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Verärgerte Therapeuten

Eine qualitative Auswertung der Brandbriefe

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Was kommt dabei heraus, wenn sich rund 1.000 Kolleginnen und Kollegen ungefiltert den Frust von der Seele schreiben? Wie kann man diesen Inhalt analysieren und nutzen? Die Autorinnen haben ihren akademischen Blick auf die Protestbriefe geworfen, die Heiko Schneider von „Therapeuten am Limit“ im Sommer 2018 nach Berlin brachte. Viele Aussagen sind schwer auszuhalten.

Persönliche Statements zur Arbeitssituation

Grafik: Tetiana Yurchenko / shutterstock.com

Im Sommer 2018 entwickelte sich eine medienwirksame Aktion. Der Frankfurter Physiotherapeut Heiko Schneider startete per Facebook „Therapeuten am Limit“ und erbat Unterstützung in Form von persönlichen Statements zur Arbeitssituation. Die Resonanz war überwältigend!

Heiko Schneider fuhr mit dem Fahrrad zum Bundesgesundheitsministerium nach Berlin und übergab dort am 5. Juni 2018 mehr als 1.000 Brandbriefe von Heilmittelerbringenden: Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Sprachtherapeuten, einige Masseure, medizinische Bademeister und Podologen. Leider nahm der amtierende Gesundheitsminister Jens Spahn diese Post nicht selbst in Empfang.

Die Briefe sind Ausdruck von Protest und persönlicher Betroffenheit. Die Aktion wurde flankiert von engagierten Heilmittelerbringenden, die sich vor dem Gesundheitsministerium einfanden (Abb. 1).

Abb. 1: “Ärger-Therapeutinnen” in Aktion

Auswerten!

Aufgrund dieser unerwartet großen Anzahl von Zuschriften entwickelte sich die Idee, die Inhalte wissenschaftlich auszuwerten und zu publizieren. In diesem Umfang hat es noch keine Berichte über die aktuelle Arbeitssituation von Heilmittelerbringenden gegeben.

Die Verfasser der Briefe lassen sich nicht immer explizit, oft aber implizit den einzelnen Professionen zuordnen, da die Texte nicht primär zu Forschungszwecken geschrieben wurden. Zur anonymisierten wissenschaftlichen Auswertung wurde im Nachgang bei den Verfassern die Erlaubnis eingeholt.

„Was mich ans Limit bringt …“ Dazu konnten am Ende rund 900 Briefe sekundäranalytisch ausgewertet werden – das heißt, bereits existierende Daten (hier: Brandbriefe) wurden nachträglich zu Forschungszwecken genutzt. Die Ergebnisse wurden erstmalig am 29. November 2018 auf Einladung der Politikerin Sylvia Pantel (CDU) in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland in den Räumlichkeiten der Parlamentarischen Gesellschaft vorgestellt.

Mittels induktiv geleiteter Materialanalyse werden aus den Briefen thematische Kategorien herausgezogen und nicht – wie beim deduktiven Vorgehen – zu bereits formulierten Hypothesen und Kategorien analysiert. Dieses induktive Vorgehen stellt die erlebte Situation der Heilmittelerbringung durch ihre Akteure in den Vordergrund und fokussiert dabei sieben Dimensionen (Abb. 2). Nicht alle Dimensionen werden in allen Briefen erwähnt. Es zeigt sich aber eine sogenannte theoretische Sättigung, das heißt, dass neben den Teilthemen der generierten Dimensionen, insgesamt keine weiteren, neuen Aspekte zu finden ist.

Die qualitativen Aussagen (siehe Zitate) der Briefe bilden den Kern der Auswertung. Im Mittelpunkt steht also die berichtete subjektive Verarbeitung der Bedingungen der Heilmittelerbringung in Deutschland.

Abb. 2: Bei der Analyse der Brandbriefe werden sieben Dimensionen sichtbar.

Verstehende Forschung

Ziel ist es, die Perspektiven der Schreibenden im Kontext einer verstehenden Forschung zu untersuchen. Hierbei wird versucht nachzuvollziehen, wie die Aussagen der Schreibenden zu verstehen sind und welche Zusammenhänge die Betroffenen selbst herstellen beziehungsweise welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben.

