PRAXIS_FALLBERICHT

Yoga +++ Wirbelsäule +++ Lebensachse +++ Energie +++ Asana

Therapeutischer Yoga

Fallbeispiel Wirbelsäule

Judith Brünn

Auf einen Blick

Die Wirbelsäule wird im Yoga als die Lebensachse betrachtet. Therapeutische Übungen sollen einen optimalen Energiefluss ermöglichen und zielen immer wieder auf die Wirbelsäulenaufrichtung ab. Lesen Sie einen konkreten Fall über Spannungszustände im Lendenwirbelsäulenbereich und lernen Sie in Text und Bild geeignete Übungsformen kennen.

Abb. 1_Balasana – Die Haltung des Kindes: Entspannungshaltung in Rumpf-Vorbeuge, bei der vor allem die Rückenstrecker und Gesäßmuskeln gedehnt werden; durch Einschränkung der Zwerchfellbewegung in den Bauchraum entsteht im Bereich der LWS eine verstärkte Muskelbewegung mit entspannendem Effekt; diese Haltung fördert außerdem die Hinwendung nach innen und baut Stress ab

Symbolisch stehen Muskeln und Gelenke für Bewegung ganz allgemein und hier im Besonderen für die Frage: Wie gehe ich mit Bewegung um? Stimmt das Verhältnis zwischen An- und Entspannung, Starre und Beweglichkeit? Die deutsche Sprache bietet eine gute Auswahl an höchst treffenden Redewendungen:

Hinter diesen Redewendungen stehen ganz spezifische psychische Grundeinstellungen, die sich auf der körperlichen Ebene äußern. Dazu gehören beispielsweise:

Die Grundlage für diese Denkmuster ist oft ein mangelndes Selbstwertgefühl. Die Betroffenen fühlen sich in vielen Fällen fremdbestimmt und unfähig, an ihrer Situation etwas positiv zu verändern. Hier können wir den Betroffenen »abholen« und ihm Handwerkszeug in Form des therapeutischen Yoga anbieten.

Selbstverständlich können wir beim Vorliegen von psychischen Erkrankungen diese in der Praxis nicht allein behandeln und in einem solchen Fall wäre es sinnvoll, auf die Möglichkeit einer Psychotherapie zu verweisen und den Betroffenen Mut zu machen, sich auf diesen Weg zu begeben.

Die Bedeutung der Wirbelsäule im Yoga

Die Wirbelsäule ist im Hatha-Yoga (siehe Glossar) von ganz zentraler Bedeutung – sowohl was die körperliche Übungspraxis angeht als auch in energetischer und spiritueller Hinsicht − sie wird als die »Lebensachse« des Menschen betrachtet, aus der heraus gelebt und agiert wird.

Zu beiden Seiten parallel der Wirbelsäule sowie auch im Wirbelkanal verlaufen wichtige Energiebahnen - die sogenannten »Nadis« (siehe Glossar). Damit in jedem Nadi die Energie optimal zirkulieren kann, müssen diese Kanäle möglichst frei sein, das heißt die Wirbelsäule sollte aufgerichtet sein und keine »Knicke« oder Engstellen aufweisen. Alle Yoga-Übungen (Asana) - ob sie im Stehen, Sitzen, Liegen oder als Umkehrhaltung praktiziert werden - zielen immer wieder auf diese Wirbelsäulenaufrichtung ab, um den Energiefluss ungehindert zu gewährleisten. Dahinter steht die Auffassung, dass mit eingeschränktem Energiefluss auch die Selbsterkenntnis und die spirituelle Entwicklung hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben könnten.

Fallbeispiel

Der Patient ist männlich, im Alter von 39 Jahren, in einem guten Allgemeinzustand und von Beruf Arzt. Er sagt, er bewege sich gern und habe auch schon vor längerer Zeit Yoga praktiziert.

Er kommt wegen Schmerzen und Spannungszuständen im LWS-Bereich zu mir in Behandlung und gibt an, zwei Jahre zuvor wegen einer Bandscheibenprotrusion L5 ärztlich versorgt worden zu sein: konservative Maßnahmen wie Schlingentisch, Fango, KG und parallel dazu Schmerzmittel. Die Beschwerden klangen damals ab, jedoch blieb die »Schwachstelle« L5 bestehen und meldet sich vor allem bei beruflichem Stress durch Schmerzen mit Spannungsgefühl.

