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Denkfabrik Physiotherapie

Im Gespräch mit Thomas Etzmuß

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Der gedankliche Austausch ist ein wichtiges Instrument in der Demokratie. Neue Ideen und Lösungen werden häufig in einem offenen Diskurs gefunden. Welche Veränderungen sind nötig, damit wir als Profession zukunftsfähig bleiben? Was hat sich bewährt und sollte erhalten werden? Wir möchten mit diesem Format einen Raum für neue Impulse geben.

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Foto: Apple’s Eyes Studio / shutterstock.com

Thomas, warum bist du Therapeut geworden?

Es erfüllt mich mit Freude, Menschen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen und ihnen die Chance zu geben, wieder unbeschwert am Alltag teilnehmen zu können.

Bist du (berufs-)politisch aktiv? Engagierst du dich irgendwo?

Ja, ich engagiere mich bei der interdisziplinären Interessenvertretung “Vereinte Therapeuten”. Aufgrund der Aufstellung innerhalb des Teams bietet sich dort die gute Möglichkeit, gemeinsame Probleme anzugehen, die alle Therapeuten gleichermaßen betreffen, Forderungen aufzustellen und die damit verbundenen Lösungsansätze gegenüber Politik und Vertragspartner (GKV) zu vertreten.

Hierzu gehören selbstverständlich öffentlich wirksame Aktionen wie Demonstrationen genauso wie konstruktive Gespräche mit den entsprechenden Entscheidern. Gerade bei größeren Aktionen ist es immer wieder eindrucksvoll zu sehen, wie verschiedene Verbände aus dem Heilmittelbereich verbandsübergreifend gemeinsam an einem Strang ziehen.

Erst einmal ganz allgemein: Wie empfindest du das momentane gesellschaftliche Klima?

Insgesamt empfinde ich das gesellschaftliche Klima derzeit als allgemein angespannt. Den Menschen fehlt es an Sicherheit hinsichtlich der Planung von beispielsweise Familie, Beruf und anderen Lebensbereichen. Was wir alle wieder brauchen, ist eine beständige Politik, bei der die Menschen zumindest die kommenden zehn Jahre Stabilität erfahren, um besser planen zu können.

Und wie nimmst du die Stimmung innerhalb der Physiotherapie wahr?

Sie schwankt zwischen Resignation und Aufbruchsstimmung. Letzteres gilt es zu fördern und zu nutzen, um die Probleme im Heilmittelbereich noch mehr an die Öffentlichkeit und Politik heranzutragen. Hier ist jeder Einzelne gefragt, sich mit seinen Möglichkeiten einzubringen: sei es als Mitglied innerhalb eines Verbandes oder durch die aktive Teilnahme an Aktionen oder aber auch dadurch, eigene Aktionen außerhalb der Verbände ins Leben zu rufen. Ich halte es da mit Bertolt Brecht: “Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”

Ich gebe dir einige Stichworte. Was denkst du über …

… Direktzugang (DA) und / oder Blankoverordnung (BV)?

Die BV kann eine Möglichkeit darstellen. Diese sollte im Wesentlichen dann aber nur Patientendaten und ICD-10-Code enthalten, alles Weitere sollte sich aus dem Heilmittelkatalog ergeben (zulässige Heilmittel; Einführung einer Verordnungsgültigkeitsdauer, eventuell unter Angaben von Gründen auch eine Erweiterungsdauer statt einer unflexiblen Vorgabe von Behandlungsbeginn und -frequenz; zeitliche Therapiemindest- und -höchstdauer, mögliche Therapieziele). Eine Einflussnahme durch den behandelnden Arzt muss natürlich jederzeit möglich sein.

Auf der anderen Seite bietet sich die Möglichkeit des DA an. Die Qualitätssicherung für einen solchen DA sollte dann durch die Anpassung der Ausbildung beziehungsweise durch den Nachweis spezieller Fortbildungen im Bereich Diagnostik / Screening erfolgen.

Als Voraussetzungen für eine Direktzugangspraxis werden von Vereinte Therapeuten ein Nachweis von praktischen Berufsjahren durch den Inhaber beziehungsweise durch die fachliche Leitung und eine entsprechende Qualifizierung empfohlen.

