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... und wieder locker lassen!

Der Takt meines Lebens

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Foto: Gearstd / shutterstock.com

Der Autobauer Henry Ford wurde seinerzeit als großer Optimierer der Fließbandarbeit gefeiert. Selbst Physiotherapeuten eifern ihm noch im 21. Jahrhundert nach. Eine Würdigung.

6:30 Uhr: Der Wecker klingelt. 20 Minuten sind fürs Frischmachen und Ankleiden eingeplant. Danach: 20 Minuten Frühstück, inklusive Lektüre der Tageszeitung. Es folgt der Weg zur Arbeit.

8:00 Uhr: Der erste Patient steht auf der Matte. Meine inneren Soundsysteme fahren hoch. Die Ohrwurmschleife hat sich noch nicht zwischen „Slave to the Rhythm“ von Grace Jones und „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug entschieden. Mein eingebauter Optimist schlägt zur Abwechslung „Let’s work together“ von Canned Heat vor, sein dunkler Bruder „Die Roboter“ von Kraftwerk. Nach einer längeren Diskussion einigen sie sich auf die Titelmelodie von „Star Wars“, mit der Option, auf „The Healer“ von John Lee Hooker umzuschalten. Los gehts!

Der Jedi arbeitet. Während seine Hände noch über Venenwinkeln zirkulieren, steckt seine Großzehe schon im Tractus iliotibialis des nächsten Patienten und sein Großhirn befasst sich bereits mit dem OP-Bericht des übernächsten. Ein unterbeschäftigtes Ohr macht einen Termin aus, während das andere Ohr aufmerksam und mitfühlend einer Krankengeschichte lauscht. Nach dreimal 20 Minuten geht die innere Disco langsam zu „Krieger des Lichts“ von Silbermond über. So füllt sich der Tag, fünfmal pro Woche, an circa 230 Tagen im Jahr. Jahr für Jahr.

Innerhalb der 20-Minuten-Taktung gibt es einen sich häufig wiederholenden Spannungsbogen: enthusiastisches Gespräch, harte Arbeit auf beiden Seiten, Erarbeitung von sinnvollen „Hausaufgaben“. Anschließend folgt das Zuführen von Koffein und Süßigkeiten (auf Therapeutenseite).

Vermutlich, weil dieses Zeitmanagement so überaus erfolgreich ist, führt mein Unterbewusstsein diesen Rhythmus auch in meiner Freizeit weiter. Nach knapp 20 Minuten im Café will es weiterziehen, zum nächsten Abenteuer, Getränk oder Gespräch. Telefonate mit Verwandten werden nach 20 Minuten rigoros beendet: „Du, ich muss jetzt!“ Folgen von Netflixserien, die länger als 20 Minuten dauern, haben keine Chance.

Die große Erschöpfung macht sich dann am Wochenende breit: Zehnmal 20 Minuten auf dem Sofa. Es folgt der Besuch von Achtsamkeitstrainings und Entschleunigungsseminaren. Mal so richtig durchatmen und Bäume umarmen. Innere Prioritäten fokussieren. Vermutlich gäbe es klügere Lösungen.

Aber zurück zum Praxisalltag. 19:00 Uhr: Feierabend. Der innere DJ spielt „We are the Champions!“. Zu Hause wechselt das Programm dann zu: „Das bisschen Haushalt“, sagen heute Mann und Frau. Kann mir jemand verraten, warum wir das so machen? Henry Ford kann ich nicht mehr fragen. Wahrscheinlich hätte er aber seine helle Freude an uns.

Locker lassen live!
Lesung mit Jörg Stanko aus seinem Buch „Und wieder locker lassen!“:

21. Juni, 19:00 Uhr, Spiraldynamik Akademie AG, Südstrasse 113, CH-8008 Zürich

 

 

Heft 06-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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