_Wissenschaft

Wissenschaft trifft Praxis: Rückenschmerzbehandlung

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Inwiefern ist die Kräftigung der Muskulatur bei Rückenschmerzen von primärer Bedeutung? Dr. Christian Stein stellte auf den pt HOLIdays in Bochum einen alternativen Therapieansatz vor. Hier finden Sie die Zusammenfassung.

​Rückenschmerzbehandlung - kritische Ideen​

Der menschliche Körper ist optimal an die auf ihn einwirkenden Belastungen angepasst. Zur Anpassung kann er verschiedene Systeme nutzen. Das mechanische System, das metabolische System, das neuroendokrine System und andere werden spezifisch reagieren. Der Körper reagiert mit allen Systemen mehr oder weniger stark auf diese Reize (Tensegrity – Prinzip).

Zusätzlich ist der Mensch ein ökonomisches System, das maximal energieeffizient arbeitet. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen werden dadurch geschont. Unter diesen Gesichtspunkten muss die therapeutische Idee der Kräftigung der Rückenmuskeln hinterfragt werden.

Jede muskuläre Aktivität führt zu einem Verbrauch an Ressourcen. Daher versucht der gesunde Körper die muskuläre Aktivität so gering wie möglich zu halten – er arbeitet effizient. Im aufrechten Stand und der Vorneige werden beispielsweise beim Gesunden so wenig Muskeln wie nötig angespannt. Die muskuläre Aktivität liegt fast bei „0“. Dieses Phänomen wurde bereits durch Floyd & Silver Mitte des letzten Jahrhunderts durch EMG-Messungen verifiziert. Ermöglicht wird dieser Effekt durch die Funktion der Faszia thorakolumbalis.

Das Bindegewebe kann lange belastet werden, ohne dass die Muskeln arbeiten müssen. Dadurch werden Ressourcen geschont. Entsprechend kann man bei statisch arbeitenden Menschen („PC-Arbeit“) einen Umbauversuch der belasteten Stellen, zum Beispiel des Nackens, beobachten. Die Mm. rotatores der Wirbelsäule ziehen von einem Wirbelkörper zum nächsten. Sie verbinden als aufrichtende Muskulatur die Wirbelkörper miteinander. Bei einer Kontraktion kommt es dadurch zu einer Druckerhöhung der Wirbelsäule und der Bandscheiben. Es kommt nie zu einer Druckreduktion oder gar Entlastung. Die Wirbelsäule oder Bandscheiben werden dadurch immer belastet und nie entlastet. Zusätzlich konterkariert die Kräftigung das Bestreben des Körpers, möglichst wenig Muskelkraft einzusetzen. Erst durch den optimalen Einsatz der myofaszialen Strukturen ist es möglich, die Muskeln „abzuschalten“ und die Bandscheiben zu entlasten.

Fazit: das Therapieziel darf nicht sein, die Muskulatur zu kräftigen und die Wirbelsäule zu stabilisieren. Eine erfolgreiche Therapie muss das ökonomische / optimale Zusammenspiel zwischen Muskulatur und Faszie wieder herstellen. Im Hinblick auf die zusätzliche Belastung der geschädigten Strukturen ist eine Kräftigungstherapie grundsätzlich zu hinterfragen. Die Förderung der (venösen) Drainage der betroffenen Segmente stellt gerade in der akuten Behandlung einen wichtigen Faktor dar und sollte zur Schmerzsenkung konsequent durchgeführt werden. Eine aufgabenspezifische und alltagsgerechte Aktivierung der Patienten steht im Vordergrund. Es ist nicht sinnvoll, neue Bewegungen zu erlernen mit einem Bewegungsapparat, der neurophysiologische, metabolische und mechanische Störungen aufweist. Zur Rehabilitation sollten bekannte Bewegungsmuster einbezogen werden.

Ausblick: die nächsten pt HOLIdays planen wir bereits zur therapie Leipzig vom 7. bis 9. März 2019: https://www.therapie-leipzig.de

pt online 08.11.2018


Literatur

Gracovetsky S. 2008. Is the lumbodorsal fascia necessary? J. Bodyw. Mov. Ther. 12;3:194–97
Lederman E. 2010. The myth of core stability. J. Bodyw. Mov. Ther. 14;1:84–98
Levin SM. 2002. The tensegrity-truss as a model for spine mechanics: Biotensegrity. J. Mech. Med. Biol. 2(03n04): 375–88

Autor

Dr. Christian Stein

​Dr. med.; Physiotherapeut; Arzt; Osteopath; FDM-Instruktor; internationaler Referent. Weiterbildungen: Osteopathie; FDM; Didaktik und Präsentationstechnik; Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin. ​

zentrale@akademie-stein.de

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