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Vestibuläre Migräne

Schwindel mit Migräne

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Eine Patientin leidet unter Schwindel; auf die Attacken folgt Migräne. Sie hat schon verschiedene Medikamente probiert, jedoch noch keine wirksame Therapie gefunden. Da Kopfbewegungen den Schwindel provozieren können, meidet sie diese weitgehend. Ist Physiotherapie in dem Fall sinnvoll? Ja – wenn die optimale Medikation erreicht ist, können ein vestibuläres Training und HWS-Therapie kombiniert werden.

Migräne und Schwindel

Foto: Image Point Fr / Shutterstock.com

Migräne und Schwindel gehören mit etwa 4,7 Prozent aller Arztbesuche zu den häufigsten Gründen für den Gang in die Praxis (1). Die Koexistenz von Migräne und Schwindel ist ebenfalls ein bekanntes Phänomen – die Prävalenz liegt bei einem Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung (2), das entspricht etwa 800.000 Betroffenen. Dadurch wird deutlich: Die vestibuläre Migräne ist keine Seltenheit. Dennoch ist sie eine „junge“ Erkrankung, die in den 1980er-Jahren zum ersten Mal in der neurologischen Forschung erwähnt wurde (3), sodass sie sich erst in den letzten Jahrzehnten langsam in der Neurologie verbreitete. Ei- ne amerikanische Studie zeigt, dass selbst heutzutage lediglich 20 Prozent der Betroffenen die richtige Diagnose erhalten (4).

  • Bei 32 Prozent der Patienten in einer Schwindelambulanz wurde auch eine Migräne diagnostiziert (5).
  • 50 Prozent der Morbus-Menière-Erkrankten leiden außerdem unter Migräne (6).
  • Migräne kommt bei Menschen mit benignem paroxysmalen Lagerungsschwindel dreimal häufiger vor als in der Gesamtbevölkerung (7).
  • 26,5 Prozent der Patienten mit Migräne gaben Schwindel als Symptom an, 50 Prozent litten neben Migräne auch an der Reisekrankheit (3).

 

Der amerikanische Schwindel-Experte Dr. Timothy Hain erklärt die möglichen Zusammenhänge anhand von vier Theorien (8):

  • Bei Migräne kann es zu Spasmen der Blutgefäße kommen. Wenn dies die Blutgefäße im Innenohr oder im Hirnstamm betrifft, kann Schwindel auftreten.
  • Migräne kann Veränderungen des Neurotransmitterspiegels bewirken, insbesondere von Serotonin. Serotonin-Rezeptoren kommen sowohl im peripheren als auch im zentralen vestibulären System vor (9).
  • Bei Migräne kann es zu Veränderungen des Metabolismus im Kleinhirn kommen, dies kann zerebelläre Störungen verursachen. Genau wie beim Hirnstamm kann auch eine Störung im Kleinhirn Schwindel auslösen.
  • Bei Menschen mit Migräne ist die Toleranz aller Sinne sehr niedrig, was die Licht- und Lärmempfindlichkeit erklären könnte. Geht man davon aus, dass bei Migräne auch die Toleranzschwelle für den Gleichgewichtssinn niedriger ist, dann ist es verständlich, dass die kleinsten vestibulären Reize (zum Beispiel eine Schiffsreise) schon zu extremen Reaktionen (Schwindel) führen können.

 

Symptomatik

Obermann et al. (11) beschreiben die Symptome der vestibulären Migräne wie folgt: Die Betroffenen leiden häufig unter einem Dreh- oder Schwankschwindel. Oft handelt es sich um einen spontan auftretenden Drehschwindel, der während der Attacke in einen Schwankschwindel mit Gleichgewichtsproblemen oder in einen lageabhängigen Schwindel übergeht. Rasche Kopfbewegungen oder sich schnell bewegende visuelle Objekte können sowohl die Kopfschmerzen als auch den Schwindel provozieren und verschlimmern. Die Dauer der Attacke ist variabel und kann von Minuten bis hin zu Stunden oder sogar Tagen reichen. Der Schwindel kann vor, nach oder während der Migräneattacke auftreten.

