PRAXIS_SPORTPHYSIOTHERAPIE

Kopfhaltung +++ Golfschwung +++ Biomechanik +++ Bewegungsanalyse

»Kopf still halten« – des Golfers Fluch?

Anregungen für eine golfspezifische Behandlung

Dieter Hochmuth

Auf einen Blick

Zum Golfschwung werden immer noch solche Tipps gegeben: »Du hast wieder zu früh nachgesehen« oder »Du musst den Kopf unten halten!«. Lesen Sie, mit welchen Argumenten Dieter Hochmuth, erfahren in der Sportphysiotherapie und spezialisiert auf den Golfsport, dies widerlegt und mit welchen Behandlungsansätzen er arbeitet.


Einstiegsalter 50+

Ungefähr 60 Prozent der GolfspielerInnen sind 50 Jahre und älter (1). Eine häufige Ursache für den Wechsel zum Golfsport liegt darin, dass eine oft jahrzehntelang ausgeübte andere Sportart aufgrund von Verletzungen oder Abnutzungserscheinungen in Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln nicht mehr möglich ist. Diese Zielgruppe erwartet eine kompetente Beratung und Therapie.

Um als Physiotherapeut nach den neuesten Erkenntnissen behandeln zu können, ist es unabdingbar, seine Fachkenntnisse für eine neu hinzu gekommene oder erst zu gewinnende Golfpatientenklientel zu erweitern.

Der Golfschwung

Der Golfschwung wurde von mir, Dieter Hochmuth, Dr. Christian Haid, Biomechaniker an der Medizinischen Universität Orthopädie Innsbruck, und Darran Bird, Golflehrer in Pirmasens, aus sportphysiotherapeutischer, biomechanischer und golftechnischer Sicht analysiert und beschrieben. Wir bezeichnen das Ergebnis: »Der präventive, biomechanisch optimierte Golfschwung«a. Wichtig war uns der gesundheitliche, präventive Aspekt.

Die Abbildungen 2 bis 4 geben den Golfschwunga als Basisschwung wieder, der je nach physiologischen Möglichkeiten angepasst wird. Auch individuelle anatomische Voraussetzungen und Möglichkeiten des Spielers müssen berücksichtigt werden (2). Die Angaben sind auf einen Rechtshänder bezogen.

Abb. 2: Erste Aufschwungphase:
Der Oberkörper beginnt sich »en bloc« vom Ziel weg zu drehen. Der Golfball wird durch das periphere Sehen im Blickfeld behalten. -Becken und Schultergürtel sind hier noch nahezu im gleichen Ausmaß gedreht. Es ist biomechanisch und funktionell-anatomisch sinnvoll, beim Aufschwung den Rumpf insgesamt zu drehen und nicht ausschließlich die Halswirbelsäule. Die Gewichtsverlagerung wird in der ersten Aufschwungphase eingeleitet, nimmt zu und summiert sich bis zum Ende des Aufschwungs auf circa 80 Prozent des Körpergewichts.

Abb. 3: Treffmoment und Ausschwung:
Das Becken eilt dem Schultergürtel voraus, um Platz für einen freien Durchschwung zu schaffen. Die Gewichtsverlagerung erfolgt bei einem Könner schon zu circa 70–80 Prozent auf das linke Bein. Der Kopf folgt harmonisch der Rumpfdrehung zum Ziel. Im Treffmoment ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich der rechte Fuß über die Innenkante bereits deutlich vorher vom Boden gelöst hat. Jetzt können Schultergürtel und Kopf nur mit einer »en bloc«-Drehung durch eine Rotation des ganzen Körpers harmonisch zum Ziel geführt werden. Hierbei bleiben die Gelenkbelastungen gering.

Abb. 4: Harmonische Bewegung von Beinen, Becken, Rumpf und Kopf zum Ziel. Nach dem Ballkontakt wird die Beckendrehung langsamer. Der Rumpf überholt das Becken und wird muskulär bis zum Ende des Schwungs abgebremst. Die Körperdynamik wird allmählich über die »Muskelbremse« gemindert, damit es nicht zum Anschlag der Bewegungsgrenzen der Gelenke kommt. Die Finish-Position des Oberkörpers ist nahezu gerade.

