_Magazin

... und wieder locker lassen!

„Sie werden auch krank?“

.

Grafik: StonePictures / shutterstock.com

Draußen mögen feuchtkalte, spätherbstliche Graupelschauer über uns hinwegfegen oder meterhoher Schnee liegen, das Bundesgesundheitsministerium mag kurz davor sein, einen nationalen Notstand auszurufen – weil halb Deutschland nicht nur „Rücken“, sondern auch Grippe hat. All diese Umstände ändern nichts an dem weit verbreiteten Volksglauben, dass Physiotherapiepraxen virenfreie Zonen seien und Physiotherapeutinnen und -therapeuten absolut immun gegen alles.

Verwundert blickt der HWS-Patient nach oben, wenn er nach seiner Äußerung „Ach, gestern hatte ich noch Fieber … ist das schlimm?“ ein Schnauben seines Therapeuten vernimmt, der schon minutenlang, ohne Mundschutz und Gummihandschuhe, seinen therapeutischen Auftrag in Ausatemnähe wahrnimmt. Kein Problem. Das sind wir gewöhnt. Aber muss das sein?

Als allgemein anerkannte Absagegründe (aus Patientensicht) gelten doch auch: der Magen-Darm-Infekt des Dackels oder ganz plötzlich und völlig, absolut unerwartet vor der Tür stehende Handwerker. Warum also nicht die definitiv ansteckende Krankheit? Ja, wir wollen für die Gesundheit unserer Patienten nur das Beste, aber es wäre schön, wenn unser Leib und Leben dabei geschützt wären.

Es gab Jahre, da gab mein Immunsystem irgendwann Ende Februar einfach auf. Kurz vor dem Frühling, der Winter war eigentlich schon geschafft, ging plötzlich nichts mehr. Es verabschiedete sich mit den Worten: „Was du mit den Mikroorganismen noch so anfängst, die dich im 20-Minuten-Takt umkreisen, ist mir egal, ich fliege jetzt in die Karibik.“ Und weg war es. Frühestens nach einer Woche kam ich wieder zu Bewusstsein. Es gab vereinzelte Erinnerungen an Tee-Infusionen und Daenerys Targaryen, die meine Hand hielt. Einige meiner Patienten begrüßten mich nach der Genesung mit den Worten: „Wird aber auch Zeit, dass Sie wieder da sind.“

Woher kommt dieser Irrglaube, der sich in der Frage ausdrückt: „Wie, Sie werden auch krank?“ Natürlich werden wir auch krank. Wir können vielleicht besser Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen, weil das Wissen darüber in unser Know-how fällt. Aber eine Jogginghose und eine schlaue Brille schützen definitiv nicht gegen eine Viruserkrankung. Und das ständige Berühren von Patienten ist auch nicht wirklich hilfreich dabei.

Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, könnt ihr gerne diesen Text kopieren und in der Praxis auslegen, wenn ihr wollt. Als antiviralen viralen Text sozusagen. Inhaltliche Ansteckung ist erwünscht und geboten. Aufklärung tut Not. Wir sind zwar gut, aber nicht mit der Gabe der ewigen Gesundheit gesegnet, auch wenn wir uns redlich Mühe geben, diesen edlen und ideellen Zustand zu erreichen.

Hat mal jemand ein Taschentuch für mich? Ein Lutschbonbon? Und vielleicht eine Prise Zink? Ein Tee wäre auch gut. Kamille? Wenn es sein muss …

Passt ideal zu Kamillentee …
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

 

Heft 01-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

Teilen & Feedback