Es gilt dabei die subjektiven Theorien von etwas (hier: Bedingungen der Heilmittelerbringung) der Betroffenen zu begreifen, um das Beschriebene in seiner Bedeutung für das Subjekt nachvollziehen zu können. Die Auswertung erfolgte nach Methoden der Qualitativen Inhaltsanalyse von Mayring (1) und dem axialen Kodieren nach Strauss und Corbin (2).

Die Dimensionen werden anhand von aussagekräftigen Zitaten im Folgenden vorgestellt und beispielhaft mit subsummierten Teilaspekten stichwortartig unterlegt.

Sieben Dimensionen

1. Dimension: Sicherung therapeutischer Fachkräfte

(Therapeutenmangel, Problem der Stellenbesetzung, fehlende Attraktivität des Berufes, Qualität und Preis, fehlender Nachwuchs, Ausstieg …)

„Viele Kollegen suchen ständig und oft erfolglos nach Mitarbeitern. Manche Praxen schließen deshalb sogar. Und somit steigt die Wartezeit auf einen Therapieplatz mehr und mehr an. Dies hat zur Folge, dass Patienten mit akutem Therapiebedarf nicht mehr versorgt werden können. Die momentane Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt in meiner Praxis über drei Monate! Eine hochfrequente Behandlung, wie sie z. B. in der Akutversorgung nach Schlaganfall notwendig wäre, ist unmöglich geworden.“ (40-jährige Therapeutin)

2. Dimension: Wandel des Gesundheitswesens

(Verändertes Patientenklientel, neue Aufgaben für Heilmittelerbringende, veränderte Anforderungen wie etwa aufsuchende und kooperative Arbeit beziehungsweise Abstimmungsbedarfe, neue Ausbildungsmöglichkeiten …)

Hat man ein bisschen Weitblick, wird einem klar, dass sich die Situation rapide verschärfen wird. Der demografische Wandel beschert uns immer mehr Menschen, die aufgrund von typischen Alterserkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson Therapie benötigen. Gleichzeitig steigt die Geburtenrate momentan massiv? Ja, was auch im Bereich der Kindertherapie mehr Therapieplätze fordert! Hier darf man doch nicht wegsehen! Die Kinder sind unsere Zukunft! Eine gute Sprachentwicklung ist die absolute Basis für Bildung und damit Motor für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes.“ (Logopädin)

3. Dimension: Patientenversorgung

(Unterversorgung durch Fachkräftemangel, fehlende Hausbesuchskapazitäten, komplexe Versorgungssituationen, Fehlsteuerung, problematische Therapiezeittaktung, Vereinzelung in ambulanten Praxen …)

  • „Auch für Folge- und Weiterbehandlungen entstehen Wartezeiten. Das ist für beide Seiten unbefriedigend. Dazu kommt, dass Patienten oft keine Folgebehandlungen erhalten, obwohl dies aus medizinischer Sicht dringend notwendig wäre. Lieber werden Opiate und Morphium verordnet, um die Patienten ruhigzustellen. “ (Physiotherapeutin aus Süddeutschland, seit 12 Jahren im Beruf, in Teilzeit tätig)
  • Wir könnten ein wichtiger Teil der Pflegevermeidung sein und die Menschen in ihrer gewohnten Umgebung mobil und selbstständig halten. […] Es macht mich wütend, wenn ich merke, dass Menschen in Pflegeheime abgeschoben werden, nur weil sie sich nicht wehren können und Angehörige die nötige Sachkenntnis nicht haben können, um im Sinne ihrer Eltern oder Großeltern zu intervenieren.“ (geschäftsführender Physiotherapeut einer ambulanten Praxis in Norddeutschland)

 

4. Dimension: Leistungsbereitschaft

(Fortbildungskosten, Anspruch an fachliche Kompetenz, Patientenfeedback, wenig Aufstiegsmöglichkeiten …)

  • „Mein Herz gehört weiter der Ergotherapie und ich werde auch die Kollegen, die so hart für einen Aufwertung dieses tollen Berufs kämpfen, unterstützen. Jedoch wird mich mein Weg über ein Studium im Bereich Sozialmanagement weiter in die gut bezahlte Verwaltungswelt führen.“ ( Ergotherapeutin)
  • „Es tut mir jedes Mal in der Seele weh, wenn ich wieder einen total verzweifelten Angehörigen am Telefon habe und nix anderes sagen kann als: Wir melden uns, sobald ein Termin frei ist, aber ich kann nix versprechen.“ (Logopädin)