»Kopf unten halten« – mögliche Folgen

Beim Aufschwung sollte sich der Kopf gleichzeitig mit der Schultergürtel- und Rumpfdrehung leicht horizontal nach rechts verschieben. Der Blickkontakt zum Ball wird hierbei über das periphere Sehen gehalten. Versucht der Spieler jedoch, den Kopf starr nach unten ohne Bewegung mit Blickkontakt auf den Ball zu halten, wird im Aufschwung der Rumpf unter der starr gehaltenen Halswirbelsäule mit Schultergürtel aufgedreht. Dabei steigen die Torsionskräfte des Schultergürtels und Rumpfes gegenüber der Halswirbelsäule und dem Kopf; diese ungünstige Schwungausführung ist sehr häufig bei Anfängern und älteren Personen zu beobachten.

In der Folge ziehen Spieler häufig die Arme im Treffmoment an. Der Körper kippt nach hinten, dadurch werden die für einen präventiv, biomechanisch optimierten Golfschwung idealen Stellungen von Sprung-, Knie- und Hüftgelenken verlassen (3). Es entsteht in der Vertikalen eine Hochbewegung des gesamten Körpers im Aufschwung und eine Tiefbewegung im Abschwung. Die Folge, golftechnisch gesehen, ist ein Verlust der Balance; der Golfer taumelt meistens nach seitlich hinten. Der Ball wird mit der Schlagfläche entweder getoppt, das heißt er wird in der Mitte getroffen oder ein Luftschlag entsteht.

Bei einem vollen dynamischen Golfschwung ist es enorm wichtig, das Balancier- und Drehgleichgewicht von Anfang bis Ende halten zu können. Gleichgewicht in diesem Zusammenhang bedeutet, dass sich Kräfte, Drehmomente und ablaufende Reaktionen gegenseitig kompensieren.

Eine weitere mögliche Variante besteht darin, dass der Spieler aufgrund der fehlenden Gewichtsverlagerung zum Ziel das Körpergewicht noch auf dem rechten Fuß lässt und versucht, mit einem übertriebenen Armeinsatz den Verlust der Dynamik des Golfschwungs zu kompensieren. Dabei werden aktiv die Arme kraftvoll nach unten gezogen und der Schlägerkopf dringt Zentimeter vor dem Ball in den Boden ein. Die enormen dynamischen Kräfte werden dadurch abrupt abgebremst; die Masse des Körpergewichts geht aber Richtung Ziel. Die Folge: Es entsteht eine große Scherbelastung der Facettengelenke in der unteren Halswirbelsäule im Übergang zur oberen Brustwirbelsäule. Weitere Folgen können sein, dass die enorme Kompression auf das Schultereckgelenk links mit plötzlicher abrupter Abbremsung im schlimmsten Fall eine Schultergelenksprengung auslöst. Aufgrund des oben beschriebenen übertriebenen Armeinsatzes, speziell des rechten Arms, kann es außerdem zu einer Zerrung des M. pectoralis major und / oder des M. biceps femoris caput longum kommen.

Ältere Patienten klagen häufig über ein Schwindelgefühl mit Verlust der Körperbalance. Dies könnte daran liegen, dass die Arteria vertebralis speziell auf der Höhe der Atlasschleife komprimiert wird. Da in diesem Abschnitt die Elastizität des Gefäßes abnimmt, wird der Blutfluss in der rechten Arteria vertebralis zum Gehirn durch die Kompression unterbrochen. Das kann seine Ursache in der Kombination von verstärkter Torsion und Lateralflexion der Halswirbelsäule haben.

Diese Fehlbewegungen würden erst gar nicht auftreten, wenn der Abschwung durch die Gewichtsverlagerung zum Ziel eingeleitet würde. So wird zuerst die Anfangskraft des Körpers genutzt und kurz vor dem Treffmoment wird das Drehmoment des Körpers durch die Abbremsung nochmals genutzt. Hierbei folgen die Arme mit Schläger nahezu ohne zusätzlichen Kraftaufwand den Körperabschnitten Becken und Rumpf.

Ist der Kopf still nach unten gerichtet, hält man mit der starren Kopfhaltung der biomechanisch, dynamischen Bewegung des Golfschwungs widersinnig entgegen, anstatt en bloc den Kopf mit dem Körper dem Golfschwung harmonisch zum Ziel folgen zu lassen.

Das übertriebene »Kopf unten halten« birgt für Golfer auf jedem Leistungsniveau Gefahren. Die häufigen Wiederholungen im Training und Wettkampf führen über die Jahre hinweg in der Anzahl von mehreren Tausenden Golfschwüngen zu Abnutzungserscheinungen an den Facettengelenken der Halswirbelsäule und der oberen Brustwirbelsäule.

