LEHRE_DIDAKTIK & METHODIK

Lernen am Modell +++ Operante Konditionierung +++ Selbstkontrolliertes Üben +++ Behaviorismus

Motorisches Lernen

Lerntheoretische Ansätze im praktischen Physiotherapieunterricht

Nadja Liebau

Auf einen Blick

Ein Großteil der Physiotherapieausbildung besteht aus praktischem Unterricht. Schüler lernen dort Behandlungstechniken und praktische Behandlungsverfahren sowie therapeutische Übungen. Da hier motorisches Lernen stattfindet, sollten Lehrkräfte auch dementsprechende lernfördernde Bedingungen berücksichtigen. Die Autorin stellt Ihnen vor, welche Faktoren eine Rolle spielen, die auch später im Alltag mit den Patienten wichtig sind.


Einleitung

Wer in der Lehre tätig ist, beschäftigt sich mit lerntheoretischen Ansätzen, um in seiner Arbeit erfolgreich zu sein.

Verschiedene Lerntheorien

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Behaviorismus mit den bekannten Vertretern Watson und Pawlow. Der Mensch wurde als »Blackbox« angesehen. Sein zu beobachtendes Verhalten auf bestimmte Reize wurde untersucht und beschrieben. Aus dem Behaviorismus sind die klassische Konditionierung und die operante Konditionierung bekannt.

In den 70er Jahren entwickelte Albert Bandura seine sozial-kognitive Lerntheorie, auch bekannt als »Lernen am Modell« oder »Beobachtungslernen«. Bereits 1963 führte Bandura an Kindergartenkindern einen Versuch durch, in welchem er die Nachahmung aggressiven Verhaltens durch Beobachtung untersuchte (1).

Später fand in der Psychologie eine Wende vom Behaviorismus zum Kognitivismus statt.

Die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und Reizen wurde im Zusammenhang mit Prozessen im zentralen Nervensystem erklärt. Aus der Sportwissenschaft und motorischen Lernforschung gibt es aktuell Veröffentlichungen von Untersuchungsergebnissen zu lernbeeinflussenden Faktoren.

Praktische Ausbildung in der Physiotherapie

Wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Physiotherapieausbildung aus praktischem Unterricht besteht, sollten Lehrkräfte Erkenntnisse aus dem Bereich des motorischen Lernens im Unterricht berücksichtigen. Hier wiederum findet man theoretische Ansätze, die auf das »Modelllernen« von Bandura zurückgehen.

Motorisches Lernen definiert sich als »eine relativ überdauernde, auf Übung oder Erfahrung beruhende Änderung in der Fähigkeit, eine motorische Leistung zu produzieren« (2). Das Lernergebnis ist als motorische Leistung zu beobachten.

Als Lehrkraft an einer Physiotherapieschule begegnet man in verschiedenen Lehr-Lernsituationen dem motorischen Lernen, so zum Beispiel, wenn Schüler eine Behandlungstechnik mit spezifischen Griffen lernen sollen wie Manuelle Therapie oder andere Behandlungstechniken aus verschiedenen Konzepten. Die Schüler werden zunächst selbst zum Patienten, wenn sie im FBL-Unterricht eine komplexe therapeutische Übung wie den »klassischen Frosch« lernen sollen.

Viel schwieriger ist es, den soeben selbst erlernten Bewegungsablauf den Patienten im Klinikalltag zu instruieren. Damit die ersten Erfahrungen am Patienten keine Frustration hinterlassen, sollten Schüler lernfördernde Tipps aus der Motorikforschung in ihrem therapeutischen Handwerkskoffer haben.

Lernfördernde Faktoren

Verschiedene Autoren benennen mehrere Faktoren, die das Lernen fördern (2, 3, 4):

Nicht alle sind auf die Lehr-Lernsituationen im Physiotherapieunterricht übertragbar. Einige Faktoren können allerdings ohne großen Aufwand im praktischen Unterricht berücksichtigt werden.

Beobachtungslernen – Lernen am Modell

Auch wenn Bandura seine Lerntheorie auf Erlernen von Verhaltensweisen beschrieb, lassen sich seine Prinzipien auf das Erlernen von Bewegungsabläufen übertragen.

Im Unterricht lernen Schüler in vielen Situationen durch Beobachten. Die Lehrkraft demonstriert eine Grifftechnik, eine Übung oder zeigt eine Handhabung mit einem Gerät.

Der Lernprozess verläuft in zwei Phasen. Der Aneignungsphase und der Ausführungsphase. Die Aneignungsphase wird unterteilt in den Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozess. Die sich anschließende Ausführungsphase gliedert sich auf in den motorischen Reproduktionsprozess und in Verstärkungs- und Motivationsprozess (1, 5). An dieser Stelle sollte bereits deutlich werden, dass das Lernen von Bewegungsabläufen viel Zeit benötigt.

