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... und wieder locker lassen!

Nie wieder Igelbälle!

Foto: Birgit Reitz-Hofmann / shutterstock.com

In seinem Song „Bilder von dir“ singt Laith Al-Deen: „Bilder von dir überdauern bis in alle Zeit, Bilder von dir überdauern bis in die Ewigkeit.“ Womit er vermutlich Recht hat. Jeder kennt dieses Bild: Ein Chirurg tritt nach einer achtstündigen OP mit dunklen Augenringen und wirrem Haar, abgekämpft, gebeugt, aber aufrecht vor die Angehörigen eines Unfallopfers. Er beteuert, alles getan zu haben, berührt die Ehefrau kurz an der Schulter – ein Blick genügt und wir wissen: Es liegt nicht mehr in seiner Hand, aber er hat alles, wirklich alles Menschenmögliche gegeben. Der Held tritt ab.

Nächste Szene: Eine junge Physiotherapeutin hat es tatsächlich mit unseren berufspolitischen Anliegen zur besten Sendezeit in ein Nachrichtenmagazin geschafft. Sie beklagt sich über ihr karges Gehalt und über Schulden, die sie durch hohes Schulgeld angehäuft hat, und kommt zu dem Schluss, dass man niemandem raten kann, diesen Beruf zu ergreifen. So weit ist das emotional ergreifend. Während sie erzählt, sitzt sie neben ihrer Patientin, die sich mit einem Igelball über den Bauch rollt. (Mitbekommen?) Ich höre förmlich die Stimme meines verstorbenen Großvaters: „Dafür wollt ihr Geld?!“ Ja, wie soll man das erklären?

Noch eine Szene: Ein ähnlicher Bericht im Fernsehen – Fachkräftemangel, ausgebrannte Therapeuten, lange Wartezeiten, das volle Programm. Vermutlich ist es schon spät, die Therapeutin sitzt sichtlich erschöpft am Kopfende einer Behandlungsbank, ihre Patientin liegt auf dem Bauch. Die Kollegin massiert (nicht unbedingt nach den Regeln einer geglückten Ergonomie) und hält dabei einen Vortrag über die schlechte Situation in der Physiotherapie. Schon beim Zuschauen wird man müde und fühlt sich ausgebrannt. Die Therapeutin bräuchte die Behandlung vermutlich dringender als ihre Patientin.

Die Helden meiner Kindheit fuhren mit Gummibooten vor Walfangschiffen her, in wilder See riskierten sie Leib und Leben. Oder sie bestiegen Fabrikschlote, um Plakate an ihnen herabflattern zu lassen. Diese Bilder habe ich bis heute im Kopf. Heiko Schneider auf seinem Fahrrad – das war für viele von uns das Bild des Jahres 2018. Wäre er vom Rad gefallen oder des Dopings überführt worden, hätte man ihn längst vergessen.

Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir nicht nur heldenhafte Bilder produzieren, sondern auch professionell rüberkommen. Auch wenn das alles verdammt anstrengend ist, es darf nicht so aussehen. Und auch nicht so, als könnte jeder Praktikant physiotherapeutische Leistungen erbringen. Wenn das nächste Mal ein Fernsehteam bei euch vor der Tür steht, sprecht medizinisches Kauderwelsch, seid eloquent, erwähnt die Evidenz einer Methode, die ihr anwendet, tragt eine schlaue Brille und seid, was ihr wirklich seid: heldenhaft, mutig, voller Tatendrang, kompetent.

Und bitte versprecht es jetzt und hier und hoch und heilig: Nie wieder Igelbälle! Alle mitmachen: Nie wieder Igelbälle! Nie wieder Igelbälle!

Heft 5-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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