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WCPT-Kongress: Meine Highlights

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Das Programm des WCPT-Kongresses ist umfangreich: Es gibt alleine 26 Focused Symposia (FS), die jeweils 90 Minuten dauern und von einem renommierten Experten im jeweiligen Feld organisiert und moderiert werden. In jedem FS sprechen in der Regel drei bis vier Referenten und beleuchten zusammen die neuesten Erkenntnisse und deren Relevanz für Praxis, Lehre und Forschung. Man muss sich also fokussieren und entscheiden.

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Ich stelle in diesem Beitrag meine persönliche Auswahl an Veranstaltungen zusammen. Die Reihenfolge entspricht dem Programmablauf und ist subjektiv. Es gibt viele tolle Themen – ich präsentiere im Folgenden lediglich meine eigenen Highlights, die ich nach der Lektüre des Programms unbedingt besuchen möchte. Und nach dem Kongress werde ich natürlich berichten, was ich aus diesen und weiteren Symposien mitgenommen habe.


Sturzprävention: nicht sexy, aber wichtig

Der Samstag beginnt für mich mit dem FS-01 „Falls around the world – a global perspective to prevention“. Organisiert und moderiert von Susan Hunter aus Kanada, diskutieren Experten über die neuesten Erkenntnisse. Es gibt mittlerweile viele Studien und Übersichtsarbeiten, die belegen, dass Maßnahmen und Programme zur Sturzprävention effektiv sind – vor allem multifaktorielle Programme, die individuelle Risikofaktoren berücksichtigen und entsprechende Maßnahmen ableiten. Ebenso unstrittig ist die Bedeutung von körperlicher Aktivität und Übungen.

Im Jahr 2017 fand in Südafrika schon ein Symposium zum Thema Fragilitätsfrakturen statt. Diese treten auch häufig infolge von Stürzen auf, sodass die Sturzprävention bereits vor zwei Jahren während des WCPT-Kongresses große Aufmerksamkeit bekam.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … das Thema Sturzprävention einfach immens wichtig ist und ich auf dem Laufenden bleiben möchte.
  • … es meines Erachtens in Deutschland noch viel zu wenig darauf spezialisierte Therapeuten gibt. Denn: Sturzprävention ist mehr als Hockergymnastik und Gangtraining auf dem Seniorenheimflur.

 

WCPT 2017 – pt-Interview zum Thema Fragilitätsfrakturen mit Catherine Sherrington

Gesundheitsförderung: Positionierung der Physiotherapie

Mit diesem Bereich befasst sich das FS-06 „Physical activity: positioning physiotherapy as a global force for change“ unter der Leitung von Anna Lowe aus Großbritannien. Körperliche Inaktivität ist ein großes Problem für die Gesundheitssysteme weltweit und der Kampf dagegen muss mit evidenzbasierten Maßnahmen sowie in Übereinstimmung mit globalen Aktionsplänen koordiniert werden. Daher stand das Thema Lebensstilveränderung auch 2017 in Kapstadt schon mit einem Symposium auf der Agenda.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … die Förderung von körperlicher Aktivität und einem gesunden Lebensstil der Schlüssel zur Vermeidung vieler Krankheiten ist.
  • … wir das Feld der Bewegungsförderung in Deutschland noch viel zu oft anderen Berufsgruppen überlassen und Physiotherapeuten sich dort unbedingt als Experten etablieren müssen. Denn: Wir Physiotherapeuten müssen uns selbst einbringen, das wird niemand sonst für uns übernehmen.

WCPT 2017 – pt-Interview zum Thema Lebensstilveränderung mit Elisabeth Dean

Rehabilitation: moderne Technologien

Eva Ekvall Hansson aus Schweden leitet am Sonntag das Symposium FS-12 „Modern technology in rehabilitation“. Die Experten erläutern aktuelle Forschungserkenntnisse zum Einsatz neuer Technologien in der Rehabilitation und geben unter anderem einen Einblick in die Möglichkeiten im Rahmen der Sturzprävention sowie im Hinblick auf die Vermeidung funktionellen Abbaus bei älteren Menschen und auf den Genesungsverlauf nach einem Schlaganfall. Bisher waren Messverfahren oft an ein Labor gebunden und nicht für alle Therapeuten und Patienten verfügbar – das ändert sich gerade.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … es sich auch auf die verfügbare Evidenz zu neuen Technologien konzentriert.
  • … innovative digitale Lösungen künftig Teil der Physiotherapie sein werden. Denn: Technische Entwicklungen sind keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Arbeitsmedizin: Wenn der Job zu Schmerzen führt