Damit effektiv gelernt werden kann, sollte das Modell über folgende Eigenschaften verfügen:

Anwendung in der praktischen Lehr-Lernsituation

Die Lehrkraft (hier als Modell) demonstriert eine Grifftechnik an einem Schüler (Beobachter). Um die Aufmerksamkeit der Schüler zu erlangen, sollten die Lernenden zuvor über die praktische Relevanz informiert werden. Wenn die Technik demonstriert wird, ist es für die Schüler am günstigsten, wenn sie diese Handlung aus der Perspektive der Lehrkraft beobachten. Die Schüler sollten dabei auf praxisrelevante Details hingewiesen werden, um ihre selektive Aufmerksamkeit zu wecken.

Bereits in dieser Aneignungsphase können die Lernenden durch simultanes Reproduzieren des Bewegungsablaufes ohne Übungspartner aktiv werden. Bei einer widerlagernden Mobilisation als Behandlungstechnik der FBL beispielsweise sollten die Schüler bereits ohne Probanden den Handlungsablauf in der Luft nachahmen. Gehen sie dann zum Üben in Partnerarbeit über, wird dieser Griff am Partner direkt umgesetzt. Der Schüler benötigt in dieser Situation ebenso das Feedback seines Übungspartners wie das Feedback der Lehrkraft.

Für das Reproduzieren der motorischen Handlung muss den Schülern viel Zeit gegeben werden, was im Unterrichtsalltag leider oft ein Problem darstellt. Um den Erfolg der therapeutischen Intervention evaluieren zu können, sollten vor der Ausführung einer Technik am Patienten Vor- und Nachtests durchgeführt werden. Zeigt sich eine Verbesserung, steigert das sicherlich die Lernmotivation der Schüler.

Noch lehrreicher sind reale Situationen am Patienten, die während eines Praktikums stattfinden. Beobachtet ein Schüler eine Lehrkraft in einer therapeutischen Handlung an einem Patienten, kann der Lerneffekt sehr groß sein. Wenn die Lehrkraft in ihrer Rolle als Therapeut erfolgreich und überzeugend ist, motiviert das den Schüler, die Hinweise der Lehrkraft in der Praxis umzusetzen (6).

Ist der Schüler später in der Anwendung der gelernten Behandlungstechniken am Patienten erfolgreich, steigert das nochmals die Motivation. Er befindet sich damit in der letzten Phase des Lernprozesses, der Verstärkungs- und Motivationsphase.

Selbstkontrolliertes Üben

Studien wiesen nach, dass selbstkontrolliertes Üben in Bezug auf Feedback, Übungsdemonstration und Gleichgewichtshilfen einen positiven Effekt auf das Lernen von motorischen Fertigkeiten ausübt (3). Der Einsatz von Gleichgewichtshilfen spielt im Unterrichtskontext lediglich im Umgang mit Patienten eine Rolle.

Wenn Lernende einen Einfluss darauf haben, wann und wie oft sie eine Bewegungsdemonstration sehen können, ist der Lerneffekt größer, als wenn sie fremdbestimmt lernen. Das Gleiche gilt für den Zeitpunkt und die Häufigkeit von Feedback.

Selbstbestimmtes, häufiges Anschauen einer Bewegungsdemonstration lässt sich im Unterricht durch das Herstellen von Filmdokumenten verwirklichen.

Die Schüler sollten die Möglichkeit bekommen, komplexe Bewegungsabläufe filmen zu dürfen. Glücklicherweise sind Schüler heute bestens mit neuen Medien versorgt und auch vertraut, so dass hier kein logistisches Problem entstehen dürfte. Die Nutzung des Filmmaterials zu unterrichtlichen Zwecken sollte schriftlich vereinbart werden.

Selbstbestimmung gilt auch für Feedback. Eine Lehrkraft neigt häufig dazu, Schüler sofort bei der Ausführung eines Bewegungsablaufes zu korrigieren. Bestimmt der Lernende selbst den Zeitpunkt des Feedbacks, ist der Lernerfolg größer und nachhaltiger. Studien zeigten, dass sparsames und verzögertes Feedback zu besseren Ergebnissen führt (3). Bezogen auf eine Lehr-Lernsituation im Unterricht bedeutet dies, dass den Schülern die Zeit und Möglichkeit zur Selbsteinschätzung gegeben werden muss und damit auch eine Chance zur Selbstkorrektur.

Zusammenfassung und Fazit

Im praktischen Unterricht in der Physiotherapieschule sollten Erkenntnisse aus dem motorischen Lernen genauso eine Rolle spielen wie in der Patientenbehandlung. Genau wie Patienten müssen Schüler neue Bewegungsabläufe und praktische Handlungen lernen. Um ihnen diesen Lernprozess zu erleichtern, sollten Lehrkräfte lernfördernde Faktoren berücksichtigen. –


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Abbildungen

Alle Illustrationen dieses Beitrags von Nadja Liebau

Literatur Quellen (1) bis (6) unter: www.physiotherapeuten.de Webcode: 3
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