_Praxis

Das Fasziensystem

Verstehen, untersuchen und behandeln

.

Der Autor hat große Erfahrung in der Untersuchung und Behandlung des ­faszialen Systems und hat viele Verläufe dokumentiert. In diesem Artikel ­nähert er sich dem Phänomen Faszien unter Einbeziehung eines Fallbeispiels: Schmerzen nach vorderer Kreuzbandplastik.

Faszien – Definition und ­Funktion

 

In der Nomenklatur herrschte lange Un­einigkeit: Bestimmte Begriffe wurden ­synonym verwendet, wie zum Beispiel »Membranen« oder »Aponeurosen«. Im Jahr 2007 einigten sich die Forscher beim ersten internationalen Fascia Research Congress in Boston auf folgende Defini­tion: »Zu den Faszien ge­hören alle kollagenen und elastisch-faserigen Bindegewebe, insbesondere Gelenk- und Organkapseln, Muskelhüllen, Membranen, Sehnen, Bänder, Retinacula (ringförmige Haltehüllen) sowie flächige, feste Bindegewebsschichten« (1).


Bilder und Beispiele

 

Abb. 1_Der Aufbau einer Orange kann gut den Aufbau des Fasziensystems verdeutlichen. Foto: Mariusz Blach – Fotolia.com

Abb. 1_Der Aufbau einer Orange kann gut den Aufbau des Fasziensystems verdeutlichen.
Foto: Mariusz Blach – Fotolia.com

 

Um die Bedeutung der Faszien besser zu verstehen, haben sich verschiedene ­Bilder, Beispiele und Übungen bewährt. Diese können auch sehr gut eingesetzt werden, um Patienten oder Kursteilnehmer in Fortbildungen an das Thema Faszien  heranzuführen.

 

Übung mit einer Orange

Wann haben Sie das letzte Mal ganz ­bewusst eine Orange geschält? Schälen Sie mit diesem Fokus: Sie lösen die ­Schale der Orange ab (Haut) und entdecken darunter die erste weiße Schicht (Oberflächen­faszie). Wenn Sie die »Oberflächenfaszie« ablösen, kommen Sie an eine etwas dichtere Schicht (tiefe Faszie), die direkt in das weiße Gewebe übergeht, welches den Raum zwischen den Orangenschnitzen ausfüllt (Septen, Epimysium / Muskelhülle). Wenn Sie die einzelnen Schnitze öffnen, finden Sie kleine, dünn umhüllte »Minischnitze«, deren Hüllen wiederum aus demselben faserigen Material (Perimysium, Endomysium) bestehen. (Abb. 1)

Wenn Sie sich das weiße, faserige Gewebe der Orange dann noch drei­dimen­sional und wässrig-ölig wie Eiweiß nach dem Aufschlagen eines rohen Eies vorstellen, kommen Sie dem komplexen Bild im menschlichen Körper sehr nahe.

 

Beutel in Beuteln in Beuteln …

Jedes Organ hat eine Hülle: jeder Nerv, jedes Gefäß, jede Muskelzelle, jede Muskelfaser, jedes Muskelbündel und jeder Muskel. Beim Muskelgewebe und bei den inneren Organen bilden diese Hüllen Beutel, die wiederum in Beuteln stecken. Alle Beutel sind miteinander verbunden, voneinander abhängig.

Die Beziehungen der Beutel untereinander hängen von ihrer Lage, den Druckverhältnissen und der Festigkeit der Beutel ab. Es gibt festere Beutel und elastischere Beutel, Beutel, die an einer Seite stabilisiert werden und an anderen Seiten mehr Bewegung zulassen. Die Beutel trennen und verbinden, sie schützen, sie unter­teilen und bilden Kanäle für Gefäße, Nerven und so weiter.

Die kleinsten inneren Beutel geben intrinsische Bewegungen an die größeren äußeren Beutel weiter, genauso werden äußere Bewegungen bis in die kleinsten Beutelchen weitergeleitet. Alle Beutel sind so miteinander verbunden. Dennoch gibt es »Beutelverbindungen« oder »Beutelgruppen«, deren Verbindungen wahrscheinlicher oder bedeutsamer sind als andere. Aufgrund unseres Ganges auf zwei Beinen und der Einflüsse der Schwerkraft bilden sich bestimmte Beutel so aus, dass sie unsere aufrechte Körperhaltung und die Möglichkeiten zu öko­nomischen Bewegungen unterstützen. Diese komplexe Ausrichtung und Zusammenarbeit der Beutel untereinander ist in hohem Maße abhängig von der Quantität und vor allem Qualität der individuellen Bewegungen und des Bewegungsspek­trums. Struktur und Funktion bedingen sich gegenseitig. So unterscheiden sich die Beutel eines Menschen mit vorrangig sitzender Tätigkeit in Funktion und Qualität deutlich von einem Menschen, der sich variabel und vielfältig bewegt.

