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... und wieder locker lassen!

Der Physio-Meister

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Grafik: Eloko / shutterstock.com

Vor einiger Zeit besuchte ich ein Tai-Chi-Seminar. Ich wollte mehr über diese mysteriöse Bewegungs- und Meditationsform erfahren. Im Vorbereitungsraum trank man Tee. Es wurde dort, wenn überhaupt, nur mit gedämpfter Stimme gesprochen. Der flatterhafte Geist sollte sich beruhigen. Dann gingen wir schweigend in einen Übungsraum.

Der „Meister“ betrat durch eine separate Tür diesen Raum und verbeugte sich vor uns. Wir verbeugten uns ebenfalls. Dann legte er los: Einige Qigong-Übungen zum Warmwerden, danach floss er graziös, äußerst flexibel, schwungvoll und scheinbar ohne jeden Kraftaufwand durch eine lange Bewegungsabfolge. Wir „Schüler“ sollten es ihm nachmachen. Eine Gehilfin des Meisters schritt derweil hinter uns Übenden auf und ab, richtete hier eine Wirbelsäule auf, korrigierte dort eine Armhaltung, kreiste mit der Hand über mein Zwerchfell und schaute aufmunternd. Bei mir floss es nicht so wirklich. Vor einer willkommenen Pause verbeugte sich der Tai-Chi-Meister erneut und ging wortlos. Dieses Prozedere wiederholte sich noch einige Male an diesem Tag.

Beglückt über viele neue Erkenntnisse betrat ich am nächsten Montagmorgen den Behandlungsraum. Herr Müller setzte schon zur ersten kritischen Analyse der Bundesligaergebnisse an. Ich hob die Hand und deutete an, er möge bitte schweigen. Dann verbeugte ich mich. Er verbeugte sich, etwas irritiert, ebenfalls. Ich floss durch das Hüft-TEP-Übungsprogramm. Herr Müller floss hinterher. Ich verbeugte mich. Herr Müller verbeugte sich. Ich verließ den Raum.

Die nächste Patientin war Frau Schulze. Sie hielt schon hocherfreut ihr Smartphone in der Hand – es gab vom Wochenende viele neue und ganz, ganz süße Fotos von den Enkeln. Ich nahm mir die Freiheit des Physio-Meisters, wischte schweigend das digitale Endgerät in den Ruhezustand, verbeugte mich, verbeugte mich mit Nachdruck erneut, schaute meisterhaft. Es kam, wie es kommen musste: Frau Schulze verbeugte sich. Dann flossen wir gemeinsam durch viele Kräftigungs- und Dehnübungen. Schon vor meiner Abschiedsverbeugung verbeugte sich Frau Schulze freiwillig, verschwitzt und in Demut. „Heute war es aber sehr intensiv“, murmelte sie. Ich nickte wissend und schweigend und verbeugte mich. So praktizierte ich es den ganzen Tag.

Ihr meint, das lässt sich nicht so umsetzen? Doch. Wenn ich Assistenz brauchte, holte ich mir eine Hilfskraft – einen Angehörigen, eine nette Kollegin von der Rezeption – oder bat Patienten aus dem Wartezimmer um kleine Gefälligkeiten. Zur Not gab es ja noch Physio-Kolleginnen, die Befunde erstellen, Lymphe drainieren oder Berichte schreiben konnten.

„Die Kraft des Schweigens kann ermuntern oder Rätsel aufgeben, verwirren oder klären. Überflüssiges vom Notwendigen trennen. Der Physio-Meister schweigt, wenn er schweigen soll, und spricht nur, wenn es nötig ist.“ Das ist aus meinem neuen Buch, dem „Tao-Te-Physio“.

Ich verbeuge mich vor meinen Leserinnen und Lesern und bin jetzt still.

 

Heft 07-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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