Kleinkind +++ Krabbeln +++ Lernen +++ Bobath-Konzept +++ Feldenkrais
Hanna M. Schilling
Schauen Sie einer erfahrenen Kindertherapeutin über die Schulter. Hanna M. Schilling lässt sich in ihrer Therapie durch das Bobath-Konzept und die Feldenkrais-Methode leiten und legt besonderen Wert auf die Zusammenarbeit im Dialog und das Lernen durch Erfahrung. Nach genauer Beobachtung führen auch vermeintlich kleine Maßnahmen zum Erfolg.
Um im Krabbelstand die Arme belasten zu können, müssen sich die Handflächen öffnen. Dazu war Till1, ein 13 Monate altes Kleinkind, in meiner Praxis aus verschiedenen Gründen nicht bereit davon handelt die nachfolgende Geschichte.
Vorgeschichte
Till kommt mit seiner Mutter in den Behandlungsraum. Er sitzt aufrecht auf ihrem Unterarm und schaut mich ein wenig ängstlich an. In seiner rechten Hand hält er fest umschlossen ein Klötzchen. »Hast Du das Klötzchen von zu Hause mitgebracht?«, frage ich ihn. »Ja«, antwortet die Mutter, »das gehört Paul.« Paul ist sein großer Bruder. Ich kenne Paul, auch er hat einige Behandlungsstunden bei mir verbracht. Paul ist inzwischen 3 Jahre alt.
»Was führt Sie zu mir?«, frage ich. »Till robbt nur bäuchlings am Boden, aber er will sich schon in den Stand hochziehen. Aber es ist doch besser, wenn er vorher noch krabbeln lernt«, antwortet die Mutter.
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Erste Therapiestunde
Wir gehen alle hinunter auf die Matte. Dort liegt Spielzeug, das Till interessieren könnte: Kugeln, eine Papprolle, eine Blechdose. Der Junge bewegt sich robbend auf die silberne Klangkugel zu. Er stößt sich mit seinem rechten Füßchen, seinem großen Zeh vom Boden ab und zieht sich über den linken angewinkelten Ellenbogen nach vorne, das Klötzchen immer fest von seiner Faust umschlossen.
Ich lasse die Klangkugel in die Pappröhre rollen, Till schaut interessiert hinterher, wohin die Kugel verschwunden ist. Dann rollt die Kugel wieder hinaus und berührt dabei seine »Klötzchenfaust«. Er schaut hin, öffnet aber nicht die Hand. »Wollen wir tauschen?«, frage ich ihn. Ich bringe die Klangkugel zum Klingen, Till horcht und schaut aufmerksam doch sein Fäustchen rührt sich nicht.
Daraufhin lasse ich die Klangkugel in die Blechdose fallen. Till streckt sich im Rücken, hebt sich im Oberkörper an und schaut in die vor ihm stehende Dose hinein. Ihm ist klar, dass die Kugel in der Dose verschwunden ist. Er hat genau beobachtet, wie ich meine Hand weit geöffnet hatte, damit die Kugel aus der Hand in die Dose fallen konnte. Ich wiederhole diesen Vorgang einige Male.
Till registriert alles genau, der Aufprall der Kugel in der Dose amüsiert ihn. Dann halte ich die Dose an seine Klötzchenfaust und fordere ihn auf, auch sein Klötzchen in die Dose fallen zu lassen. Nichts geschieht. Ich versuche die Fingerspitzen vom Klötzchen zu lösen, Till zieht seinen Arm von der Dose weg.
»Beim Krabbeln muss man sich auf die geöffnete Hand stützen können, dazu muss Till sich entschließen, das Klötzchen loszulassen«, erläutere ich der Mutter. Sie erzählt mir von den Brüdern, die sich zu Hause gegenseitig belauern, die sich nichts wegnehmen lassen oder abgeben wollen.
Dann gelingt es mir, das Klötzchen aus seiner Faust herauszuwinden die Hand ist frei. Blitzschnell greift Till in die Dose und holt die recht schwere Klangkugel hinaus. Ich halte sein Ärmchen und seine Hand mit der Kugel über der Dose. Zufällig fällt sie durch ihr Eigengewicht in die Dose hinein, dabei öffnet sich Tills Faust. Till ist überrumpelt und überrascht.
Die erste Stunde geht zu Ende. Die Mutter verlässt mit Till auf dem Arm den Raum. Ich folge ihr ins Wartezimmer und wir unterhalten uns noch etwas. Da sehe ich plötzlich, dass er immer noch »meine« Kugel in der Hand hält fest umschlossen von seiner rechten Faust!
Zweite Therapiestunde
Beim nächsten Mal spielen wir wieder das Spiel: »Kugel-in-Dose-fallen-lassen«. Ich mache es vor, schließe und öffne meine Hand, laut fällt die Kugel in die Dose hinein. Till beobachtet erneut alles genau. Währenddessen hält er seine Kugel in seinem Fäustchen.
