_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane-Update 10 2018

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 8 / 2018 (1. bis 31. August)

.

Ein Beitrag von Cordula Braun1 und Tanja Boßmann2 

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).


PLS-Übersetzung

Hopewell S. 2018. Multifactorial and multiple component interventions for preventing falls in older people living in the community.

Link zum Abstract: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012221.pub2/full


Auf dem individuellen Sturzrisiko basierende und mehrere Komponenten umfassende Maßnahmen zur Sturzprävention für ältere, im häuslichen Umfeld lebende Menschen

Reviewfrage

Es sollte untersucht werden, ob Strategien zur Sturzprävention, die auf mehr als zwei Risikofaktoren für Stürze abzielen (multifaktorielle Maßnahmen), oder festgelegte Kombinationen von Maßnahmen (mehrere Komponenten umfassende Maßnahmen) wirksam sind zur Sturzprävention bei älteren, im häuslichen Umfeld (entweder zu Hause oder in Einrichtungen ohne regelhaftes Pflegeangebot) lebenden Menschen.

Foto: photographee.eu / shutterstock.com

Hintergrund

Mit zunehmendem Alter sind Menschen gefährdeter zu stürzen. Obwohl die meisten sturzbedingten Verletzungen geringfügig sind, können sie erhebliche Schmerzen und Beschwerden verursachen, das Selbstvertrauen der betroffenen Personen beeinträchtigen und zu einem Verlust von Selbstständigkeit führen.

Manche Stürze können schwerwiegende, lang andauernde Gesundheitsprobleme verursachen. Mit zunehmendem Alter steigert eine Kombination von Faktoren das Sturzrisiko, wie beispielsweise Muskelschwäche, Gelenksteifigkeit, Hörprobleme, Veränderungen des Sehvermögens, Nebenwirkungen von Medikamenten, Müdigkeit und Verwirrtheit. Schlechte Beleuchtung, ein rutschiger oder unebener Untergrund und schlechtes Schuhwerk können das Sturzrisiko ebenso erhöhen.

Verschiedene Maßnahmen zur Sturzprävention bei älteren Menschen sind entwickelt worden. Diese können eine einzelne Art von Maßnahme beinhalten, zum Beispiel Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, oder aus einer Kombination von Maßnahmen bestehen, zum Beispiel aus Übungen und Anpassungen der Medikation.

Eine Kombination von zwei oder mehreren Komponenten kann entweder als multifaktorielle Maßnahme durchgeführt werden, die auf der Ermittlung des individuellen Sturzrisikos eines Menschen basiert, oder als eine mehrere Komponenten umfassende Maßnahme, die für alle Teilnehmer die gleiche Kombination an Therapien umfasst.

Recherchedatum

Wir durchsuchten die Literatur nach Berichten von für diesen Review relevanten randomisierten kontrollierten Studien bis zum 12. Juni 2017.

Studienmerkmale

Wir schlossen 62  randomisierte Studien mit 19.935 älteren Teilnehmern ein. Die meisten Studien schlossen mehr Frauen als Männer ein; das Durchschnittsalter in den Studien reichte von 62 bis 85 Jahren. Die Studien verglichen die Maßnahmen mit einer inaktiven Kontrollgruppe, welche die herkömmliche Versorgung (keine Veränderung der gewöhnlichen Aktivitäten) oder ein entsprechendes Ausmaß an Aufmerksamkeit (zum Beispiel gesellige Besuche) erhielt, oder mit einer aktiven Kontrollgruppe, die ein Übungsprogramm erhielt.

Hauptergebnisse

Wir fanden 43 Studien, die multifaktorielle Maßnahmen mit einer inaktiven Kontrollmaßnahme verglichen. Im Vergleich zu den inaktiven Kontrollmaßnahmen führten multifaktorielle Maßnahmen zu einer gewissen Verminderung der Sturzhäufigkeit, jedoch war die Qualität der Evidenz (des wissenschaftlichen Belegs) aufgrund großer Unterschiede in der Durchführung der Studien niedrig.

Möglicherweise gibt es nur einen geringfügigen oder keinen Unterschied in der Anzahl der Personen, die ein- oder mehrmals stürzen, bei denen wiederholt Stürze auftreten, die sturzbedingte Knochenbrüche erleiden oder die nach einem Sturz in ein Krankenhaus eingewiesen beziehungsweise ärztlich behandelt werden müssen.

Multifaktorielle Maßnahmen bewirken möglicherweise einen geringfügigen Unterschied der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Es gab nur sehr begrenzte Evidenz zu unerwünschten Ereignissen in Zusammenhang mit der Maßnahme; alle zwölf angegebenen Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates, wie zum Beispiel Rückenschmerzen, waren geringfügig.

Wir fanden nicht genügend Evidenz für die Beurteilung der Wirkungen multifaktorieller Maßnahmen im Vergleich zu Übungen, da diese lediglich in einer kleinen Studie untersucht wurden.Wir fanden 18  Studien, welche die Wirkungen von mehrere Komponenten umfassenden Maßnahmen untersuchten.

In 17 Studien wurden die Maßnahmen mit inaktiven Kontrollmaßnahmen und in fünf Studien mit Übungen verglichen. 17 Studien kombinierten Übungen mit einer weiteren Komponente, oftmals mit einer Schulung zur Sturzprävention oder der Überprüfung der häuslichen Sicherheit. Die Evidenz zu unerwünschten Ereignissen in Zusammenhang mit der Maßnahme war begrenzt; alle sechs angegebenen Vorkommnisse waren unbedeutend.

Mehrere Komponenten umfassende Maßnahmen verringern im Vergleich zu inaktiven Kontrollmaßnahmen möglicherweise die Sturzhäufigkeit und die Anzahl der gestürzten Personen. Diese Maßnahmen verringern zudem möglicherweise die Anzahl der Personen, die wiederholt stürzen. Die Evidenz war nicht ausreichend für die Beurteilung der Wirkungen auf sturzbedingte Knochenbrüche oder Krankenhauseinweisungen.

Mehrere Komponenten umfassende Maßnahmen bewirken möglicherweise nur einen geringfügigen oder keinen Unterschied im Risiko für Stürze, die eine ärztliche Behandlung erfordern. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessern diese Maßnahmen möglicherweise jedoch geringfügig.

Studien, die mehrere Komponenten umfassende Maßnahmen mit Übungen verglichen, zeigten, dass es möglicherweise nur einen geringen oder keinen Unterschied in der Sturzhäufigkeit und der Anzahl der gestürzten Personen gibt; allerdings gab es nicht genug Evidenz zur Beurteilung der Wirkungen auf die Krankenhauseinweisungen. Andere sturzbezogene Ergebnisse wurden nicht angegeben.

Qualität der Evidenz

Wir bewerteten die Qualität der verfügbaren Evidenz als niedrig beziehungsweise sehr niedrig. Das bedeutet, dass wir in Bezug auf die Evidenz niedriger Qualität ein begrenztes Vertrauen in die Ergebnisse haben und in Bezug auf die Evidenz mit sehr niedriger Qualität unsicher sind.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkungen

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten

pt 10-2018


Autor

Teilen & Feedback