Nach Studien von Langevin führt »No use« zu denselben Veränderungen und Problemen im Fasziensystem wie »Over­use« (2). Langevin beschreibt, dass mechanischer Stress in Form von Trauma, Überlastung, repetitiven und gleichförmigen Bewegungen (Mausarm, Sitzen) und Immobilisation das Bindegewebe verändert, in Form von Mikroläsionen / -rupturen, Entzündungsreaktionen, Adhäsionen und Fibrosierungen. Langevins Hypo­these ist bisher nur an der Lumbalfaszie belegt.

 

Die Einkaufstüte

Strunk bietet ein weiteres sehr anschau­liches Bild an (1): Wenn wir unseren Einkauf in einer Tüte betrachten, sehen wir Produkte, die wiederum einzeln in Tüten verpackt und in größeren Verpackungseinheiten je nach Produktfamilie zusammengefasst sind. Ohne Faszien, in diesem Bild ohne Tüten und Verpackungen, wäre um die Milch kein Getränkekarton, um die Banane keine Schale und wir müssten den vermengten Einkaufsbrei in unseren Händen nach Hause tragen.

 

Das Marionettenbild

Stellen Sie sich eine Marionette wie in der Augsburger Puppenkiste vor. Der Puppenspieler hält das Kreuz, an dem die ­Fäden aufgehängt sind, und bewegt mit kleinen, fein koordinierten Bewegungen seiner Hände die einzelnen Gliedmaßen der Puppe. Je nach Fähigkeit des Puppenspielers können so die Bewegungen der Marionette elegant oder plump aussehen.

Auf den menschlichen Körper übertragen finden wir in unserem faszialen System Verbindungsstellen (Puppen­spieler mit Haltekreuz), an denen Bewegungskräfte (die Fäden) so koordiniert werden, dass eine Funktion (Bewegungen der Marionette) bestmöglich ausgeführt werden kann. Diese Verbindungen gehen funktionell deutlich über ein reines »Muskel bewegt Gelenk«-Denken hinaus. Der Puppenspieler und die Marionettenfäden symbolisieren eine hochkomplexe funktionelle Verbindung aus Faszien, Muskeln, Muskelsepten, Sehnen und Bändern. Wenn sich die Marionette nicht oder nicht koordiniert bewegt, reicht es nicht aus, ihre Gelenke auf ihre Beweglichkeit zu überprüfen, sondern die Ausrichtung der Fäden und die Hand des Puppenspielers müssen kontrolliert werden.

In unserem Fallbeispiel unten sind die faszialen Strukturen und Adhäsionen der Unterschenkelfaszien der Puppenspieler und seine Fäden. Das Kniegelenk ist die Marionette. Diese »Marionetten-Verbindungen« können Auswirkungen nach kranial oder nach kaudal, spiralförmig, nach lateral und in die Tiefe haben (Kontiguität).

 

Kollagenase

Stellen Sie sich vor, Sie würden durch das Enzym Kollagenase, welches vereinfacht ausgedrückt Kollagen auflöst, all Ihr Bindegewebe auflösen – Sie wären dann ein formloser Fleischhaufen. Deshalb sagt man, die Faszien seien »formgebend« oder man nennt sie das »Organ der Form«.

Sind bei einem Patienten Form, Struktur und Funktion aus dem Gleichgewicht geraten, sollte das »Organ der Form« im Zusammenhang mit den anderen Geweben und Strukturen des Körpers untersucht und entlastet werden.

 

Der Zügel

Wenn Sie auf einem Pferd sitzen und mit den Zügeln in der Hand das Pferd zu einer Richtungskorrektur bringen wollen, dann genügt es nicht, nur an einem Zügel zu ziehen, sondern linke und rechte Hand müssen in Stärke, Größe und Koordination der Impulse fein aufeinander abgestimmt sein.

Auf unser Fallbeispiel unten übertragen bedeutet dies, dass Spannung, Gleit­fähig­keit und Elastizität der faszialen Strukturen des Unter- und Oberschenkels zueinander in einem für genau diesen Patienten stimmigen, individuellen Gleichgewicht sein müssen.