 

Diagnosekriterien

Angeführt von Prof. Dr. Thomas Lempert formulierte die Bárány Society in Zusammenarbeit mit der International Headache Society im Jahr 2012 Diagnosekriterien für die vestibuläre Migräne (10) (Tab. 1).

Bei direktem Vergleich wird deutlich, dass die Kriterien für normale und vestibuläre Migräne teilweise übereinstimmen, vestibuläre Symptome jedoch ausschlaggebend für die Differenzierung sind. Zu den typischen vestibulären Symptomen zählen Dreh- und Schwankschwindel, lageabhängiger Schwindel, visuell induzierter Schwindel und kopfbewegungsinduzierter Schwindel (11).

Angesichts der zuvor erwähnten Studie, laut der lediglich 20 Prozent der Betroffenen die richtige Diagnose erhalten, ist bei Verdacht auf vestibuläre Migräne die Vorstellung in einer Schwindelambulanz ratsam. Verschiedene Portale, wie etwa die Vereinigung für Morbus-Menière-Erkrankte KIMM e. V. oder das Institut für vestibuläre Rehabilitation (IVRT), listen auf ihren Websites die Adressen von Kliniken mit Spezialisierung auf vestibuläre Erkrankungen.

 

Behandlung

Zunächst wird empfohlen, dass Betroffene Trigger von Migräne vermeiden; damit konnte einem Drittel der Patienten geholfen werden (8). Die amerikanische Vestibular Disorders Association rät dazu, folgende “Diät-Trigger” zu meiden (12):

  • alter oder gereifter Käse (zum Beispiel Emmentaler, Brie, Gouda, Parmesan, Feta, Camembert)
  • Nahrung mit hohem Anteil an Glutamat, auch als MSG bekannt (zum Beispiel asiatische Küche)
  • geräuchertes oder verarbeitetes Fleisch (zum Beispiel Speck, Wurst, Schinken, Salami, eingelegter Hering, Hühnerleber)
  • mit Sojasoße oder Essig (ausgenommen weißer Essig) zubereitetes Essen sowie fermentierte, eingelegte oder marinierte Lebensmittel
  • Erbsenschoten und Schoten von dicken Bohnen (zum Beispiel Limabohnen)
  • Zwiebeln, Oliven und Essiggurken
  • Alkohol (besonders Rotwein, Sherry, Whisky, Gin)
  • Sauerrahm, Joghurt und Buttermilch
  • Hefebrot und –gebäck
  • übermäßige Mengen Aspartam (künstlicher Süßstoff)
  • Schokolade, Kakao
  • Nüsse, Erdnussbutter
  • bestimmte Früchte (zum Beispiel Feige, Avocado, Rosinen, rote Pflaumen, Maracuja, Papaya, Banane und Zitrusfrüchte)
  • übermäßige Mengen Tee, Kaffee oder Cola

 

Als weitere Trigger gelten hormonelle Schwankungen, barometrische Luftdruckschwankungen, Schlafstörungen, Stress und Medikamente. Neben der Vermeidung von Triggern hat sich die Kombination aus medikamentöser Behandlung und vestibulärer Rehabilitation als effektive Therapie bewährt (12).

 

Medikamentöse Behandlung

Für akute Attacken werden Triptane und als Prophylaxe Betablocker (wie etwa Metoprolol oder Bisoprolol) und Kalziumkanalblocker (wie etwa Flunarizin) empfohlen (11). Falls diese Medikamente nicht helfen, können auch Antikonvulsiva (Antiepileptika) und trizyklische Antidepressiva (zum Beispiel Amitriptylin) als Prophylaxe eingenommen werden (11).

