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Endlich Asche!

Betrieblich-schulische Physiotherapie-Azubis bekommen eine Vergütung

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Da soll noch jemand sagen, dass sich Protest nicht lohnt! Wenn Branchenfremde hören, dass es in der Physiotherapie bisher keine Ausbildungsvergütung gab, führt das fast immer zu Unverständnis und Kopfschütteln. Einer von zahlreichen und schon viel zu lange bestehenden Missständen in den Gesundheitsberufen wird jetzt endlich korrigiert – geht doch! Eine junge Kollegin hat dabei kräftig mitgeholfen.

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Foto: stockphoto-graf / shutterstock.com

Liebe Nina, du hast mit #unbezahlt dafür gekämpft, dass betrieblich-schulische Auszubildende in der Physiotherapie eine Vergütung bekommen. Und Ihr hattet Erfolg! Wie kam es dazu?

Es war ein langer Weg für uns, den ich während meiner dreijährigen Ausbildung maßgeblich mitgestalten konnte. Angefangen hat alles mit der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), die sich am Uniklinikum Essen nach den Physio-Azubis informierte. Bei einem Gespräch berichteten wir, dass wir kein Gehalt während unserer Ausbildung bekommen. Das fand die JAV, die hauptsächlich aus Pflegenden bestand, sehr komisch – und so nahm alles seinen Lauf.

Die JAV am Uniklinikum wandte sich zunächst an die Gewerkschaft ver.di, und diese thematisierte dann die fehlende Vergütung. Zusammen mit uns Azubis wurde dann die weitere Vorgehensweise besprochen. Schon von Anfang an kann man in der Gewerkschaft als Mitglied sehr viel mitentscheiden und diskutieren, das finde ich besonders spannend und zielführend.

Wie ging es weiter?

Zunächst kam das Thema in Gremien auf den Tisch und wurde diskutiert. Nach zwei Jahren kam es schließlich in die Tarifverhandlungen. Es dauerte einige Verhandlungsrunden und oft argumentierte die Arbeitgeberseite schleierhaft. Es folgte ein Treffen mit dem Bundesgesundheitsministerium (BMG), bei dem die Bedeutung des Paragrafen 17 des Krankenhausfinanzierungsgesetzes geklärt wurde (auf dieses Gesetz hatten wir uns in den Verhandlungen bezogen). Ver.di hatte Recht: Er sagte aus, dass die Vergütung von den Krankenkassen refinanziert werden muss. So arbeiteten wir uns langsam voran. Wir haben nicht aufgegeben, diskutiert und verhandelt – bis zum gewünschten Ergebnis (1–3).

Zwar bekommen wir jetzt nicht 100 Prozent der Vergütung der Pflege-Azubis (höchste Ausbildungsvergütung), aber 91 bis 92 Prozent!

Und bald stehen wieder Tarifverhandlungen an; und da die Azubis jetzt einen Tarifvertrag haben, haben sie auch eine Vertretung, eine Stimme in diesen Verhandlungen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber den letzten Jahrzehnten!

Wer wird jetzt ab wann wie viel bekommen?

Es besteht eine Einigung darüber, dass ab Januar 2019 alle Auszubildenden an kommunalen Schulen oder Unikliniken 965 bis 1.122 Euro im Monat bekommen (weitere Verhandlungsergebnisse: siehe Kasten).

Wer bekommt was?
Es besteht eine Einigung darüber, dass ab Januar 2019 alle Auszubildenden an kommunalen Schulen und Universitätskliniken Folgendes bekommen:

  • Ausbildungsvergütung von 965 (erstes Ausbildungsjahr) bis 1.122 Euro (drittes Ausbildungsjahr) im Monat
  • Anspruch auf 29 / 30 Urlaubstage im Jahr (kommunale Krankenhäuser / Unikliniken)
  • bis zu fünf Tage Freistellung für Prüfungsvorbereitungen
  • 400 Euro Prämie bei erfolgreich abgeschlossener Ausbildung
  • Anspruch auf Übernahme für mindestens zwölf Monate, bei bedarfsgerechter Ausbildung
  • Ausbildungszeit von wöchentlich 38,5 Stunden (West), 39 Stunden (Baden-Württemberg) beziehungsweise 40 Stunden (Ost)
  • Jahressonderzahlung in Höhe von 95 Prozent der Ausbildungsvergütung (West), 85,5 Prozent (Ost)

(Nach: Tarifinfo ver.di von Oktober 2018)

Wie geht es dir mit diesem Ergebnis?

