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Wissenschaft trifft Praxis: Neurodegenerative Erkrankungen

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Die hereditäre spastische Parese ist genetisch bedingt. Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle für den Erhalt beziehungsweise die Verbesserung der Funktionsfähigkeit. Renata Horst hielt auf dem Fachkongress pt HOLIdays zur therapie on tour in Bochum vom 28. bis 29. September 2018 einen Vortrag zu diesem Thema. Hier finden Sie die Zusammenfassung mit Interview.

Fallbeispiel: hereditäre spastische Parese

Hereditäre Spastische Parese (HSP) gehört zu den genetisch bedingten neurodegenerativen Erkrankungen, die mit Degenerationen der kortikospinalen Bahnen des ersten motorischen Neurons einhergehen. Eine kausale Therapie ist bisher nicht möglich.

Vor 16 Jahren, im Alter von 36, bemerkte Frau K., dass sie beim Gehen stolperte. Die Verdachtsdiagnose MS wurde ausgeschlossen. Ein diagnostizierter Bandscheibenvorfall C5-6 mit Rückenmarkskompression wurde mit einen Kunststoffimplantat operativ versorgt. Zunächst verbesserten sich ihre Gangstörungen. Nach einem Jahr kehrten diese zurück. Zwei Jahre später kam es zu zunehmenden Beugespastiken in den Beinen, die mit Baclofen therapiert wurden. Die Patientin wurde zunehmend kraftloser. Nach weiteren zwei Jahren wurde die Diagnose HSP gestellt. Seitdem bekam Frau K. zusätzlich Botolinumtoxin-Injektionen in die Beinen sowie Muskelrelaxantien. Im Januar dieses Jahres kam sie infolge einer Botox-Vergiftung mit akuter Atemnot notfallmäßig in die Klinik.

Im April dieses Jahres leidet die Patientin noch an Atemnot beim Gehen. Treppensteigen fällt ihr sehr schwer und ist ohne Handlauf nicht möglich. Sie leidet unter Schluckbeschwerden und kann ihre Arme kaum anheben, um Gegenstände zu heben und tragen. Auch sich hochzustützen fällt ihr schwer. Eine Ausübung ihres Berufes als Physiotherapeutin ist zur Zeit nicht möglich.

Das Upper-Motor-Neuronsyndrom geht mit Plus- und Minussymptomen einher. Muskelschwächen der posturalen Synergien und die damit einhergehende Gewebssteifigkeit sind vermutlich Hauptverursacher der Beeinträchtigungen ihrer Alltagsaktivitäten. Die Ganganalyse zeigte am ersten Tag eine deutlich verminderte Schrittlänge, starke Rumpfvorneigung mit Blick nach unten, kaum Armpendel sowie starke Hüftbeugung und Innenrotation. Die Füße waren stark supiniert und die Fersen erreichten nicht den Boden. Die Ganggeschwindigkeit beim 10-Meter-Gehtest betrug 0,33 Meter pro Sekunde.

Therapieziele:

  • Elastizitätsförderung der Rückenstrecker, Atemhilfsmuskulatur, Hüftadduktoren, Plantarflektoren.
  • Kräftigung der Hüftextensoren, -abduktoren, -außenrotatoren, Peronaen
  • Unterstützung der Zwerchfellatmung, kardiopulmonale Leistungssteigerung

 

Am zweiten Tag konnte die Ganggeschwindigkeit auf 0,75 Meter pro Sekunde erhöht werden. Nach der dritten Therapieeinheit betrug die Ganggeschwindigkeit 0,94 Meter pro Sekunde. Frau K. hat in der mittleren Standbeinphase einen deutlichen Fersenkontakt und erreicht die vollständige Hüftstreckung. Sie stößt sich mit ihrem Vorfuß ab und ihr Armpendel deutet auf vermehrte Rumpfaufrichtung und -rotation hin. Ihre Hüften sind nicht mehr adduziert und innenrotiert. Sie berichtet, dass sie das erste Mal seit zehn Jahren mehrere Treppenstufen ohne Geländer gehen kann und dass ihr Mann die Veränderung begeistert wahrgenommen hat. Sie gehen längere Strecken mit ihrem Hund gemeinsam spazieren.

Ausblick: die nächsten pt HOLIdays planen wir bereits zur therapie Leipzig vom 7. bis 9. März 2019: www.therapie-leipzig.de

pt online 16.11.2018


Literatur

Dietz V. 2013. Klinik der Spastik – spastische Bewegungsstörung. Nervenarzt 84:1508–11

Blackstone C. 2018. Hereditary spastic paraplegia. Handb. Clin. Neurol. 148:633–52

Autor

Renata Horst

Head Instructor an der N.A.P.-Akademie; Physiotherapeutin; M.Sc. Neurorehabilitation Donauuniversität Krems. Weiterbildungen: Motorisches Lernen; OMT; PNF-Instruktorin.

info@renatahorst.de

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