Fallbeispiel: Knieschmerzen nach ­Kreuzbandplastik

 

Ein Patient, 45 Jahre, Arzt, kommt mit ­ziehenden Schmerzen im rechten Knie, Schmerzen bei endgradiger Knieflexion unter Gewicht (zum Beispiel Fersensitz zur Meditation) und schmerzlosen Knackgeräuschen im Knie.

Er erlitt vor einem Jahr beim Skifahren einen Riss des vorderen Kreuzbandes. Dieser wurde operativ mit einer vorderen Kreuzbandplastik (Gewebe der Semitendinosussehne) versorgt. Die nachfolgende ambulante Reha über ein halbes Jahr verlief nach Aussage des Patienten »sehr gut«. Ziele in der Reha waren die volle Wiederherstellung der Beweglichkeit im Kniegelenk sowie die funktionelle Stabi­lisierung in verschiedenen Belastungs­stufen nach Reha-Plan.

Der Patient kommt jetzt nach einem Jahr aus folgenden Gründen in die Praxis: Sein rechtes Knie fühlt sich weiterhin »unkoordiniert« an, besonders beim Trepp­abgehen; Hocke und Fersensitz lösen einen ziehenden Schmerz und Druck im Knie aus; er hat einen ziehenden Schmerz von einer der Arthroskopie-­Narben nach unten über das Schienbein.

Die Untersuchung ergibt unter anderem ein fasziales elastisches Ungleich­gewicht zwischen den medialen und lateralen Faszienketten in Anlehnung an Myers. Die laterale Faszienkette besteht in diesem Fall aus dem M. glutaeus maximus, dem M. tensor fasciae latae und ­weiterlaufend dem Tractus iliotibialis mit seinen faszialen Anheftungen an den M. vastus lateralis nach ventral und an den M. biceps femoris nach dorsal sowie aus den Faszienschichten um die Mm. peronei und den M. tibialis anterior. Die ­mediale Faszienkette bezieht die Adduktoren, die Pesanserinus-Gruppe, den M. popliteus und am Unterschenkel die Faszien von M. tibialis posterior und M. flexor digitorum longus mit ein.

Zur Behandlung gehören unter anderem punktuelle und gleitende Faszientechniken an den OP-Narben, dem Pes anserinus, an den Faszienschichten jeweils am lateralen und medialen Tibiarand und am Tractus iliotibialis. Diese Maßnahmen führen nach zwei Behandlungen zu einer deutlichen Erleichterung. Nach der dritten Behandlung fühlt sich das rechte Knie »das erste Mal so an wie das linke«, die Knackgeräusche sind verschwunden und der Fersensitz ist wieder schmerzfrei möglich.

Die ausgeführten und auf den Abbildungen 2 und 3 dargestellten faszialen Techniken folgen sanften, ressourcen­orientierten Konzepten und Vorgehensweisen (wie der sogenannten »Ortho-Bionomy«). Schmerzhafte, verklebte Zonen werden durch Annäherung (»den Zonen ein dreidimensionales Nest bauen«) oder langsame Verschiebung und Gleittechniken entlastet.

Durch dieses Beispiel wird ersichtlich, dass für eine funktionelle Rehabilitation die faszialen Verbindungen des betroffenen Gelenkes nach kranial und kaudal individuell entlastet werden müssen, um die Bewegungen und Kraftweiterleitungen zu koordinieren und zu stabilisieren.

Abb. 2_Ressourcenorientierte »Koordinaten-Narbentechnik«: Die Narbe wird in unterschiedlichen Schichttiefen schmerzfrei entlastet. Dazu nehmen wir mit langsam steigendem Druck Kontakt mit den »verklebten« und auf Druck und Verschiebung empfindlichen Zonen auf und verschieben diese in die angenehme, schmerzfreie Richtung. Zu schnelle Annäherung und Druckzunahme würde zu Abwehrreaktionen und »Sperren« der Narbe führen. Das Verschieben erfolgt in einem langsamen Tempo in allen Richtungen des Koordinatensystems und berücksichtigt das Feedback des Patienten. Wir ermitteln so die stimmige, entlastende Richtung und Position für den Patienten. Wir halten diese Position, bis eine vegetative Entlastungsreaktion eintritt: lokale Reaktion des Gewebes und globale vegetative Reaktion wie ein tiefer Atemzug, angenehmes Bauchgrummeln.