Ich bin sehr stolz, dass wir die Einigung auf diesen Tarifvertrag erreichen konnten! Durch die Gewerkschaft hatten wir ein Organ, jemanden, der die Strukturen, Erfahrungen und Ressourcen hat; und durch die Azubis hatten wir eine große Masse an Jugendlichen, die etwas bewegen wollten.

Haben Physiotherapeuten die Gewerkschaften zu wenig auf dem Schirm?

Ich denke, das Ergebnis zeigt, wie sinnvoll eine gewerkschaftliche Organisation für uns sein kann. Besonders, weil andere politische Strukturen, von denen es in den Therapieberufen einige gibt, kein so schnelles und historisches Ergebnis hervorgebracht haben. Auch wenn jemand mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist: Jeder kann sich einbringen und so die Berufspolitik beeinflussen. Einmischen und mitmischen lohnt sich!

Hat #unbezahlt jetzt seine Aufgabe erfüllt oder habt ihr weitere Ziele, die ihr erreichen wollt?

#unbezahlt hat sein Ziel erreicht. Grundsätzlich werden die aktiven Mitglieder sicherlich am Ball bleiben. Gerade in der Physiotherapie gibt es viel zu tun! #unbezahlt wurde von ver.di-Mitgliedern in die Welt gerufen und ich bin mir sicher, nach diesem Erfolg werden wir auch weiter mit ver.di zusammen die nächsten Projekte in Angriff nehmen.

Es passiert gerade viel in der physiotherapeutischen Berufspolitik. Wie beurteilst du das Eckpunktepapier von Jens Spahn?

Es wird viel um Dinge diskutiert, die längst überfällig sind und selbstverständlich sein sollten.

Du bist jetzt fertig mit deiner Ausbildung zur Physiotherapeutin. Wie geht es bei dir persönlich weiter?

Ich fange in einer Physiotherapiepraxis an. Da freue ich mich drauf, bin aber auch sehr gespannt, denn bis jetzt war ich hauptsächlich im Uniklinikum eingesetzt, und das wird sicherlich ein anderes Arbeiten. Nebenberuflich studiere ich weiterhin Health Care Studies an der Hamburger Fernhochschule. Persönlich möchte ich weiterhin berufspolitisch mitgestalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

 

Gesprächspartnerin Nina Rüter

Foto: ALPHA FOTOSTUDIO

Seit 2018 Physiotherapeutin; Studentin des Hochschulstudienganges Health Care Studies; war Mitglied der Verhandlungsspitze für die Verhandlungen über die Einbeziehung der betrieblich-schulischen Gesundheitsberufe in die Tarifverträge für die Auszubildenden der Länder; aktives ver.di-Mitglied. Kontakt: nina@alphafoto.de

Heft 01-2019


Literatur

1. Rüter N. 2017. Nur Luft und Liebe reicht nicht – ein Protokoll. Wie Physiotherapieschüler für eine Vergütung kämpfen. Z. f. Physiotherapeuten 69, 7:14–5

2. Rüter N. 2018. Das Ringen um Anerkennung. Betrieblich-schulische Azubis kämpfen um eine Vergütung. Z. f. Physiotherapeuten 70, 2:16–7

3. Stanko J. 2018. Denkfabrik Physiotherapie. Im Gespräch mit Nina Rüter. Z. f. Physiotherapeuten 70, 6:16–9

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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