Selbstmanagement-Strategien für Patienten mit Beschwerden am Bewegungsapparat waren bereits 2017 in Südafrika ein Thema bei Nathan Hutting aus den Niederlanden. Diesmal geht es im Symposium FS-15 „How about work? Integrating occupational factors within musculoskeletal physiotherapy“ um krankmachende Faktoren in der Arbeitsumgebung und deren Berücksichtigung in der muskuloskelettalen Physiotherapie. Die Teilnehmer lernen unter anderem arbeitsplatzbezogene Assessments und Fragebogen kennen. Außerdem geben die Referenten einen Einblick in Interventionsstrategien für den Einsatz am Arbeitsplatz und die Rolle der Physiotherapie dabei.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … es viel Input für die praktische Anwendung verspricht.
  • … die Berücksichtigung der Arbeitsbelastung eines Patienten bisher noch zu wenig im Fokus steht. Denn: 20 Minuten Physiotherapie können keinen ganzen Arbeitstag mit kontinuierlicher Über- und Fehlbelastung ausgleichen.

WCPT 2017 – pt-Interview zum Thema „Selbstmanagement-Strategien für Patienten mit Beschwerden am Bewegungsapparat“ mit Nathan Hutting

Krankenhaus: Mobilität von Patienten

Cindy Veenhoff aus den Niederlanden moderiert das Symposium FS-17 „Improving mobility levels of hospitalised patients“. Die Immobilisation und Inaktivität von Patienten im Krankenhaus ist ein Problem. Mittlerweile weiß man, dass Patienten im Pyjama weniger aktiv sind als jene, die auch im Krankenhaus ihre normale Kleidung tragen. Das muss nur noch in die Praxis umgesetzt werden. Vorgestellt wird daher unter anderem die globale Initiative #EndPJParalysis sowie das John Hopkins Medicine Activity and Mobility Promotion Programm.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … ich diese neue Perspektive auf Patienten im Krankenhaus sehr wichtig finde.
  • … ich mich über die internationalen Projekte informieren möchte. Denn: Physiotherapie im Akutsetting ist viel mehr, als mit Patienten über den Krankenhausflur zu spazieren.

Daten, Daten, Daten

Karim Khan aus Kanada und sein Referententeam beschäftigen sich am Montag im Symposium FS-09 „We need to talk about data“ mit übergeordneten Themen der Zeit. Big Data und künstliche Intelligenz sind die Stichworte, über die wir uns auch in der Physiotherapie Gedanken machen müssen. Wie kann man große Datenmengen, die in Forschungsprojekten anfallen, handeln? Welche Daten werden dokumentiert, wenn der Patient in eine Klink kommt? Welche Daten erhebt der Therapeut? Was muss man bei all der Datenflut beachten? Welche Risiken und Chancen gehen mit künstlicher Intelligenz einher? Und was hat das alles eigentlich mit Physiotherapie zu tun?

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … ich hoffe, auf die oben genannten Fragen Antworten zu bekommen.
  • … Datenmanagement sowie künstliche Intelligenz in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden und ich mich fit für die Zukunft machen möchte. Denn: Wir können diese Themen auf keinen Fall ignorieren – also informieren wir uns.

Onkologie: Training mit Krebspatienten

Dieses Thema wird im Symposium FS-26 „Exercise testing and training considerations for cancer survivor rehabilitation“ unter dem Vorsitz von Jaqueline Drouin bearbeitet. Das American College of Sports Medicine publizierte 2018 ein Update zur Trainingssteuerung bei Krebspatienten – dies wird vorgestellt und die Umsetzung in der Praxis diskutiert.

Ich finde das Symposium interessant, weil …

  • … es so viele Studien zur Effektivität von Aktivität und Training bei Patienten mit onkologischen Erkrankungen gibt und daher ein großes Handlungsfeld vor uns liegt.
  • … sich in Deutschland bisher so wenige Therapeuten auf dieses Gebiet konzentriert haben, obwohl es dringend nötig wäre. Denn: Krebspatienten brauchen uns Physiotherapeuten auf dem Weg zurück ins Leben – wir müssen es nur bemerken.
Surftipp

WCPT – Übersicht zu allen FS:

 

Heft 03-2019


Autor

Dr. Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; 2007 bis 2017 pt-Redakteurin; 2012 bis 2018 Promotion an der Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften an der Technischen Universität München; seit März 2017 Chefredakteurin pt Zeitschrift für Physiotherapeuten.

tanja.bossmann@pflaum.de

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