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​... und wieder locker lassen! ​

​In the year 2525 ... ein Blick in die Zukunft ​

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Foto: arthimedes / Shutterstock.com

„In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive, they may find, in the year 3535, ain’t gonna need to tell the truth, tell no lie, everything you think, do and say, is in the pill you took today …” Im Internetradio läuft ein Oldie-Stream. Ich schaue aus der 21. Etage durch große Panoramafenster auf Berlin herunter. Seit einigen Jahren bin ich der Präsident der deutschen Therapeutenkammer.

Wir Präsidenten treffen uns regelmäßig zu internationalen Zusammenkünften. Dabei gibt es weder Krawalle noch Demonstrationen. Kleine Kinder stehen mit ihren Müttern am Straßenrand und schwenken Wimpel, wenn unser Fahrradkorso an ihnen vorbeifährt, ältere Herrschaften werfen ihre (abgelegten) Unterarmgehstützen in die Luft, Rollatoren geben uns Geleitschutz. Es gibt Konfettikanonen. Die Stones, mittlerweile alle über 90, spielen „Sympathy for the Physio” exklusiv für uns: „He was around me for a long, long time, healed my back, my knees and my toes …”

An den Tagungen nehmen auch Staatschefs mit ihren Gesundheitsministern teil. Alle wollen mit uns sprechen, sich mit uns gut stellen – wir haben schließlich Einfluss. Unser letzter Coup war die Wiedereinführung von „Obama Care” nach der abgelaufenen zweiten Amtszeit von Donald Trump. Im Weißen Haus sitzt jetzt ein Physiotherapeut. Wir waren nicht ganz unschuldig daran. Aber darüber sprechen wir nicht. So etwas regelt man in informellen Gesprächen.

Aber werfen wir einen Blick zurück: Nachdem sich in den späten 2010er-Jahren die Situation der Therapeuten so verschlimmert hatte, dass fast jede zweite Praxis schloss, begann der Therapeuten- und Patientenmarsch auf Berlin. Es fing mit kleinen Demonstrationen an; bald wurde daraus eine Massenbewegung. Irgendwann wurde die Hauptstadt von Rollstuhlfahrern lahmgelegt. Nichts ging mehr – man rief die Blauhelme. Unter Aufsicht der UNO gab es eine Zusammenkunft aller therapeutischen Berufsverbände, der Bundesärztekammer und Vertretern der Krankenkassen im Bundeskanzleramt. Die Kanzlerin sprach ein Machtwort: „Erst wenn der letzte Physiotherapeut arbeitslos ist, werden wir merken, dass wir uns nicht selbst therapieren können! Ich mache die Türen erst wieder auf, wenn wir eine Lösung gefunden haben.” Nach langen, knackigen Gesprächen gingen wir gestärkt mit ordentlichen Honoraren und dem Direktzugang aus den Verhandlungen. Kurze Zeit später wurde eine Therapeutenkammer auf Bundesebene installiert und der Gemeinsame Bundesausschuss zu zwei Dritteln mit Angehörigen aus therapeutischen und Pflegeberufen besetzt. Plötzlich waren wir an der Macht!

Für heute muss ich meinen Bericht beenden, habe gleich einen Termin auf dem Golfplatz mit dem Bundesgesundheitsminister. Danach treffe ich Jon Schnee und Daenerys Targaryen. Mal schauen, was geht.

Heft 11-2017


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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