Nun ist diese Situation wieder eingetreten und die Schmerzen so stark, dass an eine Übungsbehandlung noch nicht zu denken ist und ich ihm vorschlage mit konservativer Behandlung in Form von Massage und Fango zu beginnen für eine Dauer von ungefähr 1,5 Wochen. Ab der 2. Woche würde ich isometrische Spannungsübungen einschließlich Beckenbodenaktivität und leichte Dehnungen aus dem Yoga folgen lassen, bis wieder eine gewisse muskuläre Stabilität im Bereich der LWS erreicht sei und der Hypertonus der Muskulatur in der LWS nachgelassen habe.

Der Patient kommt 2-3 Mal pro Woche für 30 Minuten zur Behandlung, in einem Zeitraum von insgesamt 6 Wochen. Er ist nach der Behandlung schmerzfrei, kann sich wieder normal bewegen und belasten. Die Yoga-Übungen bereiten ihm so viel Spaß, dass er diese sogar daheim praktiziert. Sie vermitteln ihm ein gutes Körpergefühl, das ihm hilft, seine persönlichen Grenzen besser einzuhalten.

Ein Jahr später kommt dieser Patient wieder zu mir in Behandlung – dieses Mal zur Prophylaxe: 1-2 Mal pro Woche à 30 Minuten über eine Distanz von insgesamt 6 Wochen. Alle abgebildeten Yoga-Haltungen sind aus diesem Programm des Patienten.

Hatha-Yoga

Der Hatha-Yoga ist sowohl ein körperorientierter als auch ein philosophisch, meditativer Weg mit dem Ziel, von Leiden zu befreien. Sowohl im Yoga als auch im Ayurveda wird Krankheit als ein »Herausfallen« aus der inneren Harmonie, dem inneren Gleichgewicht betrachtet.

Das heißt, ein kranker Mensch ist vorübergehend nicht oder nur ungenügend in der Lage, seinem inneren Weg zu folgen – er leidet. In diesem Fall zeigt sich das Leiden in einem Fehlen des Gleichgewichtes einerseits auf körperlicher Ebene in einer Schädigung der Bandscheiben und der umliegenden Strukturen, andererseits auf seelischer Ebene, in dem Gefühl von Unzufriedenheit, hervorgerufen durch den Leistungsabfall.

Yoga hat immer das Bestreben, ein Gleichgewicht herzustellen, damit der Mensch seinem Lebensweg wieder folgen kann.

Chakra (sanskrit cakra)
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Zuordnung einzelner Organe und Organsysteme in der Chakra-Lehre - dem energetischen Bestandteil des Yoga -, in dem alles Feste im Körper - also Knochen, die gesamte Wirbelsäule, Beine und Füße, Beckenboden, Zähne, Hand- und Fußnägel sowie die Nebenniere als Hormondrüse - dem »Wurzel-Chakra« als energetische Basis des Körpers zugeordnet werden.

Chakra wird sinngemäß mit Kreis, Rad oder Wirbel übersetzt. Sie definieren sich als Zentren feinstofflicher (Lebens-)Energie im Energieleib des menschlichen Körpers.

Traditionell gibt es sieben Chakras: Wurzel-, Sexual-, Sonnengeflecht-, Herz-, Kehl-, Stirn- und Scheitel-Chakra. Sie alle werden entsprechenden Körperräumen zugeordnet und versorgen diese mit Lebensenergie. Chakras sind Orte, an denen sich seelische und körperliche Kräfte begegnen und sich durchdringen.

Schaut man sich diese Zuordnung an, ist die Verbindung zum zuvor beschriebenen Krankheitsgeschehen offensichtlich, denn man kann relativ oft ein Kraftdefizit im Bereich des Beckenbodens, der tiefen Bauchmuskulatur, der Rückenmuskulatur und der Beinmuskulatur feststellen. Oftmals sind einzelne Muskelgruppen gleichzeitig hyperton.

