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... und wieder locker lassen!

Große Herzen

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Grafik: Elnur / shutterstock.com

Neulich war ich beim Kardiologen. Ich hatte bereits Blutdruckmessung, EKG und Belastungs-EKG hinter mich gebracht, lag nun auf einer Untersuchungsliege und wurde sonografiert. Der Facharzt murmelte, klickte, murmelte, klickte erneut, fragte mich nach meinem Beruf.

„Journalist.“

„Mal was anderes gemacht?“

„Lange als Physiotherapeut gearbeitet.“

„Aha.“

Das schien ihn zu beruhigen oder zu bestätigen. Mich eher nicht.

„Wieso fragen Sie das?“

„Sie haben hier einen sehr speziellen Befund.“

Mir wurde etwas flau. „Wie lange habe ich noch?“, fragte ich bangen Herzens. Der Arzt schmunzelte. „Keine Sorge, Ihr Befund sorgt eher für ein gesundes, lange und kräftig schlagendes Herz.“ Er schaltete die Übertragung der Ultraschallbilder auf einen Bildschirm um, den ich gut einsehen konnte. „Sie haben eindeutig ein Physiotherapeutenherz!“

Er fuhr ergriffen mit den Fingerkuppen an den Umrissen meines Herzens entlang. „Rhythmisch außergewöhnlich, kräftig, wohlproportionierte Konturen.“ Ich fühlte Stolz in meiner Brust. „Aber die eigentliche Besonderheit sehen Sie hier unten“, er zeigte auf kleine, sich bewegende Strukturen, die ich nicht wirklich erkennen konnte. „Warten Sie, ich mache das mal größer.“ Er klickte wieder. Dann sah ich das Gesicht von Frau Müller vor mir; sie lächelte und winkte. „Kennen Sie die?“, fragte der Kardiologe. „Ja, war eine Dauerpatientin von mir“, sagte ich erstaunt. Ich winkte zurück. Sie freute sich und rief: „Hallo Herr Stanko!“ Ich rief zurück: „Hallo Frau Müller! Schön, Sie zu sehen, lange nichts mehr gehört, wie geht es Ihnen?“ Es folgte eine längere Unterhaltung über Lymphdrainagen. Der Arzt hüstelte. Er müsse mal so langsam zum nächsten Patienten, meine sieben Minuten Untersuchungszeit seien schon lange, also sehr lange, rum, und ich sei zudem noch Kassenpatient.

„Aber bitte, eine Erklärung noch?“

„Ihnen hängen viele Patienten am Herzen.“

„Stimmt.“

Er ging.

Heimlich nahm ich mir noch einmal den Schallkopf. Fuhr über meinen linken Brustkorb, klickte, zoomte, hatte den Dreh schnell raus. Dann sah ich sie alle. Lässig hielten sie sich – wie beim Bouldern – mit einer Hand an meinem Herzbeutel fest, sprachen miteinander, freuten sich: Schlaganfall-Patienten aus 25 Jahren winkten, juchzten, zeigten auf Arme und Beine. „Hey“, rief ich. „Hey“, riefen sie zurück, „coolen Job gemacht! Es geht uns gut! Wir können laufen!“ Mir standen Tränen in den Augen. Ich zoomte in die andere Richtung. Da hingen viele ehemalige Schmerzpatienten an meiner Aorta, auch sie winkten, zeigten auf Schultern, Knie, Hüften, machten einen „Daumen hoch“ und applaudierten. Mir wurde es ganz schwer ums Herz.

Das ist wohl der wirkliche Grund dafür, warum wir jeden Tag aufs Neue und meistens voll motiviert unseren Job machen, trotz viel zu schlechter Arbeitsbedingungen – uns hängen unsere Patienten am Herzen.

Buchtipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:
Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag
Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

 

 

Heft 08-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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