Unabhängig von DA oder BV sehe ich jedoch eine Reformierung der Ausbildung und der damit verbundenen Ausbildungsrichtlinien als längst überfällig an. Diese müssten bundeseinheitlich geregelt sein. Das bedeutet: Die Ausbildungscurricula müssen an die aktuellen Anforderungen der Berufe angepasst werden und insbesondere dem Schwerpunkt in der ambulanten Versorgung entsprechen.

Hierzu ist es zwingend erforderlich, zeitgemäße Inhalte in die Ausbildung zu integrieren und die teuren Zertifikate, die derzeit nach der Ausbildung erworben werden müssen, abzuschaffen. Auch im Hinblick auf die neu zu erprobenden Zugangswege (BV oder DA) ist dieser Schritt notwendig, um ein einheitliches Versorgungsniveau zu gewährleisten und den Weg für transparente und einheitliche Minutenpreise in der Vergütung zu ebnen. Als Abrechnungspositionen sollte es zudem nur noch zwei Positionen geben: Physikalische Therapie und Physiotherapie.

… die Idee einer Therapeutenkammer?

Ich persönlich stehe einer Therapeutenkammer eher kritisch gegenüber. Hier kommt es insbesondere auf die Struktur und die personelle Besetzung einer solchen Kammer an. Ich sehe die Handlungsmöglichkeiten einer Kammer als relativ gering an. Sie kann keine (Gehalts-)Verhandlungen führen. Und die aktuellen Probleme würden durch eine solche Kammer nicht gelöst werden.

… die Akademisierung von Physiotherapeuten?

Die Akademisierung der Heilmittelberufe sollte langfristig das Ziel der Bemühungen um eine Professionalisierung sein. Hier gilt es zunächst die vom Wissenschaftsrat geforderte Quote von zehn bis 20 Prozent zu erreichen. Langfristig kann nur eine Vollakademisierung den Anschluss an internationale Entwicklungen sicherstellen. Hierzu muss eine praktikable Nachqualifizierung von fachschulisch ausgebildeten Heilmittelerbringern angeboten werden.

… interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Diese Zusammenarbeit erlebe ich nicht nur in meinem beruflichen Alltag und empfinde sie als sehr positiv, sondern gerade auch innerhalb von Vereinte Therapeuten. Hierdurch sind die Wege sehr kurz, um schnell Probleme gemeinsam zu besprechen und gemeinsame Lösungen zu finden.

Worüber sollte offen gesprochen werden?

Wir sollten mehr über den Tellerrand hinausschauen. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten mit allen anderen therapeutischen Berufen im Heilmittelbereich, aber auch mit anderen Disziplinen.

Wir sollten mehr Solidarität untereinander pflegen. Wir müssen weg von den Neiddebatten, hin zu einem “Wir”, gemeinsame Interessen herausfinden und dann zusammen agieren.

Wagst du mit uns einen Blick in die Zukunft? Wie sieht die deutsche Physiotherapie in 20 Jahren aus?

Wenn die derzeit negativen Rahmenbedingungen wie folgt verändert würden: vor allem eine bessere Vergütung seitens des Vertragspartners (GKV), eine Ausbildungsreform, in der teure Zertifikate nach Abschluss der Ausbildung der Vergangenheit angehören. Wenn die Schulgeldfreiheit umgesetzt wird und eine Ausbildungsvergütung geschaffen wird, dann blicke ich in eine positive Zukunft: für Therapeuten und damit auch für Patienten.

Der aktuell vorgestellte Gesetzesentwurf des Bundesgesundheitsministers ist ein Schritt in die richtige Richtung, greift mir aber nicht tief genug und enthält wesentliche Punkte nicht. Bedeutet: Die beabsichtigten Maßnahmen reichen bei Weitem nicht aus, um die Zukunft für Therapeuten im Heilmittelbereich und die Versorgung von Patienten zu sichern.

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

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Gesprächspartner Thomas Etzmuß
​Logopäde seit 2001; hat vorher im Bereich der Psychologie gearbeitet; 2014 Gründungsmitglied von Vereinte Therapeuten (ehemals Bund Vereinter Therapeuten e. V.); seit 2003 in eigener Praxis in Tönisvorst tätig. Kontakt: t.etzmuss@vereinte-therapeuten.de

 

pt-Interview
Thomas Etzmuß im Gespräch – auch zu finden auf unserem YouTube-Kanal:

youtu.be/SOETurS_B0U

 

Heft 02-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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