Beispiele aus dem Profi-Golf

Nicht nur im Amateur- und Freizeit- Golfsport wurde und wird der Fehler »Kopf unten halten« oder »Kopf still halten« gemacht. Nachfolgend zwei Beispiele hierzu aus dem Profi-Golf.

Vergleicht man Golfschwünge der längjährigen Nummer Eins im Profi- Golfsport, Tiger Woods, aus den Jahren 2005 und 2008, stellt man fest, dass sein Schwung bedeutende Veränderungen zeigt und umgestellt wurde. Nach meiner Recherche und Analyse von Videoaufzeichnungen hat er dabei weitgreifende Veränderungen im Bewegungsablauf von Rumpf, Schultergürtel und Kopf, im und nach dem Treffmoment, vorgenommen.

Fotos belegen die Veränderung beim Treffmoment (4). Im neuen Bewegungsablauf dreht Tiger Woods Rumpf, Schultergürtel und Kopf nahezu en bloc zum Ziel. Dadurch werden Scherkräfte zwischen oberer Brustwirbelsäule und unterer Halswirbelsäule vermindert. Wenn man die Bilder vom alten und neuen Schwung übereinanderlegt, erkennt man deutlich, dass auch seine Lateralflexion nach rechts im Treffmoment sich nach der Schwungumstellung vermindert hat. Dadurch entstehen auch in der Lendenwirbelsäule weniger Scherkräfte (siehe Zusatzservice).

Wenn Sie neue Videoaufnahmen von Tiger Woods, zum Beispiel auf Youtube, ansehen, achten Sie mal darauf, wie der Golf-Profi seinem Kopf im und nach dem Treffmoment erlaubt, hinter dem Ball nachzusehen – Tiger Woods’ Aussage dazu: »Mein Kopf bleibt nach dem Treffmoment nicht unten. Ich erlaube ihm jetzt, schneller hochzukommen«. (5).

Ein weiteres zeitnahes Beispiel für »Kopf still halten« ist der tschechisch-deutsche Profi-Golfer Alex Cejka, der sich zwei Wirbel an der Halswirbelsäule versteifen lassen musste. Grund waren ständige Beschwerden im Hals-, Schulter- und Armbereich bei der Ausführung seines Golfschwungs.

Alex Cejka musste Anfang 2012 kurzfristig seine Teilnahme an der Honda Classic/USA absagen (6). Er verspürte seit Längerem immer wieder starke Schmerzen an beiden Ellenbogengelenken. Er begibt sich jetzt in Behandlung seines Golf-Physios.

Ich nehme an, dass der jahrelang durchgeführte Bewegungsablauf »Kopf still halten« auch nach dem Impact noch in seinem Bewegungsmuster vorhanden ist. Es könnte sein, dass es dadurch zu einer Irritation des Nervus axillaris gekommen ist und sich eine beidseitige Epikondylitis entwickeln konnte.

Leider haben erfolgreiche Profi-Golfer in den frühen 1970er-Jahren immer wieder geäußert: »Wichtig ist es, den Kopf still und den Kopf unten zu halten.« Immer wieder sind in den Golf-Journalen Bilder zu sehen, die eine Momentaufnahme beim Treffmoment des Balls wiedergeben. Natürlich lassen diese Momentaufnahmen uns nur erkennen, dass Kopf und Augen beim Treffmoment noch in Richtung Balllage gerichtet sind, und suggerieren dem Betrachter, dies müsse auch nach dem Treffmoment des Balls noch der Fall sein. Es ist kein Wunder, dass Golflehrer diese irreführende Anweisung gaben und Anfänger diese auch befolgten.

Wenn man sich die Mühe macht, derartige Golfschwünge in Zeitlupe anzusehen, wird man bei den meisten Beispielen erkennen, dass weder beim Aufschwung noch nach dem Treffmoment des Balls der Kopf unten gehalten wird.

»Zu früh dem Ball nachsehen«

Wenn der Golfer den Ball nicht optimal trifft, lautet eine andere Interpretation: »Du hast zu früh dem Ball nachgesehen.« Dies ist aus physiologischen und anatomischen Gründen schlichtweg nicht möglich, wenn man weiß, dass auch bei Anfängern und im Seniorenbereich eine Schlägerkopfgeschwindigkeit zwischen 120 und 150 km/h beim Treffmoment erreicht wird. Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen Beginn des Abschwungs und Treffmoment beträgt circa 2-3 Zehntelsekunden.