Das ist das körperliche Abbild einer (Stress-)Situation, bei der die Belastung - körperlich und psychisch - größer ist als die körperlichen Möglichkeiten. Je nach dem, welches Symptom bei einem Patienten im Vordergrund steht, gleicht Yoga das Defizit aus und baut danach auf.

In unserem Beispiel: Der Patient ist trotz seines Bandscheibenvorfalles in seinen Bewegungen immer noch viel zu schnell und zu unruhig – er hat also ein Ruhedefizit! Folglich kommen erst einmal Yoga-Übungen zur Anwendung, die den Patienten ruhiger und damit ausgeglichener werden lassen (Abb. 1).

Ist dieses Stadium erreicht, folgen weitere Übungen, die den Körper in seiner Kraft und Beweglichkeit wieder aufbauen.

Ich habe bei diesem Krankheitsbild hauptsächlich Stand-Haltungen eingesetzt, weil diese die körperliche Basis (Becken, Beine und Füße) ansprechen, aufbauen und entscheidende Wirkung auf die Wirbelsäule ausüben. Als »Hilfsmittel« habe ich der Einfachheit halber eine Wand gewählt – es sind jedoch auch andere Gegenstände, wie ein Stuhl, eine Fensterbank, ein Hocker oder ein Klotz, einzusetzen. Ich richte mich immer nach dem, was zur Verfügung steht und nach den körperlichen Möglichkeiten des Patienten (Abb. 2-4).

Abb. 2
Adho mukha svanasana – der Hund mit dem Gesicht nach unten:
armgestützte Umkehrhaltung an einer Wand (Hilfsmittel), um das Streckdefizit in den Kniegelenken auszugleichen; die Wirbelsäule ist axial gestreckt und Rückenstrecker, Zwischenrippenmuskeln, Latissimus, Gesäßmuskeln und ischiokrurale Muskulatur werden gedehnt; die Muskulatur der Arme und Schultern gerät in Stützaktivität und wird gekräftigt; der Atem vertieft sich und das vegetative Nervensystem tendiert in Richtung Entspannung; obwohl es muskulär gesehen eine recht herausfordernde Haltung darstellt, kann sie durch den individuellen Einsatz verschiedener Hilfsmittel, beispielsweise einen Stuhl, eine Wand oder Holzklötze, von jeder Person ausgeführt werden
Abb. 3
Utthita parsvkonasana – gestreckte seitliche Winkelhaltung:
die Wirbelsäule befindet sich hier, trotz Seitneige des Rumpfes, in einer neutralen Position mit dem Ziel der Dehnung und Kräftigung der Rumpfmuskeln;
dieses Asana ist ein gutes Beispiel für die Möglichkeit der Bewegungserweiterung bei gleichzeitiger Stabilisation;
die Verbesserung von Koordination und Gleichgewicht runden diese Position ab;
insgesamt ist es eine Haltung, bei der auf viele Komponenten gleichzeitig geachtet werden muss und die auf der mentalen Ebene »Stress« erzeugt;
die Lernaufgabe des Übenden ist es, diesen »Stress« durch Achtsamkeit und Konzentration zu bewältigen; das geschieht im Yoga unter anderem durch ruhiges, tiefes Atmen in der Haltung
Abb. 4
Vibrabhadrasana-Haltung des Kriegers, Variation III:
bei dieser Haltung steht die Kräftigung der Wirbelsäulen-, Bauch- und Beinmuskulatur im Vordergrund; wobei auch hier eine hohe Anforderung bezüglich Gleichgewicht und Koordination besteht; diese Haltung trainiert Körper und Geist gleichermaßen;
das Training des Geistes besteht im bewussten Einsatz des Willens, in dieser Position einige Zeit zu verweilen, d.h. ausdauernd zu üben und gleichzeitig auch die eigene Kraft wahrzunehmen; die Qualität des Willens ist durch Achtsamkeit und Gelassenheit geprägt und auch hierbei hilft der ruhige und gleichmäßige Atem;
die Haltung des Helden / Kriegers symbolisiert auch den Weg der persönlichen Heilung, in dessen Verlauf immer wieder Eigenmotivation und Durchhaltevermögen abgefragt werden

Abbildungen: Alle Fotos dieses Beitrags von Judith Brünn


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