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WCPT-Special: Physiotherapie international: Veränderung und Weiterentwicklung diskutieren

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Emma Stokes ist seit 2015 Präsidentin des Weltverbandes Physiotherapie (World Confederation of Physical Therapy – WCPT). Die charismatische Kollegin aus Irland blickt auf eine beachtliche Karriere zurück: Studium, klinische Tätigkeit, Promotion und Professur; danach Vizepräsidentin und jetzt Präsidentin. Mehr geht nicht. Im Mai findet der WCPT-Kongress in Genf statt, also sozusagen um die Ecke. Ich habe Emma vorab gefragt, worauf sie sich besonders freut.

Aller guten Dinge sind drei …

Foto: WCPT

Das erste Mal hatten Emma und ich im Jahr 2015 Kontakt. Als sie Präsidentin wurde, publizierten wir in der pt ein Portrait der Therapeutin und Wissenschaftlerin aus Dublin. Damals lautete eins ihrer Ziele: „to bring the voice and the value of physiotherapy to a wider audience“ (1).

Zwei Jahre später traf ich Emma auf dem WCPT-Kongress in Kapstadt und habe im Interview unter anderem mit ihr darüber gesprochen, welche Themen und Entwicklungen sie für wichtig hält: „When we spoke in Cape Town, some of the highlights for me at Congress 2017 were advanced practice, leadership, cultural competency and advocacy.“

Zahlen, Daten, Fakten
WCPT

  • Non-Profit-Organisation
  • 450.000 Therapeuten weltweit
  • 108 Mitgliedsorganisationen

 

WCPT-Kongress 2017

  • 2.392 Teilnehmer
  • 101 Länder
  • 176 Veranstaltungen
  • 1.089 Referenten

Aktuell – kurz vor der nächsten Veranstaltung – habe ich sie gefragt, was sich seither getan hat und welche Aspekte sie während des kommenden Kongresses besonders wichtig findet. Dazu habe ich viel Input von Emma bekommen, zu dem ich im Folgenden einen Überblick geben möchte.

Datenbank für Freiwillige und Experten

Emma hat mich insbesondere auf die neue Datenbank DOVE hingewiesen (siehe Surftipps). Die Database of Volunteers and Experts verfolgt das Ziel, die Professionalisierung der Physiotherapie international nach vorne zu bringen. Experten können sich dort registrieren und ihre Hilfe anbieten. Wer Unterstützung für die Professionalisierung braucht, kann in der Datenbank nach passenden Kollegen suchen. Eine super Sache, finde ich. Und Emma wünscht sich natürlich auch Beteiligung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: „I’d encourage your readers to take the opportunity to share their and expertise and become a WCPT DOVE.“ Wer sich engagieren möchte, ist also herzlich willkommen!

Blick in die Vergangenheit

Einen Rückblick auf das Jahr 2017 gibt der Annual Report (siehe Surftipps).

„Our new look annual report for 2017 outlines the key activities of WCPT during that year and shows our continued leadership and advocacy work with and on behalf of our member organisations“, erklärte Emma mir.

Im Report finden Interessierte unter anderem einen Überblick zu den verschiedenen Aktivitäten. Schon 2016 wurde ein strategischer Plan mit fünf Punkten erarbeitet:

  • globale Gemeinschaft
  • globaler Einfluss – auf die Gesundheitspolitik und auf die Praxis
  • Förderung der Wertschätzung von Physiotherapie weltweit
  • Wissen teilen
  • den Zweck erfüllen

 

Zur Förderung einer besseren Wahrnehmung von Physiotherapie in der Öffentlichkeit gibt es zum Beispiel schon seit einigen Jahren den World Physical Therapy Day. Im Jahr 2017 lautete das Thema: „physical activity for life“. Dazu gibt es Infografiken, Postkarten, Flyer und Poster, die in zwölf verschiedenen Sprachen zu Verfügung stehen. Der WCPT bekam 2017 Berichte zu Aktivitäten aus 30 Ländern und das Material wurde mehr als 41.000-mal heruntergeladen. 2018 wurde dann das Thema mentale Gesundheit und die Rolle der Physiotherapie in diesem Kontext hervorgehoben.

Zudem stehen mittlerweile sogenannte Rehabilitation Factsheets zur Verfügung, die der WCPT in Zusammenarbeit mit der Organisation Humanity & Inclusion, der International Society for Prosthetics and Orthotics und dem Weltverband der Ergotherapeuten publiziert hat. In den aktuell sieben verschiedenen Informationsblättern wird auch die Bedeutung der Physiotherapie im Rahmen der Rehabilitation betont.

Blick in die Zukunft

In Genf erwartet uns wieder ein umfangreiches Programm. Aus Emmas Perspektive sind vor allem folgende Symposien einen Besuch wert:

  • Diversity & Inclusion (FS-03)
  • Leadership (FS-22)
  • Advanced Practice (FS-14)

 

Diversität und Inklusion sind Themen mit globaler Relevanz. Menschen sind in vielerlei Hinsicht unterschiedlich und dies muss in allen Settings respektiert werden. Im Symposium werden beispielsweise Implementierungsstrategien besprochen und die bisherige Vorgehensweise in Praxis, Forschung und Lehre kritisch reflektiert.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Frage, wie professionelle Führung in der Physiotherapie aussieht und wie man sich als Führungskraft weiterentwickeln kann. Fähige Leute in Leitungspositionen sind wichtig – nicht nur, um eine hohe Versorgungs- und Prozessqualität zu sichern, sondern auch für die Initiierung innovativer Projekte und nötiger Veränderungen.