 

5. Dimension: Organisation von Heilmittelerbringung

(ambulante Situation in freien Berufen, Bürokratie und unzureichende Honorierung, Abhängigkeiten versus Verantwortlichkeiten, Fehlanreize, Rezeptgebühren, Selbstständigkeit als Falle …)

  • „Wie kann es sein, dass ich als Therapeut meinen Patienten im Namen der Krankenkasse Geld abnehmen muss? Warum muss ich mit meinen Patienten über diese Zuzahlung diskutieren, ihnen nach diesem Geld nachlaufen und erst einen Nachweis über erfolgte Mahnung erbringen, damit ich mein wohlverdientes Geld dann von der Krankenkasse erstattet bekomme, wenn sich der Patient der Zuzahlung verweigert?“ (selbstständige Physiotherapeutin)
  • „Wir Therapeuten sind dazu genötigt worden […][,] die Prüfung der Rezepte vorzunehmen unbezahlt, versteht sich! […] Ganz abgesehen von dem Frust, den es mit sich bringt, ständig mit den Ärzten wegen Fehlern/Änderungswünschen auf der Verordnung verhandeln zu müssen bzw. wegen Formfehlern auf dem Rezept und den daraus resultierenden Absetzungen durch die Krankenkasse auf der verdienten Bezahlung sitzen zu bleiben.“ (selbstständige Physiotherapeutin)

 

6. Dimension: Forderungen

(Soforthilfe für Heilmittelerbringende, Anerkennung, Mitsprache bei der Steuerung, Anpassung des Systems an gesellschaftliche Veränderungen, Schulgeldfreiheit, Zertifikationspositionen und damit Fortbildungszwang, Direktzugang, Akademisierung …)

„Behandlungszeit: 15–25 Min. für Oma Erna mit neuem Knie? Einfach unmöglich. Ausbildung: 15.000 Euro aufwärts bezahlen, damit man einen Beruf ausüben darf? Fortbildung: Wir sollen sie machen, aber von dem bisschen Geld und Urlaub nahezu unmöglich! 1000–4000 Euro bei Minimallohn. Klar, gerne! Entlohnung!! Es kann einfach nicht sein, dass bei so einem Haufen Verantwortung und verlangtem Können so ein kleine Vergütung rauskommt! Jeder Handwerker nimmt mehr Gesellenlohn, als die Krankenkassen uns zahlen! Bürokratiewahnsinn! Ich wollte keinen Computerberuf und habe ihn nun doch. Stundenlange Kreuzchenprüferei. In der Zeit arbeite ich natürlich nicht am Patienten und kann auch kein Geld einwirtschaften. Geschweige denn die Zeit, die ich für Therapieberichte nutzen muss, für die es gerade mal die Briefmarke erstattet gibt! (Meist übrigens nach Feierabend!) Direktzugang! Jemand mit Problemen kommt direkt zum Therapeuten. Teilweise schon mit bekannter Problematik. Es würde Arztpraxen – gerade auf dem Dorf – entlasten, es würde einiges an Schreibarbeit ersparen, es würde den Patienten sogar in vielen Fällen eine schnellere und bessere Versorgung ermöglichen!“ (Physiotherapeutin)

7. Dimension: Zukunft

(Aufgabenfülle versus Vergütung, Resignation, mangelnde Anerkennung, Auswirkungen auf den Nachwuchs, Zweifel an Anreizen für die Arbeit, fragliche Absicherung im Alter, Abhängigkeiten …)

„Ich kann möglichen Interessenten eine Stelle in meiner Praxis auch nicht mit einer zusätzlichen Betriebsrente oder einer finanziellen Förderung zur Fortbildung schmackhaft machen. Mein eigenes Einkommen ist, trotz marginalen jährlichen Anpassungen der Vergütungssätze, leider so gering, dass derzeit kein Geld für die Altersabsicherung übrig bleibt (es reicht einfach nicht, dafür sind speziell in meinem Fall die Lebenshaltungskosten in der Großstadt einfach zu hoch).“ (selbstständige Physiotherapeutin)

