WISSENSCHAFT_GRUNDLAGENFORSCHUNG

Unwillkürliche Lokomotionselemente

Eine Möglichkeit zur Unterstützung der Physiotherapie bei MS-Patienten?

Gabriele Reimann, Günter Laufens

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Die Kombination bringt Erfolg
Gabriele Reimann

Eingereicht: 24.10.2011 • Im Peer-Review-Verfahren begutachtet • Akzeptiert: 8.2.2012

Zusammenfassung

Einleitung: Die Kombination Vojta-Therapie und Gehtraining auf dem Laufband hat sich bei MS-Patienten als vielversprechend erwiesen. Die unter der Vojta-Therapie ausgelösten Reaktionen fallen jedoch von Patient zu Patient sehr variabel aus. Ziel dieser Arbeit war es, den Einstieg in die Therapie zu erleichtern und diese erfolgssicherer zu machen.

Methoden: In Abwandlung des traditionellen Vojta-Verfahrens wurden in verschiedenen Positionen in Rückenlage mithilfe von Druckreizen unwillkürliche Aktivitäten ausgelöst. Die Untersuchungsserien erfolgten an zwei MS-Patientengruppen. Die Patienten der ersten Gruppe hatten Erfahrungen in der Vojta-Therapie, die zweite Gruppe nicht.

Ergebnisse:
1. Untersuchungsserie: Knieextension in Verbindung mit Hüftflexion und Dorsalflexion des Fußes entstand in der Gruppe der Patienten mit Vojta-Erfahrung bei insgesamt 67% aller Versuche, und zwar als eindeutige bei 47,6% und als überwiegende Knieextension (neben dominanter Extension gelegentlich Flexion) bei 19,5%.
2. Untersuchungsserie: Eindeutige und überwiegende Knieflexion trat zusammen mit Hüftflexion und Dorsalflexion des Fußes bei 50% aller Versuche auf.
3. Untersuchungsserie: Eindeutige gangähnliche Bewegungsmuster wurden bei 30% aller Versuche beobachtet. In der Patientengruppe ohne Vojta-Erfahrung entstanden dieselben Reaktionen nur bei 12,5% bzw. 8,3% bzw. 16,6% aller Versuche der jeweiligen Untersuchungsserie. Zwischen den Knieflexionen am jeweils überhängenden Bein und den gangähnlichen Bewegungsmustern traten unterschiedliche Beziehungen auf.

Schlussfolgerungen: Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen und die Variabilität in der Patientengruppe mit Vojta-Erfahrung legen unter anderem eine weitere Verbesserung der therapeutischen Methodik nahe.

Schlüsselwörter: Vojta-Therapie, unwillkürliche Bewegungen, Multiple Sklerose


Einleitung

Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle

Die Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose konstatiert, dass Physiotherapie zur Basisversorgung bei MS-Patienten mit Gehbehinderung oder Koordinationsstörungen gehört. Wichtigstes Ziel ist hier die Vermeidung von Sekundärfolgen und die Verbesserung funktioneller Einschränkungen (1). Insbesondere multidisziplinäre Rehabilitationsverfahren haben sich als wirksam erwiesen, wobei der Nachweis für die Effektivität der verschiedenen Therapiemodalitäten unterschiedlich ist. Die Physiotherapie ist hier bereits gut untersucht und es gibt Evidenz für den positiven Effekt einer individuellen Physiotherapie zur Reduktion der Behinderung, Verbesserung der Mobilität und Verringerung des Sturzrisikos. Ebenfalls effektiv ist ein angepasstes, moderates Ausdauertraining (2).

Veränderungen des Gangbildes

MS-Patienten zeigen in der Regel Veränderungen des Gangbildes – dazu gehören unter anderem eine Verminderung der Gehgeschwindigkeit, der Ausdauer, der Schrittlänge und der Kadenz. Hier kann eine gezielte Übungsbehandlung eingreifen und zu Verbesserungen beitragen (3). Verschiedene Untersuchungen zur Effektivität des Laufbandtrainings bei MS-Patienten konnten positive Wirkungen zeigen (4, 5).

Kombinationsbehandlung

Besonders bei MS-Patienten mit stärkerer Gehbehinderung ab EDSS 6,0 (Expanded Disability Status Scale) stellt die Laufbandtherapie in einer speziellen Kombination mit der Vojta-Therapie eine wirksame Behandlungsform dar. So konnte gezeigt werden, dass bei einer Abfolge Laufband-Vojta-Laufband-Therapie die jeweils vorangehende Therapieeinheit die nachfolgende Einheit verstärkend beeinflusst und dass eine fünfwöchige Behandlung nach diesem Konzept alle wesentlichen Parameter des Gangbildes verbessert (4). Die klinischen Erfahrungen haben aber auch gezeigt, dass bei der Behandlung von MS-Patienten – unabhängig vom Behinderungsgrad – die Reaktionen unter der Vojta-Therapie sehr variabel ausfallen und nicht immer zu den notwendigen Bewegungsmustern führen. Wünschenswert ist deshalb ein leichterer und erfolgssicherer Einstieg in die Aktivierung der unwillkürlichen Lokomotion.

Fragestellungen

Zu den Voraussetzungen für die Vojta-Therapie gehört die Einnahme bestimmter Ausgangsstellungen (6). Eine erste wichtige Ausgangsstellung ist eine Bauchlage, bei der die Extremitäten in eine kreuzgangähnliche Position gebracht werden. Eine andere Ausgangsstellung ist die sogenannte 1. Position, eine Hockposition auf den Unterschenkeln und Unterarmen. Die Einnahme dieser Positionen ist für viele stark behinderte erwachsene Patienten sehr zeitaufwändig oder nur unter großen Schwierigkeiten möglich. Daher soll untersucht werden, ob die bekannten Ausgangsstellungen durch spezifische Positionen in der Rückenlage ergänzt beziehungsweise ersetzt werden können. Unter diesen Voraussetzungen soll geklärt werden, mit welcher Häufigkeit sich bestimmte Bewegungsmuster mittels spezifischer Lagerung sowie gezielter Druckreize bei MS-Patienten aktivieren lassen. Weiterhin geht die Untersuchung folgenden Fragen nach:

Methoden

Aus den bisherigen Erfahrungen mit der Vojta-Therapie bei MS-Patienten ist bekannt, dass sich das Reaktionsverhalten individuell und in Abhängigkeit von der Behandlungszahl sehr verschieden entwickeln kann (7). Für die Analyse empfiehlt sich daher eine Aufteilung in zwei Patientengruppen:



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