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Verletzt in der Fußballbundesliga

Sofortversorgung bei Hannover 96

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Ein Foul – der Spieler fällt, er hält sich das Knie. Innerhalb von Sekunden müssen Arzt und Physiotherapeut entscheiden, ob der Fußballer weiterspielen kann. Was geht dem Sportler dabei durch den Kopf? Worauf achtet der Therapeut? Was wird getestet? Ein Bericht über schnelle Entscheidungen mit großer Tragweite: Im Extremfall kann eine Verletzung das Karriereende bedeuten.

Vor dem Spiel – alles ist vorbereitet

shutterstock/ eugene_onischenko

Anpfiff in der HDI-Arena Hannover. Die Spielvorbereitung ist abgeschlossen, eine Anspannung weicht der anderen. Getränke am Platz, Spieler mit Tapes präpariert, Waden gelockert, Statik kontrolliert. Ich nehme neben unserem Mannschaftsarzt auf der Bank Platz. Ab jetzt wieder volle Konzentration. Im Geiste gehe ich alle Spieler durch, die ich nahezu in- und auswendig kenne. Egal ob kleine Zipperlein oder überstandene Verletzungen, jedes Bundesligaspiel hat das Potenzial, für einen Sportler den großen Durchbruch zu bedeuten – oder das Karriereende! Es gibt Spieler, die aus unterschiedlichen Gründen um jeden Preis am Wochenende in den Arenen des Landes auflaufen wollen, und andere, die nur in Topverfassung bereit sind, zu spielen. Bei Ersteren besteht die große Gefahr, dass verschwiegene oder unterschätzte Blessuren im Spiel zu schlimmeren Verletzungen werden können.


Schmerzfrei oder belastungsfähig?

Unsere Arbeit unter der Woche besteht zu einem guten Teil darin, vom vergangenen Spieltag angeschlagene Sportler möglichst für den kommenden wieder fit zu machen. Der Begriff „fit” ist nicht selten irreführend, denn der eine interpretiert ihn als „schmerzfrei”, andere als „belastungsfähig”. Grundsätzlich sollte ein Spitzensportler zum Wettkampf nicht nur schmerzfrei, sondern auch belastungsfähig sein. Schmerzfreiheit ist natürlich durch diverse Medikamente zu erreichen, die bis zu einem gewissen Punkt sogar funktionieren – und allen Beteiligten vorgaukeln, dass die Welt doch in Ordnung, man also spielfähig sei. Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass Schmerz ein Alarmsignal des Körpers ist, das uns vor weiteren Schäden schützen soll! Es wäre fahrlässig, dieses Alarmsignal zu deaktivieren und somit schwerere Verletzungen zu riskieren.


Spannung – bleibt der Spieler unverletzt?

Wie in allen anderen Sportarten geht man auch im Fußball immer wieder Kompromisse ein. Athleten, die gerade so auf den letzten Drücker für die Partie präpariert wurden, müssen zeigen, ob es tatsächlich für 90 Minuten reicht. Ihnen gilt unsere besondere Aufmerksamkeit: Gibt es Anzeichen, an denen wir erkennen können, dass es besser wäre, sie aus dem Spiel zu nehmen, oder fühlen sie sich tatsächlich gut? Jeder Sprint oder Richtungswechsel könnte aus einem kleinen Ziehen ein großes Problem machen – natürlich auch ein Problem für die medizinische Abteilung, die diese Spieler als vorletzte Instanz vor dem Trainer für das Spiel freigibt. Erst mit Abpfiff des Schiedsrichters fällt diese Spannung ab.


Akute Verletzung – was jetzt?

Wesentlich häufiger auf dem Sportplatz sind Einsätze bei akuten Verletzungen. Grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn wir den Verletzungsmechanismus mit eigenen Augen gesehen haben; so können wir vor dem Eintreffen beim Verletzten einschätzen, wie vorzugehen ist. Hier laufen seit Jahren eingeschliffene Prozesse ab.

Jeder Handgriff tausendfach ausgeführt, jede Frage unzählige Male gestellt – und dennoch ist jeder Fall ein Einzelfall, ein persönliches Problem des Sportlers, für den diese Verletzung der größte anzunehmende Unfall im Hier und Jetzt ist. Der erste Eindruck: Wie ist die Körpersprache des Spielers? Die Schwere der Verletzung lässt sich natürlich nicht daran festmachen, sie ist aber wesentlicher Bestandteil der Beurteilung, ob der Athlet direkt ausgewechselt werden muss oder nach einer kurzen Behandlung weiterspielen kann.


Was kann ausgeschlossen werden, was nicht?

Hier spielt eine große Rolle, ob die Verletzung mit oder ohne Gegnerkontakt stattgefunden hat. Muskelverletzungen aufgrund von Kontusionen sind für die Frage, ob weitergespielt werden kann, anders zu bewerten als Verletzungen ohne Gegnerkontakt (Zerrungen, Strukturzerstörungen unterschiedlicher Größenordnung). Mit einem „Pferdekuss” ist es unter Umständen möglich, das Spiel zu Ende zu bestreiten; bei Muskelverletzungen ohne Gegnerkontakt wird der Spieler auf jeden Fall vom Feld geholt. Selbst wenn zu diesem Zeitpunkt noch keine strukturelle Läsion vorhanden ist, ist das Risiko, unter Schmerzen – mit erhöhtem Tonus – weiterzumachen, nicht zu vertreten.