Vestibuläre Rehabilitation

Die Therapie sollte erst beginnen, nachdem die medikamentöse Therapie eingeleitet wurde (12). Bei vestibulärer Migräne sollten die Übungen vorsichtig und mit einem niedrigen Schwierigkeitsgrad begonnen werden, damit sie die Migräne am Anfang der Therapie nicht triggern. Es ist empfehlenswert, die Übungen zunächst mit niedrigem Tempo auszuführen und dieses dann stetig zu steigern (12). Um das Tempo als Richtwert zu nutzen, kann ein Metronom verwendet werden.

Ein zusätzliches Ausdauertraining sowie eine Mobilisation der hohen zervikalen Segmente und Dehnung der Nackenmuskulatur werden ebenfalls empfohlen, falls Bewegungseinschränkungen oder ein Zervikalsyndrom festgestellt wurden (12). Denn wie bei vielen anderen vestibulären Erkrankungen können die Symptome durch Kopfbewegungen provoziert werden, weshalb die Betroffenen versuchen, diese möglichst zu vermeiden. Dadurch kann es zu Bewegungseinschränkungen und Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule kommen, die wiederum Kopfschmerzen verursachen können (13).

Heft 10-2017

Literatur

1) Grobe TG, Steinmann S, Szecsenyi J. 2017. BARMER Arztreport 2017. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 1. Berlin: BARMER

2) Neuhauser HK, Radtke A, von Brevern M, Feldmann M, Lezius F, et al. 2006. Migrainous vertigo: prevalence and impact on quality of life. Neurology 67:1028–33

3) Kayan A, Hood JD. 1984. Neuro-otological manifestations of migraine. Brain 107, 4:1123–42

4) Millen SJ, Schnurr CM, Schnurr BB. 2011. Vestibular migraine: perspectives of otology versus neurology. Otol. Neurotol. 32:330–7

5) Savundra PA, Carroll JD, Davies RA, Luxon LM. 1997. Migraine-associated vertigo. Cephalalgia 17:487, 505–10

6) Radtke A, Lempert T, Gresty MA, Brookes GB, Bronstein AM, et al. 2002. Migraine and Meniere’s disease: is there a link? Neurology 59:1700–4

7) Uneri A. 2004. Migraine and benign paroxysmal positional vertigo: an outcome study of 476 patients. Ear Nose Throat J. 83:814–5

8) Hain TC. 2016. Migraine Associated Vertigo (MAV) — and the subset called Vestibular Migraine (VM). dizziness-and-balance.com/disorders/central/migraine/mav.html; Zugriff am 2.8.2017

9) Soto E, Vega R, Sesena E. 2013. Neuropharmacological basis of vestibular system disorder treatment. J. Vestib. Res. 23:119–37

10) Lempert T, Olesen J, Furman J, Waterston J, Seemungal B, et al. 2012. Vestibular migraine: diagnostic criteria. J. Vestib. Res. 22:167–72

11) Obermann M, Strupp M, Holle D, Straube A, Förderreuther S, et al. 2013. Vestibuläre Migräne. Akt. Neurol. 40:494–500

12) Kramer J, Buskirk J. 2014. Vestibular Migraine (a.k.a. Migraine Associated Vertigo or MAV). vestibular.org/migraine-associated-vertigo-mav; Zugriff am 2.8.2017

13) Hall T, Briffa K, Hopper D. 2008. Clinical evaluation of cervicogenic headache: a clinical perspective. J. Man. Manip. Ther. 16:73–80

Autor

Firat Kesgin

​​Physiotherapeut; 2013 B. Sc. Physiotherapie an der HAN University, Nijmegen (NL); 2012 Weiterbildung am Schwindelzentrum PBRC, Seattle (USA); 2013–2015 PT auf neurologischen Stationen; seit 2015 Masterstudium an der University of Brighton (UK); eigene Privatpraxis in Hamburg mit Schwerpunkt Schwindel; Referent für vestibuläre Therapie und Schwindel; 2016 Gründung eines Fortbildungsinstituts für vestibuläre Rehabilitationstherapie.

info@ivrt.de

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