WISSENSCHAFT_SYSTEMATISCHER REVIEW

Verbesserung der Gehfähigkeit nach Schlaganfall

Effektivität des Laufbandeinsatzes

Heike Driemeyer

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Zusammenfassung

Einleitung_Eine eingeschränkte Gehfähigkeit ist das Schicksal vieler Menschen nach Schlaganfall. In der Physiotherapie wird das Laufband zur Verbesserung und zum Wiedererlangen des Gehens seit vielen Jahren diskutiert. Die Physiotherapie in Deutschland befindet sich in einem Professionalisierungsprozess, der sie verpflichtet Methoden wissenschaftlich zu überprüfen. Wie effektiv stellt sich der Laufbandeinsatz in der Therapie dar? Zu welchen Ergebnissen kommen aktuelle Studien der letzten Jahre?

Methode_Die systematische Literaturübersicht erfolgte in den Datenbanken PubMed und PEDro. Die Validität der Studien wurde mit der PEDro-Skala bewertet. Die zehn eingeschlossenen randomisierten Therapiestudien (RCTs) erschienen im Zeitraum von 2001 bis 2007.

Ergebnis_Die Validität der Studien variiert von 4 bis 8 Punkten. Eine eindeutige Empfehlung gegen oder für das Laufband in der Physiotherapie zur Schlaganfallbehandlung kann durch diese Arbeit nicht ausgesprochen werden.

Schlussfolgerung_Das Laufband scheint tendenziell effektiv zur Steigerung der Gehgeschwindigkeit, der einzige Parameter, den alle Studien eruierten. Es besteht kein internationaler Konsens im Gebrauch der Assessments zur Messung der Gehfähigkeit.

Schlüsselwörter_Schlaganfall, Laufband, Wirksamkeit, Gehfähigkeit


Einleitung

In Deutschland ist der Schlaganfall eine häufige Erkrankung und der Hauptgrund für die Pflegebedürftigkeit im Erwachsenenalter. Kolminsky-Rabas und Heuschmann (1) schätzen eine altersstandardisierte Inzidenzrate von 182 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr. 85 Prozent der Schlaganfälle treten jenseits des 60. Lebensjahrs auf.
Denkt man an die demografische Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten, so ist mit einem Anstieg der Zahlen zu rechnen. Das »Kompetenznetz Schlaganfall Charité« (2) eruierte in ihrem Projekt »Berliner-Akuter-Schlaganfall-Studie − BASS« (siehe Glossar) bei 60 Prozent der Schlaganfallpatienten bleibende neurologische Ausfälle (3).

Für die Partizipation elementar
Die Rückgewinnung motorisch komplexer Bewegungen stellt ein Hauptziel physiotherapeutischer Bemühungen in der Schlaganfallbehandlung dar. Diese vorliegende Übersichtsarbeit konzentriert sich auf das Wiedererlernen des Gehens.
Gehen ist ein rudimentäres Element unseres Alltages, zum Beispiel auf Toilette, Einkaufen oder ins Theater gehen. Gehen ist Fortbewegung und somit Teilhabe am sozialen Leben. Für viele Schlaganfallpatienten ist das freie Gehen keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern mögliches bleibendes Defizit ihrer Erkrankung, das sie abhängig macht von Hilfe und Pflege oder sie an ihre Wohnung bindet. Es liegt zweifelsfrei in der Natur der Sache, dem betroffenen Menschen so schnell und effektiv wie möglich ein Wiedererlernen zu ermöglichen.

Aufgabenorientierte Therapie
In den letzten Jahren hat sich in der modernen Neurowissenschaft das Konzept der aufgabenorientierten Therapie, »task-oriented therapy« (siehe Glossar), entwickelt und mit einer vorläufigen Evidenz bestätigt (4). Aufgaben orientiert bedeutet: »Wenn du gehen lernen willst, so gehe!« Hierzu stellt das Laufband eine Möglichkeit der physiotherapeutischen Behandlung dar, vor allem um Lokomotion durch rhythmisch sich wiederholende Beinbewegungen zu stimulieren.
Hinter der Lokomotion steht die wissenschaftliche These von der Existenz neuronaler Zentren im Rückenmark, Hirnstamm und Kleinhirn, die sogenannten zentralen Bewegungsmustergeneratoren, »central pattern generators«, die das Gehen automatisieren. Bei näherer Betrachtung stellt sich das Fortbewegen jedoch als viel komplexer dar, da der Mensch in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umwelt agiert, Aufgaben erfüllt, Ziele angeht, sein Gehen bremst oder beschleunigt - eben kontrolliert (5).
In diesem Kontext wurde schon Anfang der 90er Jahre das Laufband in der Physiotherapie vielfach diskutiert (6). Es kann von Schlaganfallpatienten mit leichter oder starker Geh-Einschränkung benutzt werden. Das Körpergewicht wird, wenn nötig, durch einen an der Decke befestigten Fallschirmgurt nach Bedarf entlastet.

Ziel dieser Arbeit
Diese Literaturübersicht möchte anhand randomisierter Studien folgende Frage klären: Ist der Laufbandeinsatz in der Physiotherapie effektiv, um die Gehfähigkeit von Menschen nach Schlaganfall zu verbessern? Welche neueren Untersuchungen und Erkenntnisse hierzu gibt es?

Review-Methodik

Die Literaturrecherche erfolgte von Mitte Februar bis Anfang März 2008. Die Suche wurde in den medizinischen Datenbanken PubMed sowie PEDro mit den freien Suchbegriffen »treadmill« und »stroke« erstellt. Einschränkungen erfolgten durch die Verknüpfung mit »AND«, die Beschränkung auf englisch-, deutsch- und niederländischsprachige randomisierte Studien (RCTs), auf das Alter der Probanden ab 19 Jahren sowie auf das Erscheinen der Studien innerhalb der letzten 10 Jahre.
Im nächsten Schritt wurden die in PubMed gefundenen 46 RCTs auf ihren Inhalt hinsichtlich Studienart und Relevanz für die Fragestellung überprüft. 13 Studien konnten nach den bestimmten Auswahlkriterien (siehe unten) in die Literaturübersicht einbezogen werden.
Die Suche in PEDro ergab 40 Treffer, worunter sich 5 Reviews zum Thema befanden, die in der Ergebnisdarstellung dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. 13 Studien erfüllten die Auswahlkriterien. Studien unter einer PEDro-Beurteilung von 4 Punkten (7) wurden ausgeschlossen. Bis auf eine randomisierte Studie von Yen et al. (8) waren die aus PubMed eingeschlossenen RCTs auch in der Datenbank PEDro aufgeführt. Drei Studien waren postalisch über den Dokumentenlieferdienst nicht erhältlich.

Auswahlkriterien
Der Zeitraum der Veröffentlichung wurde nochmals auf die zurückliegenden sieben Jahre beschränkt, um eine höhere Aktualität zu erreichen. Es wurden nur randomisierte kontrollierte Studien berücksichtigt. Die Probanden sollten die Diagnose ischämischer oder hämorrhagischer Schlaganfall (siehe Glossar) aufweisen, der eine Einschränkung der Gehfähigkeit durch eine einseitige Hemiplegie zur Folge hatte. Im Mittelpunkt der Intervention hatte das Laufband mit oder ohne Körper ...

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