Der Grund liegt vielmehr darin: Es werden die für einen biomechanisch optimierten Golfschwung idealen Winkel von Sprung-, Knie- und Hüftgelenken verlassen und es entsteht eine Hoch-tief-Bewegung in der Zeit zwischen Auf- und Abschwung sowie dem Treffmoment (3).

Analyse in der Praxis und auf dem Golfplatz

Für eine Befunderhebung am Golfpatienten ist es wichtig und unerlässlich, ihn in der Praxis, mit oder ohne Schläger, einen vollen Golfschwung ausüben zu lassen, der mit einer Videokamera festgehalten wird. Die anschließende Analyse hilft dabei, Rückschlüsse auf die Ursachen der Beschwerden des Golfers zu ziehen oder prophylaktisch einwirken zu können.

Bei einer tiefergehenden golfspezifischen Bewegungsanalyse ist es sehr wichtig, mit seinem »Schützling« auf die Driving Range zu gehen, also auf eine Golfübungsanlage, um Bälle zu schlagen. Zwischen einem Probeschwung in den Behandlungsräumen und einem mit Ball ausgeführten Golfschwung besteht nochmals ein großer Unterschied.

Zur weiteren Steigerung einer praxisnahen, hundertprozentig authentischen Schwunganalyse kann man den Patienten auf einer Golfrunde begleiten und Videoclips seines Schwungs auf den Fairways, also den Spielbahnen, aufnehmen. Zu empfehlen ist es, diese in einem Quick-Time-Format abzuspeichern, um den Schwung in kleinsten Sequenzabschnitten ansehen zu können. Solche Aufnahmen zeigen den »Golf-Schützling« unter psychischem Erfolgsdruck, in verschiedenen Geländeformen usw. (Abb. 1).

Abb. 1:
Ein »Bunkerschlag« stellt besondere Anforderungen an den Golfspieler – eine aufwendige, aber sehr gute Analysemöglichkeit für den Golfphysiotherapeuten ist es, den Spieler auch in verschiedenen Geländearten zu begleiten und eine entsprechende Bewegungsanalyse zu erstellen
Abbildung: SportMed-Prof Education Europe

Einfache, gut nachvollziehbare Übungen

Erfahrungsgemäß sind Übungen, die der Patient zu Hause oder im Büro zwischendurch leicht ausführen kann, am wirkungsvollsten. Als Gerät eignet sicht beispielsweise gut das Theraband; es ist klein und leicht zu verstauen und kann auch auf Reisen mitgeführt werden. Die Übungen sollten alle dreidimensional angelegt sein, um Balance, Koordination, Beweglichkeit und Schnellkraft zu verbessern (7) (siehe Zusatzservice).

Im Training ist es wichtig, dem Golfpatienten eine »en bloc«-Drehung zu vermitteln.

Es erwies sich als sehr wirkungsvoll und hilfreich, die Metapher eines Tanzschritts mit Drehung zu verwenden. Bei dieser Bewegung ist alles gegeben: eine leichte kraftdosierte Drehung mit rechtzeitigem Anheben des rechten Fußes; Rumpf und Kopf folgen harmonisch der Linksdrehung »zum Ziel«.

ANMERKUNG: aDer präventive, biomechanisch optimierte Golfschwung (GPT)®

ABBILDUNGEN: Alle Abbildungen dieses Beitrags von SportMed-Prof Education Europe

LITERATUR: Quellen (1) bis (7) unter: www.physiotherapeuten.de, Webcode: 465

ZUSATZSERVICE FÜR ABONNENTEN:
Eine Analyse der Kopfhaltung Tiger Woods finden Sie unter: www.physiotherapeuten.de, Webcode: 462
Übungsbeispiele nach SportMed-Prof Education finden Sie unter: www.physiotherapeuten.de, Webcode: 463

DIETER HOCHMUTH
Senior Head Instructor Golf-Physio-Trainer(EAGPT)®
seit 1977 Betreuung Amateur- und Profisportler: Fußball, Tennis, Golf
Sportphysiotherapie im Hochleistungssport des DSB/DOSB (Lizenz seit 1980)
über 30 Jahre in eigener Praxis selbstständig
seit 2004 golfspezifisches Fortbildungsinstitut: SportMed-Prof Education Europe.
Kontakt: info@sportmed-prof.eu


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