_Evidenzbasierte Therapie

Chronische muskuloskelettale Erkrankungen: Darf die Therapie Schmerzen provozieren?

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Foto: eggeegg / shutterstock.com

Chronische Schmerzen des Bewegungsapparates sind ein relevantes gesundheitspolitisches Problem, da sie hohe Kosten bedeuten. In Großbritannien ist Schätzungen zufolge jede vierte Person betroffen; der untere Rückenschmerz ist Spitzenreiter hinsichtlich der Lebensjahre, die Betroffene in eingeschränkter Lebensqualität verbringen, noch vor Erkrankungen wie Depression, kardiovaskulären Krankheiten, Krebs oder Diabetes. Beim chronischen Schmerz spielen Faktoren wie Angst-Vermeidungsverhalten, Katastrophisierung und Kinesiophobie eine wichtige Rolle, das Nervensystem ist sensibilisiert und Emotionen können ein Schmerzerleben zusätzlich triggern. Hier erfüllt der Schmerz keine sinnvolle Warnfunktion mehr, die Schmerzempfindung ist vielmehr losgelöst von der Gefahr einer reellen oder drohenden Gewebeschädigung. Neue Trainingsprogramme empfehlen ein schmerzhaftes Training zur Normalisierung der Sensibilität und der Schmerzantwort. Wie effektiv sind diese Übungsprogramme, die ein gewisses Schmerzausmaß tolerieren oder sogar provozieren, im Vergleich zur schmerzfreien Therapie? Forscher aus Großbritannien und Dänemark sichteten die Literatur in den bekannten elektronischen Datenbanken bis Oktober 2016. Eingeschlossen wurden erwachsene Probanden mit muskuloskelettalen Schmerzen jeder Lokalisation seit mindestens drei Monaten. Zu den Ausschlusskriterien gehörten Beschwerden, die höchstwahrscheinlich nicht mit dem muskuloskelettalen System zusammenhängen, zum Beispiel Migräne, Darmerkrankungen, Brustschmerzen, Fibromyalgie oder eine Atemwegssymptomatik. Das Verzerrungsrisiko der Publikationen wurde mithilfe der Cochrane-Empfehlungen und die Qualität der Wirksamkeit mit den GRADE-Kriterien (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation) bestimmt. Die Autoren inkludierten neun Publikationen aus sieben randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 385 Patienten: Eine Studie untersuchte Probanden mit LWS-Schmerzen, drei befassten sich mit Schulterschmerzen, zwei mit Achillodynie und eine mit Plantarfasziitis. Kurzfristig (Follow-up nach drei Monaten oder früher) zeigte die schmerzhafte Übungstherapie einen signifikanten Vorteil gegenüber einem nicht schmerzhaften Training (geringe bis moderate Evidenz, GRADE). Mittel- und langfristig (nach drei bis zwölf Monaten beziehungsweise später als zwölf Monate) konnte dieser Effekt nicht beobachtet werden (geringe Evidenz, GRADE). Im Hinblick auf die Funktion und wahrgenommene Behinderung durch muskuloskelettale Schmerzen gab es zu keinem Nachbeobachtungszeitpunkt signifikante Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen. Die Autoren schlussfolgern, dass Schmerzen bei Patienten mit chronischen Beschwerden am Bewegungsapparat keine Barriere im Training darstellen sollten. Ein Erklärungsansatz für die beobachtete Schmerzlinderung ist die Freisetzung körpereigener Opioide und die Förderung der körpereigenen schmerzhemmenden Systeme. Limitationen der inkludierten Studien sind die teilweise hohen Raten von Studienabbrechern und die fehlende Blindung der Probanden. Weitere Forschung sollte folgen, um die Mechanismen der Wirksamkeit von schmerzhaftem Training genauer zu verstehen.

Quelle: Smith BE, et al. 2017. Should exercises be painful in the management of chronic musculoskeletal pain? A systematic review and meta-analysis. Br. J. Sports Med. 51, 23:1679–87 Volltext frei

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28596288

 

Heft 02-2018


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pt_Redaktion

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