Ich biete Till die Dose zum Mitspielen an, klopfe an seine Kugel. Till schaut hin, hebt sein Ärmchen an und positioniert sein Fäustchen über dem Dosenrand. Aber die Faust bleibt zu. Er schaut mich verzweifelt an. Behutsam spiele ich an seinem Zeigefinger, löse ihn ganz zart von der Kugel. Ich spüre keinen Widerstand. Plötzlich öffnet sich sein Fäustchen, die Kugel fällt in die Dose, Till schaut hinterher, alle jubeln. Er strahlt und wiederholt dieses Spiel mit wachsendem Vergnügen (Abb. 1).
Er hat seinen inneren Widerstand überwunden und wirkt ganz erleichtert.
Nun verschließe ich die Dose mit einem Deckel, der ein rundes Loch in seiner Mitte hat. Meine Absicht ist es, die Kugel in der Dose verschwinden zu lassen. Das Loch ist im Durchmesser etwas geringer als der Kugeldurchmesser. Man muss also etwas Druck aufbringen, um die Kugel durch das Loch zu drücken (Abb. 2). Auf diese Weise kann Till eine wichtige Erfahrung machen: Wenn er mit der flachen Hand die Kugel durch das Loch drückt, plumpst sie in die Dose. Lernen durch Widerstand!
Till legt inzwischen schon sein Kugelfäustchen auf das Loch, das Spiel hat er also verstanden. Er schaut mich fragend an, als ob er fragen wollte: »Wie geht loslassen und reindrücken?« »Patsch, patsch«, sage ich und klopfe mit der flachen Hand auf den Boden, auf den Ball im Dosendeckel. Alle Erwachsenen im Raum außer Till, der alles staunend verfolgt machen es nach. Am Ende der Stunde sehen wir, wie Till plötzlich auch mit der flachen Hand auf den Boden klopft. Seine Beobachtungen haben offensichtlich in ihm weitergearbeitet.
Weiterer Therapieverlauf
In den anschließenden Treffen üben wir spielerisch das Handöffnen und -schließen, etwas bekommen und wieder abgeben, auf das Signal »patsch, patsch« mit der flachen Hand den Ball in das Dosenloch zu drücken. Er lernt, dass er sich auf seine geöffneten Hände abstützen muss, um von einem erkletterten Podest (zusammengeklappte Feldenkrais-Liege) vorwärts herunter auf den Boden zurückzukommen.
Nach sieben Behandlungsstunden kann Till sich auf alle Vier erheben, sich auf den Stütz seiner Hände verlassen und Spielzeug nehmen und auch wieder abgeben.
Er krabbelt stolz durch den Raum, wendet sich in den Langsitz herum, kann aus- und einpacken und seine Erfolge beklatschen seine kleine Persönlichkeit hat sich sehr verändert.
Till hatte erlebt, dass sein eifersüchtiger großer Bruder ihm Spielzeug entwenden wollte. Er konnte es also nicht riskieren, sein Fäustchen zu öffnen. Für den nächsten Entwicklungsschritt brauchte er aber die geöffneten Händchen, auf die er sich im Vierfüßlerstand abstützen kann. Dazu musste er »Loslassen« lernen.
Das therapeutische Angebot stützte sich auf verschiedene Maßnahmen: Eine gezielte Auswahl des Spielmaterials bot ihm neue Erfahrungen an. Die schwere Metallkugel beispielsweise konnte er nicht lange festhalten, sie fiel aus seinem Fäustchen in die Dose hinein. Beim zufälligen Loslassen bekam Till einen Begriff für die Dimension oben und unten. Dies entspricht der grobmotorischen Bewegungsrichtung, wenn das Kind sich von unten nach oben in den Krabbelstand erhebt.
Im nächsten Schritt lernte Till den Tischtennisball bewusst in die Dose fallen zu lassen. Ich löste behutsam ein Fingerchen vom Ball und spürte währenddessen, ob er das akzeptieren konnte. Die Aktion wurde unterstützt, indem ich ihm die Bewegung des Öffnens und Schließens der Hand überdeutlich vormachte Lernen durch Nachmachen. Lernen durch Imitation ist aber nur dann hilfreich, wenn das Kind vorher etwas von dem gespürt hat, was es danach beobachtet.
Zuletzt gab ich Till Spielzeug, das ihm die Erfahrung vermitteln sollte: ich stütze mich auf die flache Hand. Dazu musste Till den Ball exakt auf das Loch im Deckel legen und ihn mit der flachen Hand in die Dose hineindrücken. Die im Verhältnis zum Ball verkleinerte Öffnung erforderte einigen Kraftaufwand. Lernen durch Widerstand.
ANMERKUNG
1 Name des Kindes geändert
ABBILDUNGEN
Alle Fotos dieses Beitrags von Anke Tillmann
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