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... und wieder locker lassen!

Das Castingshow-Prinzip

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Grafik: Victoruler / shutterstock.com

Heute bin ich mal Staatsbürger. Sind wir ja alle. Immer. Aber vielleicht ist es an der Zeit, sich dieser Tatsache und auch dieser Verantwortung wieder bewusst zu werden. Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, der Text wird noch glossenhaft – aber zunächst ist er staatstragend. Ein schönes Wort übrigens. Wie ist man, wie bleibt man „staats-tragend“? Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff ja eher benutzt, wenn jemand zu dick aufträgt oder sich pathetischer ausdrückt, als es sein müsste. Aber staatstragend ist auch, wer unsere demokratische Grundordnung stützt. In Artikel 20 unseres Grundgesetzes heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.“

Jetzt denkt sich womöglich der ein oder andere Mitbürger, der vielleicht auch mal zufällig Minister ist: „Ach, Abstimmungen, ja, die könnte ich auch mal nutzen.“ Täglich sieht man im Fernsehen Abstimmungen darüber, wer ein Supertalent hat, ein Superstar oder Topmodel ist oder gar eine Voice of Germany besitzt. Da kann man schon mal durcheinanderkommen, die Verwechslung zwischen Bundestag und Privatsenderbühne ist schnell passiert. Mir auch schon: Ich habe bei der letzten Bundestagswahl die Nummer der Hotline gesucht, bei der ich meine Stimme für die von mir bevorzugte Partei abgeben kann – das ging aber gar nicht. Ich musste in ein Wahllokal gehen. Echt altmodisch. Auch kam die Elefantenrunde tatsächlich ohne Ober-Topmodel aus. Niemand sagte zu Martin Schulz: „Sorry Martin, wir haben heute kein Foto für dich.“

Was soll man nun denken, wenn ein Minister ruft: „Hey (Physio-)Volk, lasst uns doch einfach mal was Neues machen! Schickt mir eure Bewerbungsvideos und lasst diese Videos liken; ich schaue, welche der am häufigsten gelikten Filme mir am besten gefallen, und deren Macher lade ich dann zu Gesprächen ein.“ Klingt jetzt nicht so unbedingt nach Grundgesetz.

Aber mal weitergedacht, birgt dieses Prinzip auch vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Beim Fachkräftemangel beispielsweise. Man könnte potenzielle Hausbesuchspatienten um Bewerbungsvideos bitten: Schildert uns eingängig und unterhaltsam euer Leid, nicht zu lang, aber aussagekräftig. Entschieden wird nicht nach Dringlichkeit, sondern nach Instagram-Tauglichkeit. Wer hat die schönste Hemiplegie? Wer das beste Schmerzsyndrom? Oder eine hübsche Amputation, ein beeindruckendes Schädel-Hirn-Trauma? Bewerbt euch … die Therapieplätze sind rar und ohne Likes habt ihr keine Chance … schickt uns Videos … bewerbt euch, bewerbt euch!

Hey, ich habe gerade Likes von George Orwell und Aldous Huxley bekommen. Und ganz viele ehemalige Topmodels schicken mir Freundschaftsanfragen. Läuft! Also, Leute, bleibt staatstragend! Ich muss jetzt noch ein Video drehen, das Weiße Haus sucht einen neuen Berater.

Buchtipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

 

 

Heft 10-2018

 


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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