Unerträgliche Sandwichposition

Die Heilmittelerbringenden verdeutlichen in ihren Briefen die Sandwichposition, in der sie sich befinden: eingepresst zwischen Versorgungsstrukturen einerseits und dem sich verändernden Therapiebedarf andererseits beziehungsweise gekoppelt an Patientenerwartungen und eigene Versorgungsansprüche. Deutlich wird die Dysbalance von Anforderungen (Effort) und Belohnung oder Gratifikation (Award) (siehe Fortsetzung des Beitrags und Interpretation der Ergebnisse). Aufwand und Entlohnung, auch immaterielle Entlohnung, stehen in einem Missverhältnis und werden durch persönliches (Über-)Engagement versucht in einer Balance zu halten.

Vorgezogenes Fazit

Was folgt nun aus den Erkenntnissen? Wie werden sie weiter interpretiert? Darauf werden wir in einem Folgebeitrag eingehen. Dennoch bereits ein vorgezogenes Fazit an dieser Stelle: Folgt man den Ergebnissen der Auswertung der Brandbriefe, braucht es zeitnah deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, die erstens schnell Wirkung erzielen und zweitens für die Heilmittelerbringenden unmittelbar als wirksam erlebbar sind.

Es geht um vertrauensbildende Maßnahmen, um die im Prinzip als attraktiv und äußerst sinnhaft erlebte Arbeit zu sichern und in ihrer Bedeutung für das Gesundheitssystem und für die Bevölkerungsgesundheit aufzuwerten.

Zudem braucht es politisch-öffentliche Aufmerksamkeit und Maßnahmen, die der problematischen Situation der Heilmittelerbringenden gerecht wird und ein Gefühl des „Ernstgenommenwerdens“ der Probleme der therapeutischen Berufe fördert. Dies wäre zum Beispiel die schnelle Unterstützung der existenzgefährdenden Situation der Heilmittelerbringenden (Vergütung).

Die durch die Fachkräftenot und durch Therapeuten berichtete drohende Unter- und Fehlversorgung von Patienten gilt es zu artikulieren und zu dokumentieren. Entwicklungen in den Berufen, zum Beispiel die Akademisierung, brauchen klare Perspektiven für die Absolventen. Die Kompetenzen der Therapeuten (es zu können) sollten für die Versorgung verstärkt auch in Form neuer Aufgaben oder Kompetenzzuschreibungen (es auch zu dürfen) genutzt werden. Zudem braucht es effiziente und schnell wirkende Maßnahmen, um Therapeuten von bürokratischen Restriktionen zu entlasten.

Der Artikel wird in einer der nächsten Ausgaben fortgesetzt.

 

Heft 02-2019

 

Literatur

1. Mayring P. 2010. Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz Verlag

2. Strauss A, Corbin J. 1996. Axiales Kodieren. In Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, ed. J Strauss. Weinheim: Beltz Verlag

Autor 1

Prof. Dr. Heidi Höppner

Prof. Dr.; Master of Public Health (M.P.H.); Professorin für Physiotherapie – Förderung der Gesundheit und Teilhabe – an der Alice Salomon Hochschule Berlin; Sozialwissenschaftlerin; Physiotherapeutin; Arbeitsschwerpunkte und Engagement: unter anderem für die Professionalisierung der Physiotherapie, zum Beispiel durch Theorieentwicklung, sowie Lehre und Lehrprojekte zu Therapeuten als Akteure im Gesundheitswesen.

hoeppner@ash-berlin.eu

Autor 2

Dr. Eva-Maria Beck

Dr.; Pflegemanagerin und Lehrerin für Pflege; Studium der Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Soziologie an der Universität Duisburg-Essen; Promotion am Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie im Rahmen der Heinz Nixdorf Recall Studie; seit 2011 Gastdozentin für Forschungsmethoden und Changemanagerin im Modellstudiengang Physio- / Ergotherapie an der Alice Salomon Hochschule in Berlin; seit 2014 Koordinatorin im HCP-Projekt.

eva-maria.beck@ash-berlin.eu

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