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... und wieder locker lassen!

No sports

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Grafik: asantosg / shutterstock.com

Gibt es etwas Besseres als einen langen und ausgefüllten Tag, an dem man mit seiner Expertise glänzen konnte? Wenn man sich abends ein halbes Glas Wein genehmigt, den Tag rückblickend betrachtet und denkt: Mensch, toll, heute konnte ich aber einigen Patienten helfen.

Die vielen Fragen nach der richtigen Matratze bei Rückenschmerzen habe ich gewissenhaft beantwortet, die nach dem besten Schuhwerk bei Arthrose oder Hallux valgus. Probleme beim Intervallfasten? Ist doch ganz einfach: acht Stunden alles, 16 Stunden nix. Kann man wunderbar durch Übungen unterstützen. Doch! Wirklich! Ob Dinkelkissen gut sind? Kommt drauf an … ich koche gerne mit Dinkel … kleiner Scherz.

Ja, die Kompetenzen von Physiotherapeuten werden geschätzt. Vor allem in Bereichen, die mit Physiotherapie nichts zu tun haben. Außerdem sind wir an die Schweigepflicht gebunden, was uns (gelegentlich bis häufig auch unfreiwillig) zu perfekten Gesprächspartnern macht, wenn Friseure oder Ärzte schon lange ihre Läden und Praxen geschlossen haben. Wir sind da! Wir brummen. Und verraten trotzdem nichts über das Hüftleiden der Nachbarin, auch nicht nach verschärfter Nachfrage.

Manchmal ist unser Leben nicht ganz einfach. Obwohl wir gerade wortreich erklärt und mit Studien belegt haben, wie wichtig, hilfreich und kurativ Bewegung bei einer bestimmten Thematik ist (eigentlich bei fast allen), folgt unserem Statement nicht selten die Frage, ob sich das Problem nicht auch wegmassieren lasse oder wir Manuelle Therapie oder etwas Vergleichbares anwenden könnten? („Ist mir egal, wie das heißt, solange es hilft!“) Hauptsache, wir bewegen uns und unsere Klienten haben ihre Ruhe.

Überhaupt scheint die physiotherapeutische Praxis einer der letzten Orte auf Erden zu sein, wo man ganz fabelhaft entspannen kann. Mit letzter Kraft schleppt sich der beeinträchtigte und vom Leben gezeichnete Patient in den Therapieraum, schafft es gerade noch, die Schuhe auszuziehen, und fällt mit einem Schnaufer auf die Behandlungsbank. Hier findet er endlich Frieden. Hier kann er vom Lebenskampf lassen, hier sind wohlwollende Menschen, freundliche Wesen, die ihn wieder aufmuntern und heilen (bestenfalls). Nur eins dürfen sie nicht: noch irgendetwas von ihm verlangen. Anstrengung, Aktivität, Schweiß und Muskelkraft sind tabu. Wer hat da den Mut, zu sagen: „Nix da, Behandlungsbank war gestern. Ab auf die Matte, ab ans Gerät. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Schön sind auch die Momente, in denen man eine Übung vormacht, Patienten interessiert dabei zuschauen und gar nicht auf die Idee kommen, sie auch selbst auszuführen. Oft irritiert sie der Satz: „Sie können auch mitmachen.“

Vielleicht sollten wir unsere Strategie ändern. Wir setzen uns mit Whisky und Zigarre neben die Behandlungsliege und zitieren Churchill. So kämen auch wir mal zur Ruhe.

Passt ideal zu Wein oder Whisky …
Die Glossen gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Eine Lesung mit Jörg Stanko buchen: info@literaturagentur.ruhr

 

Heft 03-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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