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​ ... und wieder locker lassen! ​

​Der 13. Mann ​

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Foto: antpkr / Shutterstock.com

Vier Jahre sind eine lange Zeit. Endlich ist wieder Fußballweltmeisterschaft. Endlich regiert wieder der Sport – zumindest für die Spieler. In den Gruppen A bis H treten viele junge Männer gegeneinander an, während der Rest der Welt lauter gesunde Dinge tut: Würstchen grillen, Bier trinken, auf dem Sofa sitzen, ab und zu aufstehen, jubeln, hin und wieder die Hände vors Gesicht reißen, Fähnchen schwenken, Autokorso fahren.

Ich freue mich auf das isländische Team und seine Fans. Wir wollen das „Huh!”, das wir noch von der Europameisterschaft kennen, wieder hören! Lange! Bis ins Finale gegen Deutschland! Gespannt sein kann man auch auf die russische Mannschaft. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich Wladimir Putin selbst zum Stürmer kürt und mitkickt. Und wir wünschen Arjen Robben einen schönen Urlaub!

Neulich telefonierte ich mit einem Kollegen, der eine nationale Sportmannschaft zu einem internationalen Turnier begleitet. Ich fragte ihn, wie er sich vorbereitet, und dachte dabei an ein (vielleicht noch umfassenderes) Sportprogramm, um sich fit zu halten. Er meinte, er würde vor dem Wettkampf mehr Patienten in seiner Praxis behandeln und danach auch. Diese Haltung zeigt viel: Er nimmt sich selbst nicht so wichtig, dafür aber seine Aufgaben. Und sie offenbart auch ein Dilemma: Während sich die Profis in erstklassigen Hotels bestens versorgt und entspannt auf die WM vorbereiten, schuften die meisten der betreuenden Physiotherapeuten rund um die Uhr. Sie sind morgens die Ersten und abends die Letzten. Ich gehe davon aus, dass sie es gerne machen. Und trotzdem – es wäre an der Zeit, dieses Engagement deutlicher zu würdigen. Mein Vorschlag: Nachdem es sich eingebürgert hat, das Publikum als den „zwölften Mann” zu bezeichnen, sollten wir kollektiv einführen, die Physiotherapeuten „13. Mann” zu nennen. So viel Respekt sollte sein! Und warum küssen Spieler immer ihre Tattoos und winken danach ihren Frauen oder Babys zu? Irgendwann ist das langweilig. Es wird Zeit, dass die Fußballer mal auf das genesene Knie zeigen und dann ihrem Physio winken. Gut, manche Spieler machen das schon, aber es wäre schön, wenn solche Gesten alltäglicher würden.

Man stelle sich vor, es ist der 15. Juli 2018: Im Moskauer Luschniki-Stadion steht Deutschland im Finale gegen Island. Die ganze Nation sitzt vor dem Fernseher. Unsere Jungs schlagen sich wacker. Am Ende siegen sie knapp, aber verdient 3:2. Timo Werner hat das entscheidende Tor geschossen und wird direkt nach dem Spiel vom ZDF interviewt. Er sagt: „Warten Sie mal kurz”, und holt seinen Physiotherapeuten vor die Kamera. „Ohne den hätte ich das nicht geschafft!” Deutschland jubelt! Dann bekommt der Kollege ein Trikot geschenkt, die Nummer 13. Wäre doch schön, oder?

Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Heft 6 2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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