
  • Psychohygiene
  • Empfohlene Impfungen durchführen
Die häufigsten Infektionswege in der Praxis

Die Infektionswege, die in der physiotherapeutischen Praxis vorkommen, liegen in der Tröpfchen-, Kontakt- und Schmierinfektion. Im Einzelnen können das sein:

  • Begrüßendes Händeschütteln
  • Niesen und Husten
  • Pusten und tiefes Ein- und Ausatmen bei atemtherapeutischen Maßnahmen
  • Türknaufe, Handläufe (Treppe, Gehbarren), Geräte in der medizinischen Trainingstherapie
  • Handtücher
  • Mit Speichel benetztes Spielmaterial für Babys
  • Matten

Maßnahmen im Praxisalltag

Persönliche Hygiene
Waschen Sie sich nach jedem Patienten die Hände. Flüssigseife auf die schon feuchten Hände geben und gründlich reinigen. Mit lauwarmem Wasser abspülen und am besten mit einem Papiertuch oder Handtuch trocken reiben. Am höchsten geschützt sind Sie, wenn Sie anschließend Ihre Hände mit einer antibakteriellen / antiviralen Lösung einreiben.
Feste Seife sollte gemieden werden, da sich dort Erreger ansammeln können. Handtücher mit einem Desinfektionsmittel und mindestens auf 60° waschen.
Husten und niesen Sie in die eigene Ellenbeuge. Wenn Sie sich erkältet haben, verwenden Sie auch zur Sicherheit Ihrer Patienten einen Mundschutz.

Gerätehygiene
Die Matten, Bälle und Behandlungsliegen ohne Auflagen wischen Sie direkt nach der Benutzung mit einer Desinfektionslösung ab. Benutztes Babyspielmaterial lassen Sie in einer Kaltwasserlösung liegen und spülen anschließend mit klarem Wasser ab; lassen Sie es ausreichend trocknen. Spielsachen aus Stoff sollten gewaschen werden dürfen, ansonsten sollten sie aus dem Praxisbereich entsorgt werden.
Lassen Sie die Böden, WC-Bereich, Handknaufe, Kontaktstellen medizinischer Trainingsgeräte, an denen ein hoher Patientendurchlauf herrscht, regelmäßig reinigen. Das heißt, das Raumpflegepersonal muss entsprechend angewiesen werden.

Schlusswort

Gerade in den heutigen Diskussionen um leicht übertragbare Krankheiten sollten die hygienischen Maßnahmen in der physiotherapeutischen Praxis, die ja immer mit einer großen Anzahl an Menschen besucht wird, einen besonders großen Stellenwert haben.



(PDF-Version)



Sie haben noch kein _Abonnement?
Profitieren Sie von dem umfangreichen Angebot für _Abonnenten!

Bestellinformationen


Zum Inhaltsverzeichnis 01/2010

 © Pflaum Verlag www.physiotherapeuten.de