Erste Maßnahmen

Erste Maßnahme ist immer die Beruhigung und Befragung des Spielers. Zeitgleich erfolgt die Eiswasserkühlung der verletzten Struktur, bevor vom Arzt beurteilt wird, ob notwendige Tests an Ort und Stelle oder erst in der Kabine durchgeführt werden.

Sollte der Sportler unter sehr großen Schmerzen leiden und die Wahrscheinlichkeit, dass er weiterspielen kann, gegen Null tendieren, liegt unsere Priorität auf der Entlastung der Struktur, der gesamten Extremität – ohne weiteren, sofortigen Impact. In der Vergangenheit nutzten wir dafür Schwamm, Eiswasser und elastische Binde; mittlerweile setzen wir direkt auf dem Platz die Medical-Flossing-Bänder ein. Nachdem die erste Kühlung durchgeführt ist, wird das betroffene Gelenk oder die Muskulatur unter kontrolliertem Zug mit dem Latexband komprimiert – und zwar großflächig, was zum einen die Schmerzhemmung einleitet und zum anderen Stabilität gibt.


Vom Platz?

Abhängig von Lokalisation und Schwere der Verletzung muss noch auf dem Platz entschieden werden, ob der Spieler eigenständig, unterstützt oder mittels Trage vom Spielfeld kommt. Sehr gerne nehmen wir bei schweren Verletzungen mittlerweile auch die Hilfe der Sanitäter in Anspruch und lassen den Verletzten vom Platz tragen, denn es macht keinen Sinn, ihn unter großen Schmerzen humpeln zu lassen: Es ist nicht ausgeschlossen, dass dadurch Beschwerden im Nachhinein noch größer werden könnten. Die genaue Untersuchung und Beurteilung, ob beispielsweise sofort bildgebende Verfahren benötigt werden, findet im Anschluss in der Kabine statt.

Neben der unmittelbaren songrafischen Untersuchung haben wir die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Röntgen-, MRT- oder CT-Untersuchungen in Anspruch zu nehmen, sodass die adäquate Therapie möglichst schon am kommenden Tag beginnen kann.


Therapie vor Ort

Stellt sich das Problem als nicht zu massiv heraus, werden direkt alle Tests durchgeführt, die die betreffende Struktur zum Weiterspielen benötigt (Kasten 1). So muss sichergestellt sein, dass der Kapsel-Band-Apparat keinen Defekt aufweist und die Muskulatur schmerzfrei und vollständig funktioniert.

 

Die Therapie vor Ort besteht in der Regel aus Hot-Ice, Techniken aus dem Fasziendistorsionsmodell (FDM) und Medical Flossing (Kasten 2). Sollten offene Wunden vorhanden sein, werden diese je nach Schwere geklebt, genäht oder auch nur verpflastert.

Nach dem Spiel wird jeder Sportler nach seinem Befinden befragt und im Falle von Beschwerden untersucht, behandelt und versorgt. In der Regel treten Prellungen, leichtere Distorsionen und Ermüdungsreaktionen auf, die sich erst mit Abfall der Spielanspannung bemerkbar machen.

Ralf Blume zeigt am Beispiel einer möglichen Innenbandverletzung, nach welcher Systematik er vorgeht, welche Assessments er durchführt und wie die Therapie aussieht, wenn keine strukturelle Verletzung vorliegt:

 


Abseits des Platzes

“Genießen, aber hochkonzentriert”

Im Gespräch mit Ralf Blume

Ralf, muss man denn als Physiotherapeut eines Vereins in der ersten Bundesliga auch Fan sein, oder sogar fußballverrückt?

Es vereinfacht die Sache schon sehr, weil man halt nicht die normale 40-Stunden-Woche von Montag bis Freitag hat, sondern es ist auch jedes Wochenende Arbeitszeit – das heißt, wenn samstags die Spiele sind, wird Sonntagmorgen behandelt und gepflegt und regeneriert, und dann geht die Trainingswoche Montagmorgen für die verletzten Spieler gleich wieder los…

Lässt sich Familie und Beruf gut vereinen? Ist die Arbeit als Physiotherapeut in der Bundesliga ein Traumjob und was geht ihm während des Spiels durch den Kopf? Ralf Blume gibt spannende Einblicke in sein Leben als Physiotherapeut in der Bundesliga im pt-Videointerview:

 

 

 

Heft 06-2017


Autor

Ralf Blume

​Seit 1990 Physiotherapeut; 1992–1994 Fortbildung zum Sportphysiotherapeuten; Fortbildungen unter anderem in APM, OMT; Studium der Osteopathie; seit 2007 Leitung des physiotherapeutischen Teams von Hannover 96; Heilpraktiker (PT); Entwickler des Medical Flossings. ​

ralfblu@me.com