Posturale Ontogenese +++ Motorische Steuerung +++ Posturale Dysfunktion +++ Funktionelle Nozizeption
Grundlagen und Einsatz in der Neuroorthopädie
Christof Otte
Auf einen Blick
Instabile Therapieflächen finden seit geraumer Zeit Anwendung in der neuroorthopädischen Rehabilitation. In diesem Übersichtsartikel stellt Ihnen der Autor die theoretischen Grundlagen für die Arbeit mit instabilen Therapieflächen dar.
Wir Menschen sind zeit unseres Lebens gezwungen, uns im Schwerekraftfeld zu stabilisieren. Unmittelbar nach dem wir das Licht der Welt erblicken, verfolgen wir das Ziel der Vertikalisierung. Vertikalisierung ist eine hoch anspruchsvolle Stabilisierung im Schwerekraftfeld, mit stetiger Verkleinerung der Unterstützungsfläche.
In der posturalen Ontogenese, darunter ist die Entwicklung der Stabilisierung des vertikalisierten Bewegungsverhaltens zu verstehen, erfolgt die zunehmende Stabilisierung des Bewegungsverhaltens durch die (heterochrone) Myelinisierung der zentralen Steuerungsebenen (1, 2).
Die posturale Ontogenese zeigt sich klinisch ungefähr ab der vierten Lebenswoche (3). Durch synergistische Aktivitäten der intersegmentalen Muskulatur (Mm. intervertebrales und M. transversus abdominis) werden die Positionen eines jeden Wirbels zu seinem Nachbarwirbel eingestellt. Dann erscheinen erstmals mithilfe der optischen Afferenz die antizipatorischen posturalen Reaktionen und es erfolgt die Einstellung der Fixpunkte (Rumpf und Extremitäten in der Bauchlage) und Mobilpunkte (beispielsweise das Heben des Kopfes zu einem akustischen und optischen Reiz) (Abb. 1) (3).
Als Ausdruck der ersten »feed-forward-Steuerung« werden die sterno-symphysale Rumpfregion und der Schultergürtelbereich vor der Kopfhebung gegen die Schwerkraft eingestellt. Erst dann kann der Kopf durch die langen polysegmentalen Muskeln zielgerichtet angehoben werden (primär durch den M. spinalis capitis und M. splenius capitis). Während der Kopfhebung regelt die posturale »Software« die synergistische Arbeit der retro- und prävertebralen Muskeln der Wirbelsäule, damit die Kopfhebung nicht »überschießt« (zum Beispiel: M. sternocleidomastoideus mit M. levator scapulae).
Die Qualität der Vertikalisierung des Menschen ist immer von den ständig ...
Abb. 1: Kind in der vierten bis sechsten Lebenswoche: Grob zielorientierte Einstellung des Kopfes als Punctum mobile auf einen optischen oder akustischen Reiz als klinisches Zeichen der beginnenden posturalen Rumpfstabilisation
Foto: Richard Pflaum Verlag (3)
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