WISSENSCHAFT_SYSTEMATISCHER REVIEW

Stretching auf dem Prüfstand

Effektivität von Muskeldehnungen am Beispiel der ischiokruralen Muskulatur

Annette Weiß

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Zusammenfassung

Einleitung: Muskeldehnungen kommen sowohl im Sport als auch in der Physiotherapie häufig zur Anwendung. Es gibt verschiedene Methoden und ihre Effekte werden kontrovers diskutiert. Im Rahmen dieses Reviews wurde die Effektivität von Dehnungen am Beispiel der ischiokruralen Muskulatur untersucht.

Methode: Die Literaturrecherche erfolgte in den Datenbanken Medline, Cochrane und PEDro. Eingeschlossen wurden Studien, die als Outcome-Parameter die Verbesserung der Range of Motion (ROM) des Knies oder der Hüfte untersucht hatten. Arbeiten, die Patienten mit Verletzungen der ischiokruralen Muskulatur beziehungsweise anderen Pathologien untersucht hatten, wurden ausgeschlossen.

Ergebnisse: Ein Review und neun RCTs kamen für den Review in Frage. Die Studien erforschten zum einen die Beweglichkeitsverbesserung durch Dehnung, aber auch die Einflussnahme von anderen Parametern wie Dehndauer und -position wurden berücksichtigt. Die Range of Motion konnte durch alle Interventionen verbessert werden. Die anderen Parameter wurden sehr unterschiedlich bewertet.

Schlussfolgerung: Eine einzelne effektive Durchführung für die Dehnung der ischiokruralen Muskulatur ließ sich aufgrund der kontroversen Ergebnisse in der Literatur nicht finden.

Schlüsselwörter: Dehnung, Beweglichkeit, Bewegungsamplitude, Dehndauer, Dehnposition


Einleitung

Methoden zur Dehnung

Die Muskeldehnung ist eine im Sport und in der Physiotherapie häufig angewandte Intervention. Im Breitensport wird sie im Rahmen des Aufwärmens benutzt, in der Physiotherapie unter anderem, um das Bewegungsausmaß zu verbessern. Hinsichtlich der Ausführung werden in der Literatur mehrere Methoden beschrieben. Zum einen kann sich der Patient oder Sportler selbst dehnen, hier spricht man von einer aktiven Dehnung. Zum anderen kann eine Dehnung von Therapeuten oder mit Hilfsmitteln passiv durchgeführt werden. Wydra (1) schlug hierfür die Begriffe Fremd- und Eigendehnung vor.

Außerdem muss man zwischen statischer, ballistischer, postisometrischer Dehnung und einer Dehnung durch reziproke Hemmung unterscheiden. Bei einer statischen Dehnung wird der Muskel in eine maximale Dehnposition gebracht und in dieser Stellung gehalten. Eine weitere Form der statischen Dehnung ist die postisometrische Dehnung. Hierbei wird der Muskel isometrisch aktiviert, bevor er in seine maximale Verlängerung gebracht wird. Als Gegenstück hierzu wird bei einer Dehnung durch reziproke Hemmung zuvor der Antagonist aktiviert, um dann den Agonisten in die Dehnposition zu bringen. Diese Form der Dehnung wird auch als propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation unter Berücksichtigung der reziproken Hemmung bezeichnet (PNF-R) (2). Als letzte Möglichkeit kann ein Muskel ballistisch (dynamisch) gedehnt werden, hierbei wird die Dehnung unter rhythmischen, dynamischen Bewegungen durchgeführt.

In der Literatur wird der Muskeldehnung eine Vielzahl von Effekten zugeschrieben. Eine Verbesserung der Be weglichkeit, die Verletzungsvorbeugung und eine Leistungssteigerung sind nur einige davon (3, 4).

Kontroverse Diskussion

Wissenschaftlich werden diese Effekte sehr kontrovers diskutiert. Hayes et al. (5) konnten zum Beispiel keinen Effekt der Dehnung auf die Laufleistung beweisen. Herbert & Gabriel (6) fanden in einer Übersichtsarbeit heraus, dass Stretching nicht gegen Muskelkater und Verletzungen schützt. Behm et al. (7) untersuchten die Wirkung statischen Stretchings auf Kraft, Gleichgewicht und Reaktionszeit und erhielten ernüchternde Ergebnisse. Die sehr negativ ausfallenden Resultate in der Literatur stellen den Dehneffekt in Frage.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Studienlage hinsichtlich der Dehneffektivität am Beispiel der ischiokruralen Muskulatur unter Betrachtung einer Verbesserung des Bewegungsausmaßes an gesunden Probanden genauer zu beleuchten.

Methode

Suchstrategie

Die Literatursuche wurde in Medline, der PEDro-Datenbank und Cochrane Library im Zeitraum zwischen Februar und März 2009 durchgeführt.
Zunächst wurde in Medline mit den MeSH-Begriffen »Muscle Stretching Exercises« und »Lower Extremity« nach englisch- und deutschsprachigen Arbeiten gesucht. Danach folgte eine Suche in der PEDro-Datenbank und in der Cochrane Library. Es wurde ein aktueller Review aus dem Jahre 2005 von Decoster et al. (8) zum Thema gefunden. Dies führte zu einer Limitierung der Ergebnisse auf später veröffentlichte Studien (Abb. 1).


Abb. 1
Flussdiagramm
zum Reviewprozess



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