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... und wieder locker lassen!

Die Partizipationsebene

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Grafik: Dim Tik / shutterstock.com

Das Telefon riss mich aus dem Büroschlaf. Eine Berliner Nummer. Ich nahm ab und flötete meinen Namen. Am anderen Ende war das Bundesgesundheitsministerium. Leider nicht der Minister, aber eine nette Dame aus seiner Presseabteilung. Man habe meine E-Mails gelesen und die vielen Fragen, die mich beschäftigen würden, deshalb wolle man mich zumindest mal zurückrufen, auch wenn man meine Fragen gerade nicht beantworten könne. „Sie wissen ja, die Regierungsbildung …”

„Ja, ja, hat lange gedauert!”
„Und der Neue …”
„Muss sich erst mal einarbeiten, ist doch selbstverständlich.”

So kamen wir ins Plaudern. „Doch, doch, das kenne ich gut. Meine Frau und ich, wir brauchen bei bestimmten Fragen auch schon mal ein halbes Jahr, bis wir uns einigen.” Urlaubsziele seien ganz schwer, oder die Anschaffung einer neuen Wohnzimmercouch. Oder die Frage: Netflix oder Amazon Prime? Das will, das muss erörtert werden. „Bei dem ganzen Für und Wider, da ist man schon mal kurz davor, die Ehe-Koalition hinzuschmeißen.” Man habe in Berlin mein volles Verständnis. „Aber es wäre schön, wenn wir doch irgendwann mal über den Gemeinsamen Bundesausschuss reden könnten.” Man versicherte mir, man behalte mich im Hinterkopf (ich hörte „Auge”, aber das konnte unmöglich sein). Ich könne die Fragen an den neuen Minister auch ruhig schon mal schicken, einfach eine neue E-Mail …

Lieber und sehr geehrter Herr Minister,

ich schreibe Ihnen im Namen meiner vielen Kolleginnen und Kollegen, die hier draußen einen verantwortungsvollen Job machen. Vielleicht ist das neu für Sie, aber Sie sollten wissen, dass Physiotherapeuten nicht unbedingt zu den Großverdienern gehören. Eher zu den Kleinverdienern. Sie schuften Tag für Tag für die Gesundheit anderer und haben viel Ärger mit den Rezepten (man nennt die auch „Heilmittelverordnungen”), die von Ärzten ausgestellt werden müssen. Besser wäre, wenn wir Rezepte selbst ausstellen könnten. Und wenn wir in der Therapie auch selbst entscheiden könnten, was wir mit unseren Patienten machen, das wäre super!

Und dann gibt es da noch eine große Runde von Menschen, die immer über unsere Köpfe hinweg entscheiden, das ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Dieses Wort ist irreführend, weil „gemeinsam” ja heißt: alle zusammen. Im G-BA sind zwar viele zusammen, aber wir Therapeuten nicht, obwohl dort ständig über unsere Belange gesprochen wird. Das wäre so, als würde Ihnen dauernd jemand sagen, was Sie als Minister machen sollen. Das wäre doof, oder? Also, hier meine Frage: Was werden Sie für uns Physiotherapeuten tun? Denn es gibt schon ganz viele, die unseren schönen und hilfreichen Beruf gar nicht mehr machen wollen …

Mit ganz lieben Grüßen

Ihr Jörg Stanko

 

Heft 05-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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