Ein Vergleich von Goniometrie und Schätzungen
Karoline Ferenci
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Zusammenfassung
Einleitung: Neben der Goniometrie sind visuelle Winkelschätzungen ein gängiges Mittel im physiotherapeutischen Alltag, um die Beweglichkeit oder Gelenkstellungen zu messen. Ziel dieser Übersichtsarbeit ist es, anhand der vorhandenen Datenlage die Reliabilität darzustellen und beide Methoden miteinander zu vergleichen.
Methode: Die Literaturrecherche erfolgt systematisch in den Datenbanken MEDLINE, CINAHL, EMBASE, Cochrane und in der Verlagsdatenbank eines deutschen Fachverlagsa. Die qualitative Studienbewertung wird anhand der QUADAS-Checkliste durchgeführt. Eingeschlossen werden alle Studien, die mindestens fünf der ausgewählten 13 Kriterien erfüllen. Die Artikel werden in zwei Evidenzklassen eingeteilt, die sich nach der erreichten QUADAS-Punktzahl richten.
Ergebnis: 16 Artikel erfüllen die Einschlusskriterien. Eine gute Reliabilität beider Instrumente ist für das Hüftgelenk, das Kniegelenk, das Sprunggelenk und die Finger- sowie Handgelenke gegeben. Das Goniometer schneidet mehrheitlich besser ab als die Schätzung. Lediglich in einer Studie über das Sprunggelenk überbietet die visuelle Schätzung die Goniometrie.
Schlussfolgerung: Die Reliabilität von Goniometermessungen und visuellen Schätzungen ist abhängig von der jeweiligen Bewegungsrichtung und dem Gelenk. Studien, die standardisierte Messprotokolle nutzen, schneiden überwiegend besser ab. Für die Praxis wird ein frühzeitiges Schulen im standardisierten Umgang mit dem Goniometer empfohlen. Weitere Studien mit einem einheitlichen Vorgehen sind erforderlich.
Schlüsselwörter: Reliabilität, Winkelmessung, Goniometer, visuelle Schätzung, Extremitätengelenke
Im physiotherapeutischen Alltag ist es notwendig, Behandlungserfolge oder Regressionen bezüglich der Gelenkbeweglichkeit exakt festzuhalten. Bei der Dokumentation von Gelenkmessungen ist es für den weiteren Behandlungsverlauf ungenügend zu schreiben, die Beweglichkeit sei gut oder zufriedenstellend. Da die Beweglichkeit von vielen Faktoren abhängt, wie zum Beispiel dem Patientenalter, dem Krankheitsbild, dem Aktivitätslevel, der dominanten Seite, dem Beruf und dem Lebensstil, können diese ungenauen Aussagen falsch interpretiert werden (1).
Es gibt zahlreiche Methoden und Messinstrumente, um die Gelenkbeweglichkeit zu erfassen. Diese reichen von einfachen Winkelmessern (Goniometer), über Inklinometer und computergestützte Verfahren bis hin zu Ultraschallanwendungen. Für den klinischen Alltag sind nur wenige Methoden relevant, die dem Zeit- und Kostenaufwand gerecht werden. In dieser Übersichtsarbeit werden die zwei gebräuchlichsten Mittel untersucht: die Goniometrie und die visuelle Schätzung.
Banskota et al. (1) fanden mit einer Untersuchung heraus, dass von mehreren medizinischen Berufsgruppen nur die Physiotherapeuten regelmäßig Goniometer benutzen, um Gelenkwinkel zu dokumentieren. Die Orthopäden und Medizinstudenten dagegen vertrauen auf ihr Augenmaß.
Reliabilität der Goniometrie
Das am weitesten verbreitete Instrument für die Gelenkmessung ist das Universal-Goniometer (UG), auch Standard-Goniometer genannt. Viele Studien belegen, dass das UG eine gute Intra- und Intertesterreliabilität aufweist. Die meisten Studienautoren ermittelten, dass die Intratesterreliabilität größer ist als die Intertesterreliabilität (2, 3). Norkin & White (4) stellten fest, dass Röntgen als Goldstandard für die Gelenkmessung anzusehen ist. Drei Studien verglichen die Goniometermessung am Knie mit der Radiografie und konnten eine signifikant hohe Korrelation zwischen dem Röntgenbild und dem Goniometer nachweisen (5, 6, 7).
Für die Fingergelenke fällt die Reliabilität für die klinische Praxis akzeptabel aus (8) sowie für das Handgelenk.
Einflussfaktoren auf die Reliabilität der Goniometrie
Eine Ursache für Fehlerquellen bezüglich der Reliabilität und Validität liegt in der inkorrekten Anlage des Goniometers. So können zum Beispiel ungenaue knöcherne Anhaltspunkte, die Fehlschätzung des Gelenkzentrums oder das ungenaue Platzieren des Goniometers über dem Gelenkzentrum zu Messungenauigkeiten führen (3).
Die Durchführung von Goniometermessungen beschreibt die American Academy of Orthopedic Surgeons 1965 (9). Norkin & White ergänzten die Empfehlungen 1985 (10).
Des Weiteren hängt die Reliabilität von der Patientenpopulation (11, 12, 13), vom ausgewählten Gelenk (14) und von der Art der Gelenkbewegung ab (15). Die Art des Instruments, die Gelenkgröße und Lage, Team- oder Einzelmessung, einmalige oder wiederholte Messung, die Tageszeit und die Referenzmesssysteme können laut Williams & Callaghan eine exakte Gelenkmessung ebenfalls beeinflussen (16).
Die Messung kann durch zu viel Weichteilgewebe erschwert werden. Dabei fehlen die Referenzpunkte, die nötig sind, um das Goniometer richtig anzulegen, weshalb Rowe empfiehlt, bei großem Weichteilmantel den Gelenkwinkel eher zu schätzen (17).
Reliabilität der visuellen Schätzungen
In der aktuellen Literatur ergeben sich kontroverse Ergebnisse bezüglich der Reliabilität von visuellen Gelenkschätzungen. Die Reproduzierbarkeit der visuellen Schätzung an der Schulter durch verschiedene Therapeuten beschreibt das Forschungsteam von Terwee et al. (18). Dabei ergibt sich eine gute Übereinstimmung der Gelenkschätzungen bei der passiven Schulterelevation, wenn sie von erfahrenen Therapeuten ausgeführt wird. Schlecht ist
dagegen die Reproduzierbarkeit der Schulteraußenrotation. Rose et al. (19) lassen in ihrer Studie den Winkel von Fingergelenken an einem Harz-Modell visuell schätzen. Die 71 Therapeuten bekommen keine Anweisungen zur Durchführung der Schätzungen, worauf die Ergebnisse bei allen Gutachtern ungenau ausfallen. Die Autoren empfehlen deshalb den Einsatz von Goniometern bei Fingergelenkmessungen.
Bei Valentine & Lewis wird die Schulterinnenrotation visuell geschätzt, die bei asymptomatischen sowie bei symptomatischen Teilnehmern gut ausfällt (20).
Auf das Kniegelenk konzentrieren sich die Autoren des Reviews von Piriyaprasarth & Morris (21). Dabei wird die Übereinstimmungsvalidität der beiden Methoden untersucht, die bis auf die Knieextension gut ausfällt. Allerdings ist die Reliabilität der Goniometrie größer.
Statistische Auswertung
Die meisten Autoren benutzen in ihren Forschungsarbeiten den »Intraclass Correlation Coefficient« (ICC, siehe ...
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