Abb. 2_Ressourcenorientierte »Koordinaten-Narbentechnik«: Die Narbe wird in unterschiedlichen Schichttiefen schmerzfrei entlastet. Dazu nehmen wir mit langsam steigendem Druck Kontakt mit den »verklebten« und auf Druck und Verschiebung empfindlichen Zonen auf und verschieben diese in die angenehme, schmerzfreie Richtung. Zu schnelle Annäherung und Druckzunahme würde zu Abwehrreaktionen und »Sperren« der Narbe führen. Das Verschieben erfolgt in einem langsamen Tempo in allen Richtungen des Koordinatensystems und berücksichtigt das Feedback des Patienten. Wir ermitteln so die stimmige, entlastende Richtung und Position für den Patienten. Wir halten diese Position, bis eine vegetative Entlastungsreaktion eintritt: lokale Reaktion des Gewebes und globale vegetative Reaktion wie ein tiefer Atemzug, angenehmes Bauchgrummeln.

 

Abb. 3_Möglichkeiten der Palpation der Faszien an der Innenkante der Tibia, die in unserem Fallbeispiel entlastet wurde. a_Behandlung der Faszien des M. flexor digitorum longus: Der Thera­peut nimmt mit dem Mittelfinger oder dem Daumen in der Tiefe Kontakt zu den schmerzhaften Zonen an der Tibia-Innenkante an den oberen zwei Dritteln der Tibia auf. Durch die Annäherung des Gewebes der beiden dorsalen Kompartimente des Unterschenkels in unterschiedlichen Vektorrichtungen finden wir die entlastende, schmerzarme bis schmerzfreie Position. Diese wird wieder bis zu einer lokalen und globalen vegetativen, parasympathischen Reaktion gehalten oder noch mit einer Koordinatenverschiebetechnik in die angenehme Richtung verbunden. b_Behandlung der Faszien des M. tibialis posterior: Kontakt an der Innenkante der Tibia im unteren Drittel. Zur Entlastung wird der Fuß in Inversion eingestellt und eventuell mit einer Koordinatentechnik in die angenehme, schmerzfreie Richtung ergänzt.

Abb. 3_Möglichkeiten der Palpation der Faszien an der Innenkante der Tibia, die in unserem Fallbeispiel entlastet wurde.
a_Behandlung der Faszien des M. flexor digitorum longus: Der Thera­peut nimmt mit dem Mittelfinger oder dem Daumen in der Tiefe Kontakt zu den schmerzhaften Zonen an der Tibia-Innenkante an den oberen zwei Dritteln der Tibia auf. Durch die Annäherung des Gewebes der beiden dorsalen Kompartimente des Unterschenkels in unterschiedlichen Vektorrichtungen finden wir die entlastende, schmerzarme bis schmerzfreie Position. Diese wird wieder bis zu einer lokalen und globalen vegetativen, parasympathischen Reaktion gehalten oder noch mit einer Koordinatenverschiebetechnik in die angenehme Richtung verbunden.
b_Behandlung der Faszien des M. tibialis posterior: Kontakt an der Innenkante der Tibia im unteren Drittel. Zur Entlastung wird der Fuß in Inversion eingestellt und eventuell mit einer Koordinatentechnik in die angenehme, schmerzfreie Richtung ergänzt.

 

 

GLOSSAR
Kontiguität 
Der Begriff bezieht sich nach Stark »auf das Überlappen von Gewebsschichten von innen nach außen (von tief nach oberflächlich) oder umgekehrt«. Im Gegensatz dazu beschreibt der be­kann­tere Begriff der Kontinuität eine longitudinale Verbindung von Gewebe von zentral nach peripher (3).

 

ANMERKUNG
Abbildungen 2 und 3 von Stefan Andrecht

 

Heftnummer: 6-2015


Literatur

  1. Strunk A. 2013. Fasziale Osteopathie. ­Stuttgart: Karl F. Haug Verlag
  2. Langevin HM. 2007. Medical hypothesis: ­Pathophysiological model for chronic low back pain integrating connective tissue and nervous ­system mechanisms. In Fascia Research I – Basic ­Science and Implications for Conventional and Complementary Health Care, ed. TW Findley, R Schleip. München: Urban & Fischer
  3. Stark J. 2013. Abseits ausgetretener Pfade. Ein neuer Blick auf die Faszie. DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 4:15–9

Autor

Stefan Andrecht

Physiotherapeut, Heilpraktiker für Physiotherapie, Diplom-Therapeut und Lehrer Ortho-Bionomy; selbstständig in Privatpraxis seit 2005; Lehr­tätigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz für Ortho-Bionomy, ­Faszien, Stressbewältigung und Bewegung.

StefSMT@web.de

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