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Wissenschaft trifft Praxis: Physiotherapie für Musiker

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Musiker sind Künstler und Hochleistungssportler zugleich. In Osnabrück beschäftigt sich ein Team von Forschern mit wichtigen Fragestellungen zu dieser Gruppe von Patienten. Prof. Dr. Christoff Zalpour und Prof. Dirk Möller stellten auf dem Fachkongress pt HOLIdays zur therapie on tour in Bochum vom 28. bis 29. September 2018 verschiedene Projekte zu diesem Themenbereich vor. Hier finden Sie die die Zusammenfassungen mit Interview.

Musiker als besondere Patientengruppe für die Physiotherapie

Musiker sind ebenso sensomotorische High-Performer wie Athleten. Stetige Arbeit am künstlerischer Ausdruck, der Drang nach Perfektion und die damit verbundenen hohen physischen wie psychischen Anforderungen, prägen das Künstlerleben.

Interessanterweise steht die physiotherapeutische Versorgung von Athleten (völlig zu Recht) außer Frage, während sie für Musiker kaum zielgruppengerecht etabliert ist. Dieser Vortrag zeigt auf, wie ein solches Konzept aussehen könnte und gliedert sich dabei in drei Teile.

Erstens die Epidemiologie der Musikerbeschwerden anhand der internationalen Literatur und eigener Erhebungen, zweitens die Vorstellung der physiotherapeutischen Musikersprechstunde im INAP/O in Osnabrück (existiert seit mittlerweile elf Jahren und umfasst mehr als 600 Einzelfälle aus den Beriechen Instrument, Gesang und Tanz) und drittens die Vorstellung der bewegungsanalytischen Forschung im MotionLab der Hochschule.


Der Zusammenhang von muskulärer Aktivität, Ermüdung und Schmerz bei Musikern am Beispiel der hohen Streicher

Instrumentalisten sind zahlreichen Risikofaktoren ausgeliefert, welche zu spielbedingten Beschwerden führen können. In diesem Zusammenhang wird vor allem die muskuläre Überlastung genannt. Unterschiedliche Belastungen während des Musizierens können zu Überlastungen des neuromuskuloskelettalen Systems führen. Hohe Streicher sind auf Grund ihrer asymmetrischen Spielweise dabei besonders gefährdet. Insbesondere im Bereich der oberen Extremität kommt es dadurch zu unphysiologischen Belastungen. Die Folge kann eine Modifikation der Muskelaktivität beim Spielen sein. Das Ziel dieser klinischen Studie ist es, die Charakteristik der Muskelaktivität zwischen hohen Streichern mit und ohne spielbedingten Beschwerden sowie die Effekte einer muskulären Ermüdung  auf diese Charakteristik zu untersuchen.

Die Stichprobe dieser an der Hochschule Osnabrück durchgeführten Querschnittsstudie setzte sich aus Musikstudierenden und Orchestermusiker zusammen. Die Einteilung in Musiker mit oder ohne spielbedingte Beschwerden erfolgt durch ein validiertes Fragebogeninstrument. Die Musiker mit Beschwerden beschrieben rechte Schulterschmerzen als primäres Beschwerdebild. Alle Probanden haben dasselbe Testprotokoll durchlaufen: 1) Fragebögen ausfüllen, 2) physiotherapeutisches Screening, 3) Spielen einer chromatischen Tonleiter, 4) einstündiges Spielen eines individuell als “schwer” beurteilten Übestücks, 5) erneutes Spielen einer chromatischen Tonleiter. Primäres Outcome war die Muskelaktivität, gemessen mit der Elektromyographie (EMG). Es wurden zwei Parameter erhoben, 1) während der chromatischen Tonleiter die prozentuale Muskelaktivität in Bezug auf die jeweilige Maximalkraft sowie 2) das tiefe Frequenzspektrum während des einstündigen Spielens zur Bestimmung des Ermüdungsverhaltens der Muskulatur.

Von insgesamt 15 Musikern konnten acht in die Gruppe „ohne Beschwerden“ und sieben in die Gruppe „mit Beschwerden“ aufgeteilt werden. Es zeigten sich Unterschiede in der Charakteristik der Muskelaktivität zwischen beiden Gruppen. Sowohl die prozentuale Muskelaktivität während der Tonleiter wie auch das tiefe Frequenzspektrum während des einstündigen Spielens zeigten gruppenabhängige Veränderungen.

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit anderen Forschungsergebnissen, die auch eine Modifikation der Muskelaktivität beschreiben. Eine mögliche Erklärung dazu liegt in einer Umverteilung der Aktivität im Sinne einer Schmerz- oder Bewegungshemmung zum Schutze des neuromuskuloskelettalen Systems. Die hier angewandte EMG-Auswertungsstrategie erwies sich als geeignetes Werkzeug für eine detaillierte Analyse der Muskelaktivität und liefert Hinweise auf Unterschiede in der Muskelaktivität zwischen Musiker mit und ohne spielbedingte Beschwerden. Auf Basis der Ergebnisse könnte es möglich sein, kompensatorische oder ineffiziente Aktivitätsmuster zu identifizieren. Dieses kann dazu beitragen, gezielte Managementstrategien zu entwickeln.

Ausblick: die nächsten pt HOLIdays planen wir bereits zur therapie Leipzig vom 7. bis 9. März 2019: http://www.therapie-leipzig.de

pt online 16.11.2018


Literatur

Ackermann B, Driscoll T, Kenny DT. 2012. Musculoskeletal pain and injury in professional orchestral musicians in Australia. Med. Probl. Perform. Art. 27:181–87

Hodges PW, Tucker K. 2011. Moving differently in pain: A new theory to explain the adaptation to pain. Pain 152:S90–S98

McCrary JM, Halaki M, Ackermann BJ. 2016. Effects of Physical Symptoms on Muscle Activity Levels in Skilled Violinists. Med. Probl. Perform. Art. 31:125–31

Kok LM, Huisstede BMA, Voorn VMA, Schoones JW, Nelissen R. 2016. The occurence of musculoskeletal complaints among professional musicians: a systemativ review; Int. Arch. Occup. Environ. Health 89:373–96

Zalpour C. 2013. Musikergesundheit als Aufgabe einer spezialisierten Musikerphysiotherapie; Österreichisches Forum Arbeitsmedizin, Institut für Arbeitsmedizin der Medizinischen Uni Wien, 2/2013: 17–28

Autor 1

Christoff Zalpour

Prof. Dr. med.; Direktor des Institutes für angewandte Physiotherapie und Osteopathie, INAP/O; Studium der Humanmedizin und Diplompädagogik in Gießen, Münstern u. Stanford/USA; ärztlicher Leiter PT-Schule; seit 2003 Professor für Physiotherapie an der Hochschule Osnabrück; Direktor des Institutes für angewandte Physiotherapie und Osteopathie, INAP/O; wissenschaftlicher Leiter des INMOVE; Leiter des MotionLab; Sprecher des Binnenforschungsschwerpunktes MusikPhysioAnalysis.

c.zalpour@hs-osnabrueck.de

Autor 2

Dirk Möller

Prof. (in Verw.); Physiotherapeut; Diplom-Sportlehrer; wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Osnabrück; dort auch Professor für Physiotherapie (in Verw.); Weiterbildungen: Manuelle Therapie Maitland (OMT); Therapeutisches Klettern; Medizinische Trainingstherapie; Diplom-Brüggertherapeut; angewandte Biomechanik; interprofessionelle Lehre; IPE.

d.moeller@hs-osnabrueck.de

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