Zur Umschreibung von Experten in einem bestimmten Spezialgebiet gibt es international keinen einheitlichen Begriff und auch keine definierten Standards, die weltweit gleich sind. Im Symposium „Advanced Practice“ wird genau darüber diskutiert und nach globalen Lösungen gesucht.

„I think what this signals is the synergies between our work as a global organisation and the key issues that impact on day-to-day practice around the world“, fasst Emma zusammen.

Birgit Müller-Winkler, WCPT-Professional Advisor, freut sich darauf, in Genf viele Kollegen wiederzutreffen. Sie ist vor allem gespannt darauf, wie sich das Format Indaba-Zone – ein Treffpunkt zum Erfahrungsaustausch – hier in Europa umsetzen lässt.

Umdenken erforderlich

Dass die Physiotherapie einem ständigen Veränderungsprozess folgt, zeigt unter anderem ein Editorial, auf das Emma mich aufmerksam gemacht hat (2):

„One of the responsibilities of a global professional organisation is to enable thought leadership, and in June 2018 an editorial was published that challenged the way we think about physiotherapy for people with chronic non-traumatic musculoskeletal conditions.“

Der bisherige Ansatz ist nicht effektiv

Darin erklären die Autoren, dass der bisherige Ansatz zum Umgang mit muskuloskelettalen Problemen gescheitert sei. Sie weisen darauf hin, dass es bei den meisten nichttraumatischen Beschwerden am Bewegungsapparat keine pathoanatomische Diagnose gebe, die das Ausmaß der Schmerzen und Einschränkungen hinreichend erklären könne. Diese Perspektive führte nach Lewis und O’Sullivan zu zwei Entwicklungen:

  • Strukturelle Veränderungen, die auch bei schmerzfreien Personen oft vorkommen, dienen als Diagnose für bestimmte Beschwerden. Häufig in dem Zusammenhang sind zum Beispiel Bandscheibendegenerationen, Knorpelschäden oder Veränderungen der Rotatorenmanschette. Dies führt dazu, dass Patienten ihren Körper als krank und zerbrechlich wahrnehmen – dies wiederum fördert ein Angst-Vermeidungsverhalten in Bezug auf Bewegung und Aktivität.
  • Es gibt gerade in der muskuloskelettalen Physiotherapie eine Reihe von Therapieansätzen, die nicht unbedingt dem aktuellen Stand der Evidenz entsprechen.

 

Diese beiden Trends tragen dazu bei, dass Patienten häufig die Erwartung haben, dass spezielle und oft passive Techniken – wie die Korrektur eines „verdrehten“ Sakrums – die Beschwerden schnell und ohne eigenes Zutun beheben.

Eine neue Perspektive ist nötig

Man weiß, dass es im Zusammenhang mit persistierenden Beschwerden viele Faktoren gibt, die eine Rolle spielen. Dazu gehören genetische Parameter genauso wie psychologische und soziale Faktoren sowie Co-Morbiditäten und der Lebensstil. Mitunter liegt der Fokus nicht auf einer „Heilung“ der Erkrankung, sondern auf der Erarbeitung eines Managementplans, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen und den negativen Einfluss auf den Alltag und die Teilhabe der Patienten zu minimieren. Während diese Sichtweise bei anderen Fachbereichen wie der inneren Medizin schon längst bekannt ist und umgesetzt wird, gibt es im Bereich der Physiotherapie bei muskuloskelettalen Beschwerden Nachholbedarf. Auch für diese Patienten sind eine Steigerung der Selbstwirksamkeit und die Kontrolle über ihren eigenen Gesundheitszustand wichtig. Zur Therapie eines Patienten mit Rückenschmerzen sollten also auch Edukation, körperliche Aktivität und eine Veränderung des Lebensstils mit Schlafhygiene, Raucherentwöhnung, Stressmanagement et cetera gehören.

Das erfordert natürlich auch eine Veränderung der Perspektive unserer Patienten. Sie sollten keine „magische Manipulation“ vom Therapeuten erwarten, durch die sich alle Beschwerden schnell in Luft auflösen. Und Therapeuten sollten diese Erwartungshaltung durch ihr Handeln und ihre Kommunikation auch nicht weiter fördern. Manuelle Therapie, Medikamente und Injektionen sollten – wenn überhaupt nötig – als ergänzende Maßnahmen betrachtet werden.

Ich kann mich Emmas Perspektive hier nur anschließen:

„In order to move this conversation onwards, WCPT will convene a panel which will include the Editor of BJSM and the two authors of the editorial as well as other global experts and patient voices to ask the question – what are the next actions that need to be taken to move this concept forward. To me, this is a key role for WCPT: that of either leading or facilitating the hard conversations that will change the profession and continue its development.“

Bringen wir die neuen Erkenntnisse in die Praxis zu den Therapeuten und ihren Patienten.

Surftipps
World Confederation for Physical Therapy (WCPT): www.wcpt.org

DOVE-Datenbank: www.wcpt.org/doves

WCPT – Annual Review 2017: bit.ly/WCPTAnnualReview2017

 

Interview mit Dr. Emma Stokes 2017 in Kapstadt

 

Heft 03-2019

Literatur

1. Boßmann T. 2015. Emma Stokes – Präsidentin des Weltverbandes Phy-siotherapie. Looking in, looking out and looking to the future. Z. f. Physiotherapeuten 67, 10:86–7

2. Lewis J, O’Sullivan P. 2018. Is it time to reframe how we care for people with non-traumatic musculoskeletal pain? Br. J. Sports Med. 52, 24:1543–44

Autor

Dr. Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; 2007 bis 2017 pt-Redakteurin; 2012 bis 2018 Promotion an der Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften an der Technischen Universität München; seit März 2017 Chefredakteurin pt Zeitschrift für Physiotherapeuten.

tanja.bossmann@pflaum.de

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